Diäten wirken immer nur so lange, wie man sie einhält. Daniel Küblböck

„Ich bin lieber unter Handwerkern als unter Künstlern“

Ersetzt die Serie den Film und darf man anspruchsvolles Kino in 3D zeigen? Filmemacher Wim Wenders hat klare Vorstellungen davon, wie sich das Kino entwickeln sollte und ahnt, woran seine Wünsche scheitern könnten.

The European: Herr Wenders, man weiß momentan bei Ihnen nicht so recht, an welcher Stelle man zuerst gratulieren soll: der neue Film, die …
Wenders: … das reicht schon, wenn Sie mir zu dem gratulieren!

The European: Die diesjährige Berlinale stand ganz in Ihrem Zeichen, es gab eine Oscar-Nominierung und das renommierte MoMA in New York zeigt eine ­Retrospektive ihres Werkes. Muss man sich ­Sorgen machen, dass Sie …
Wenders: … abheben? Nein!

The European: Einen Gang zurückschalten?
Wenders: Auch nicht. Arbeit macht nur Arbeit und je mehr man macht, desto mehr fällt an. (lacht) Aber ich arbeite gern und ich wollte „Every Thing Will Be Fine“ auch unbedingt auf der Berlinale zeigen, um klarzustellen, dass der Goldene Ehrenbär mir nicht für ein abgeschlossenes Werk verliehen wurde,­ sondern dass es weitergeht. Das war meine Hintertür in die Zukunft.

The European: Sie haben mal gesagt, Schönheit stecke in Wahrheit. Hilft das, die recht lange Spielfilmpause seit „Palermo Shooting“ (2008) und Ihren Fokus auf den Dokumentarfilm zu verstehen?
Wenders: Nicht nur in einer Dokumentation kann Wahrheit stecken. Die ist nicht an eine spezifische Form gebunden. Auch jede Geschichte kann ein Stück Wahrheit in sich tragen, oder zumindest „wahrhaftig“ sein, wenn sie einer Wirklichkeit gerecht wird. Grundsätzlich denke ich, dass man bei fast allen Dingen im Leben auch von ihrer Wahrheit ­reden kann. Auch die Art und Weise, wie ein Schauspieler etwas spielt, kann etwas Wahres und Authentisches zeigen. Das Einzige, bei dem ich immer Bedenken habe, ist, wenn einem Film dieses Oxymoron vorangestellt ist: „Nach einer wahren Geschichte“. Da gehen bei mir die Alarmlichter an.

The European: Inspiriert von …
Wenders: „Inspiriert von einer wahren Geschichte“ – das ist zumindest ehrlicher, aber immer noch irgendwie murksig. Das will einem nahelegen, dass da was Wahres dran ist, aber auch nur bedingt.

The European: Bei „Every Thing Will Be Fine“ steht der tragische Unfalltod eines kleinen Jungen im Mittelpunkt, der die Leben der Mutter, Kate, und des Schriftstellers Tomas, der den Jungen überfährt, verbindet. Trotzdem ist es kein Film über Schuld und Sühne, sondern über die Wendepunkte im Leben jedes Einzelnen.
Wenders: Unfälle sind Ereignisse, die unsere Leben in ein „davor“ und „danach“ teilen. Der Unfall ist der Katalysator der Geschichte, die ich zeige. Er verbindet alle diese Leben miteinander, ob die Protagonisten es wollen oder nicht. Tomas verarbeitet und sublimiert das traumatische Ereignis in einem Roman,­ in dem auch Christopher, der kleine Bruder des verunglückten Jungen, auf die eine oder andere­ Weise vorkommt. Aber dann steht zwölf Jahre später ein junger Mann aus Fleisch und Blut vor Tomas,­ und der muss sich auf einmal Fragen gefallen lassen, mit denen er längst glaubte, abgeschlossen zu haben. Vor allem muss er sich selbst beantworten, ob dieser reale junge Mann namens Christopher ihm nicht weitaus wichtiger sein sollte als die an ihn angelehnte Romanfigur.

„Ich war vielleicht zu optimistisch“

The European: Ein Satz aus dem Film, der bei mir hängen blieb, stammt von der Mutter des Jungen, Kate, die zum Unfallfahrer Tomas sagt: „We can only try to believe that there is a meaning to this.“ Er symbolisiert diese Notwendigkeit, das Irrationale, den Unfall, erklärbar, gar nützlich zu machen.
Wenders: Man begreift oft erst im Nachhinein, wozu etwas passiert ist. Kate sagt nicht, dass sie das Geschehene versteht, nur, dass sie es für möglich hält, ­damit zu leben. Sie ist meine eigentliche Heldin des Films. Nicht nur, dass sie Tomas keine Schuld am Unfall zuweist, sie weiß auch mit der Einsamkeit und dem Schmerz umzugehen, ohne sich abzuschotten.

The European: Man kann es auch als Zwangs­optimismus ansehen.
Wenders: Kann man, aber es ist keine Flucht oder Weltfremdheit ihrerseits. Sie versucht, aus der bitteren Vergangenheit eine sinnvolle Gegenwart zu gestalten. Und sie kann Tomas auch deshalb verstehen und auf ihn zugehen, weil sie sich selber Vorwürfe macht. Die teilt sie sogar mit ihm, damit er sieht, dass er nicht der Einzige ist …

The European: Sie sind bekannt für Ihre Roadmovies, aber bei diesem Film geht die Reise nach innen statt nach außen. Ist das schwieriger zu zeigen?
Wenders: Das ist grundsätzlich schwerer. Ein bisschen hat mir geholfen, dass wir in der Fremde gedreht haben, in Kanada, weit weg von Berlin. So hatte das durchaus etwas von einem Roadmovie. Auch in Englisch zu drehen hat Abstand gegeben, diese Geschichte zu erzählen.

The European: Überraschend ist auch, dass Sie den Film in 3D gedreht haben, was man eher mit Blockbuster als Arthouse in Verbindung bringt.
Wenders: Es ist ein grässliches Missverständnis, dass viele denken, diese Technik habe im Popcorn-­Kino ­ihren Ursprung und solle deshalb auch bitte da bleiben. Ein anderes Beispiel dazu: Vor über 20 Jahren hat man zum ersten Mal aufwendige „digitale Effekte“ gesehen, in sündhaft teuren ­Michael-Jackson-Musikvideos oder in der Werbung. Dann kamen diese Effekte im Blockbuster-Kino an, wo sie benutzt wurden, um die ganze Welt in die Luft zu sprengen oder um ­andere neue Trickaufnahmen von kolossalem Ausmaß zu erfinden. Auch damals dachte jeder, diese digitale Technik sei nur für Actionfilme, aber doch nicht für Autorenfilme gedacht. Ein paar Jahre später war eben diese digitale Bildsprache die Rettung des Dokumentarfilms und letztlich des Arthouse. Durch die gesunkenen Kosten konnte man dort plötzlich auch ganz neu erzählen. Ähnliches erwarte ich nach wie vor auch vom 3D-Format: dass es vom Blockbuster-Kino in den Dokumentarfilm und die Independents hinüberwandert.

The European: Sind Sie zuver­sichtlich?
Wenders: Ich war vielleicht zu optimistisch. Als wir vor über vier Jahren entschieden, „Every Thing Will Be Fine“ in 3D zu drehen, dachte ich, dass es schon viele ­Erzählfilme in dem Format geben würde, wenn ­unser Film erscheint. Aber bisher hat sich noch ­niemand daran gewagt, wir sind immer noch Vorreiter. Dabei hilft 3D dem Zuschauer, eine andere Verbindung zu den Schauspielern und der ­Geschichte zu entwickeln. Er fühlt sich mehr einbezogen, ist mehr in der Handlung „drin“.

The European: Verwundert es Sie nicht, dass diese dogmatische Verzichthaltung gerade im innovativen Arthouse anzutreffen ist?
Wenders: Mich ärgert das maßlos. Es wäre eine Schande, wenn diese Technik verschwinden würde, bevor sie überhaupt zeigen könnte, was sie wirklich kann. Aber es gibt einfach keinen inhaltlichen Fortschritt. In den USA gehen die Besucherzahlen zurück, weil 3D nichts Neues mehr bietet und die Zuschauer bereits jeden Effekt kennen. Dabei kommt es überhaupt nicht auf die Effekte an, sondern nur auf die Geschichte! Ich finde 3D in einem intimen Film wie unserem sinnvoller als in einem Actionfilm. Da ist 3D eine bloße Zutat oder eine zusätzliche ­Attraktion, bei uns ist es notwendig und gewollt.

The European: Gerade 3D könnte dem Arthouse wieder neues Leben einhauchen. Regisseure wie David Lynch sehen das Genre ja bereits tot.
Wenders: Diese Begriffe sind doch in einem ständigen Wandel. Was vor 20 Jahren Arthouse war, mag vorbei sein, dafür dreht jetzt ein polnischer Regisseur einen Film wie „Ida“, der die Arthouse-Kinos füllt. Das ist eine andere Art von Film als Lynchs „Blue Velvet“, aber für mich immer noch so unabhängig und künstlerisch genauso wertvoll. Da ist nichts „tot“, das hat sich nur verschoben.

The European: Verabschiedet sich das Arthouse oder der Autoren­film nicht gerade von der großen Leinwand in die TV-Serienlandschaft? Von Serien wie „The Wire“ wird behauptet, sie würden das leisten, was Kino müsste, aber nicht mehr kann.
Wenders: Das stimmt völlig! In Amerika konzentriert sich ein Großteil der Talente, Schauspieler, Regisseure und Produzenten auf Serien und nicht mehr aufs Kino. Wieso? Weil es dort größeren Freiraum gibt, man mehr Zeit hat, etwas länger zu erzählen oder eine Geschichte und die dazugehörigen Charaktere besser aufzubauen. Es gibt ein Publikum für Serien, weil das Publikum vom Kino enttäuscht ist. Im Kino kriegen sie immer die gleichen Remakes und Sequels aufgetischt. Da ist eine Serie viel abwechslungsreicher, spannender und innovativer.

The European: Sie haben verschiedenste Arten von Film gedreht. Würde eine Serie Sie ebenfalls interessieren?
Wenders: Unbedingt. Ich hätte das auch um ein Haar gemacht, aber dann hätte ich „Every Thing Will Be Fine“ nicht fertigstellen können. Also musste ich das Angebot schweren Herzens abgeben.

„‚Der Himmel über Berlin‘ würde heute untergehen“

The European: Jetzt könnten Sie es ja angehen.
Wenders: Mal schauen, was sich ergibt.

The European: Der Unterschied zwischen Entertainment-­Kino und Arthouse verläuft ja auch entlang der Trennungs­linie Künstler oder reiner Storyteller …
Wenders: … seit dem Beginn des Kinos ist das schon so: Kino als profitable Industrie auf der einen Seite oder als ausdrucksstarke Kunst der Gegenwart auf der ­anderen. Das ist nichts Neues. Heute ist es vielleicht nur extremer – in beide Richtungen.

The European: Würden Sie sich denn als Künstler bezeichnen?
Wenders: Hab’ ich noch nie gemacht. Es steckt so viel Handwerk im Film, und es ist immer ein Projekt von vielen! Kunst ist per definitionem eher das Werk einer einzelnen Person. Kafka hat dazu was Schlaues gesagt: „Die Kunst hat das Handwerk nötiger als das Handwerk die Kunst.“ Ich bin lieber unter Handwerkern als unter Künstlern …

The European: Wie schätzen Sie diesbezüglich die Lage hier in Deutschland ein? Immerhin hat das Land eine ­Film­tradition und Bewegungen wie den Expressionistischen Film oder den Neuen Deutschen Film hervorgebracht.
Wenders: Das Kino ist ständig im Fluss. Der Expressionismus galt lange Zeit als die vorderste Front des innovativen Films, dann kamen neue Strömungen und der Expressionismus war plötzlich passé. Beim Neuen Deutschen Film war es nicht anders. Inzwischen ist der auch nur noch Filmgeschichte …

The European: Eine Bewegung nach dem Neuen Deutschen Film blieb aus. Für viele endete er mit Schlingensief und seitdem warten wir auf den Neuen Neuen Deutschen Film.
Wenders: Es gab da noch die Berliner Schule … Lassen wir nicht außer Acht, dass es hierzulande heute eine gut funktionierende Filmindustrie gibt, die mehr Filme produziert als je zuvor. Wir vom Neuen Deutschen Film haben damals Tabula rasa machen können, weil es einfach keine richtige Industrie mehr gab. Heute ist es von den Möglichkeiten her viel schwerer, sich gegen die Industrie zu stellen und was zu drehen, was innovativ und neu ist. Und außerdem können es potenziell so viele tun … Mehr als damals geht es heute um Aufmerksamkeit. Wer seinen Film nicht gut platzieren kann, ist weg vom Fenster. Würde ich heute als junger Regisseur noch einmal „Der Himmel über Berlin“ drehen, könnte es gut sein, dass der Film nur ein paar Wochen liefe und dann untergehen würde.

The European: Warum?
Wenders: Filme haben heute nicht die Zeit, eine Aura oder eine Fangemeinde zu ent­wi­ckeln. Dahinter stehen schon sieben andere in den Startlöchern. Viele gute ­Filme ­gehen heute komplett unter, die früher vielleicht mal zu Klassikern geworden wären.

„Man kann Berlin nicht pittoresk darstellen“

The European: Sie drehen rund um den Globus und ­oft mit ausländischen Schauspielern. ­Würden Sie sich trotzdem nach wie vor als deutschen Regisseur bezeichnen?
Wenders: Bis ins Mark.

The European: Seit jeher?
Wenders: Das habe ich vor allem in der Fremde ­gelernt. 1978 bin ich nach Hollywood gegangen und fast zehn Jahre da geblieben. Ich dachte, ich könnte amerikanische Filme machen. Aber erst da, in Amerika, wurde mir bewusst, dass ich im Herzen Deutscher bin und ein europäischer Regisseur. „Der Himmel über Berlin“ war mein Heimkehrerfilm. Manchmal muss man lange weg gewesen sein, um sich selber und seine Kultur aus der Ferne betrachten zu können, und um zu verstehen, wo man hingehört.

The European: Mit „Der Himmel über Berlin“ haben Sie damals ein Spiegelbild der Stadt auf die Leinwand gebracht. Woody Allen, der in letzter Zeit jede europäische Metropole filmisch verewigt hat, meinte einst, er wüsste nicht, wie er einen „Berlin-Film“ machen könnte. Verstehen Sie, dass es für einen Fremden schwierig ist, die Stadt in Bild und Ton wiederzugeben?
Wenders: Viele junge Leute würden Woody Allen wohl widersprechen, denn die kommen aus aller Herren Länder nach Berlin, weil diese Stadt so cool, direkt und verständlich ist. Dass Woody Allen keine Idee für einen Berlin-Film hat, mag andere Gründe­ ­haben, vielleicht in der Geschichte der Stadt. Das wäre ja durchaus nachvollziehbar. Es erstaunt mich im Moment, wie viele junge Israelis nach Berlin ziehen, um sich hier „im Exil“ zu verwirklichen. Das hätte man vor 50 Jahren nicht glauben mögen. Das spricht für Berlin und seine Weltoffenheit. Was man auch sagen muss, ist, dass die Filme­ von Woody Allen ein eher touristisches Bild der respektiven Städte widerspiegeln. Das geht in Berlin nicht.

The European: Weil Berlin weniger szenisch oder ikonografisch ist als Paris oder London?
Wenders: Man kann Berlin nicht pittoresk darstellen. Damit fällst du auf die Schnauze – um es berlinerisch zu sagen.

The European: Was wäre die Essenz der Stadt, wenn Sie heute noch einen Berlin-Film drehen würden?
Wenders: Schwierig, weil die Stadt sich laufend verändert. Ich würde wohl vermeiden, in den Vierteln zu drehen, die nach wie vor als hip gelten, im Prenzlauer­ Berg oder in Mitte. Aber Berlin ist vor allem ein Lebensgefühl. Dem müsste man auf die Spur kommen, und zwar bevor es sich schon wieder verflüchtigt hat.

The European: Viele Filme, die den Fokus auf die Stadt richten, tun dies entweder mit Hinblick auf die Geschichte oder auf das Nachtleben. Überrascht Sie das?
Wenders: „Lola rennt“ passt in keine der beiden Kategorien und wurde trotzdem so ein mythologischer Kultfilm.

The European: Vielleicht gerade weil er die Ausnahme ist.
Wenders: Auch was dran. Ich würde mich auf keinen Fall bei diesen beiden Kategorien bedienen wollen, sondern zeigen, wie international die Stadt geworden ist. Dass man an jeder Straßenecke eine andere Sprache hört. Das ist doch fantastisch! Als wir den „Himmel über Berlin“ drehten, sprach die ganze Stadt deutsch. Mittlerweile ist das unvorstellbar.

The European: Abschließend: Welches nächste Projekt steht bei Ihnen an?
Wenders: Ich mache im Sommer einen kleinen Film nach einem Text von Peter Handke, auf Französisch. Eine Frau und ein Mann, ein Sommerdialog. Ich taste mich noch vorsichtig an ein Langzeitprojekt über Architektur ran, das wird aber über viele Jahre gehen. Ein großes Projekt habe ich momentan nicht, und das ist auch gut so. Ich habe lange an „Das Salz der Erde“ und „Every Thing Will Be Fine“ gearbeitet und brauche eine kleine Auszeit.

The European: Um sich auf den Lorbeeren auszuruhen?
Wenders: Es lässt sich nirgendwo so schlecht ausruhen wie auf denen.

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