Wer weiß, wie Gesetze und Würste zu Stande kommen, kann nachts nicht mehr ruhig schlafen. Otto von Bismarck

Frauenbilder-Eintopf

Man nehme eine gute Auswahl frauenfeindlicher Ressentiments, rühre sie zu einem Brei und schon hat man eine Erklärung für die gescheiterte Ehe des Ex-Präsidenten.

Manchmal weiß ich nicht, ob es klug ist, als Frau auf frauenfeindliche Ressentiments zu reagieren oder ob es nicht mehr persönliche Größe zeigen würde, einfach zu schweigen. Frau erschiene im Falle des Schweigens cooler, abgeklärter, toleranter. Nur manchmal ist es eben so, dass das Schweigen nicht auszuhalten ist: Weil die Ressentiments so bedenkenlos wie im Nebel daherkommen und sich langsam zu einer breiigen Masse an Widerlichkeiten zusammenfügen.

Antonia Baum, eine „FAZ“-Autorin, hat das vor einiger Zeit in einem sehr klugen Essay „den Frauenbilder-Eintopf“ genannt, als sie über Bettina Wulff schrieb. Sie benannte die Zutaten, aus dem dieser Eintopf im Falle Wulff zusammengeschnippelt wird: ein bisschen Hure, ein bisschen Hexe, ein bisschen blonde Schönheit. Fertig!

In diesem Eintopf rühren im Fall Bettina Wulff viele herum seit dem Tag, an dem sie an Christian Wulffs Seite auftauchte. Übrigens Frauen wie Männer. An manche Äußerung, manchen Tweet habe ich mich schon gewöhnt, da bin ich tolerant wie abgestumpft. Das überlese ich. Gestern zum Beispiel: ALF, der auf Twitter fragt, ob Bettina Wulff sich jetzt an David McAllister ranmache. Oder BOB, auch hinter einem Comicfoto verschanzt, der fragt, ob Bettina Wulff jetzt in ihren alten Job zurückkehrt. Und damit ist bestimmt nicht der Pressejob bei einer Drogeriekette gemeint.

Was ich heute nicht überlesen kann, ist ein Artikel in der „FAZ“ und die Tweets von Hans-Joachim Otto. Hans-Joachim Otto ist FDP-Mitglied und Parlamentarischer Staatssekretär im Rösler-Ministerium. Er twitterte gestern:

„Tragisch. Die Vorgänge, die #Christian_Wulff sein Amt gekostet haben, hat er nur getan, um Bettina zu imponieren. So sind (manche) Frauen.“

Auf die Nachfrage eines Twitterers, ob das wirklich so sei und woher Otto das wisse, schreibt dieser:

„Zweifeln Sie ernsthaft daran? ALLE Vorwürfe stammen aus der Zeit mit Bettina, kein einziger aus der Zeit mit Christiane.“

Da sind sie wieder, die Zutaten Schlampe, Hexe, Bettina, die Böse, die Christian ins Verderben riss. Ob MdB Otto überhaupt gemerkt hat, was er da über sich selbst offenbart? Und wenn er Christian Wulff kondolieren wollte, wäre da nicht ein anderer Weg besser geeignet? Und ein „FAZ“-Journalist schreibt heute unter der Überschrift: „Der Glanz war nur Schein“: „Angeblich“ habe Christian Wulff Bettina auf einer Reise nach Südafrika kennengelernt – und insinuiert damit, vielleicht haben sie sich ja doch woanders kennengelernt. Wieder Zutat Schlampe. Und es folgt die nächste Portion: „Sie galt als lebensfroh und munter, aber auch als jemand, der eher an Glanz und Film interessiert ist denn an intellektuellen und musischen Fragen.“

Und noch ein Löffel in den stinkenden Bettina-Wulff-Brei: „Fast jeder Fehler, der ihn in den vergangenen vier Jahren in Bedrängnis brachte, war entweder von ihr begangen worden – etwa das Upgrade auf einem Ferienflug – oder von ihm, in der Absicht, ihr und ihrer Neigung zur Welt des Scheins zu gefallen.“

Jetzt ist mir endgültig schlecht. Mit diesem Frauenbild-Eintopf ist der Weg nicht mehr weit bis nach Indien: Die Studentin, die Mitte Dezember von sechs Männern in einem Bus vergewaltigt, geprügelt und aus dem Bus geworfen wurde, die ist doch am Ende auch selbst schuld gewesen. Oder nicht?

Leserbriefe

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