Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt. Mahatma Gandhi

Wir sind eine Kirche der Armen

Für Papst Franziskus ist die Zukunft der Kirche eine arme Kirche für die Armen. Das ist für ihn mehr als ein sozialethisches und sozialpolitisches Anliegen; ihm geht es vor allem um ein biblisches, besonders ein christologisches Thema.

Jesus ist gekommen um den Armen das Evangelium zu verkünden. Die erste Seligpreisung der Bergpredigt lautet: „Selig die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“. In einem der ältesten Texte des Neuen Testaments, in dem vorpaulinischen Hymnus im Philipperbrief, heißt es von Jesus Christus: „Er war Gott gleich … entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“. Paulus nahm dieses Motiv auf: „Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“. […]

Papst Franziskus Handeln steht in großer Tradition

Papst Franziskus steht mit seiner vorrangigen Option für die Armen in einer großen Tradition. Er nimmt ein wichtiges Anliegen des Konzils und der nachkonziliaren Entwicklung auf und setzt den himmelschreienden Skandal der Armut und des Elends in der südlichen Hemisphäre auf die Tagesordnung der universalen Kirche. Damit leitet er eine neue Phase der Rezeptionsgeschichten des Zweiten Vatikanischen Konzils ein. Im Hintergrund steht nicht unser westlicher Modernisierungsdiskurs sondern der Dritte-Welt-Diskurs, der die negativen Folgen der Modernisierung und Globalisierung für die südliche Hemisphäre bedenkt. Er sieht darin die Folgen der anthropologischen Krise der Individualismus und Konsumismus.

„Diese Wirtschaft tötet“ (Papst Franziskus)

Für seine deutlichen Worte ist der Papst auch in Deutschland kritisiert worden. Vor allem der Satz „Diese Wirtschaft tötet“ hat für Widerspruch gesorgt. Man muss freilich genau lesen. Es heißt nicht „Die Wirtschaft tötet“ sondern „Diese Wirtschaft tötet.“ Der Papst kritisiert eine ganz bestimmte Art des Wirtschaftens, nämlich den Trend – so Kardinal Reinhard Marx – zur Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die den Rhythmus der Gesellschaft von den Verwertungsinteressen des Kapitals abhängig macht. In der Tat, wenn 1,4 Milliarden Menschen in extremer Armut leben und jährlich 5,6 Millionen Kinder an Unterernährung sterben, dann kann mit dem globalen Weltwirtschaftssystem etwas nicht in Ordnung sein. Gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit will Franziskus seine Stimme erheben. Es geht ihm nicht um eine wirtschaftswissenschaftliche Analyse, nicht um irgendein System, nicht um irgendeinen „Ismus“. Das Wort Kapitalismus kommt gar nicht vor. Es geht um einen prophetischen Aufschrei angesichts von Millionen von Menschen, welche nur noch als Abfall (scarto) betrachtet werden.
Die Antwort der Kirche können nach Papst Franziskus nicht nur kirchliche Hilfsorganisationen sein, so sehr sie Anerkennenswertes leisten. Franziskus geht weiter. Die Kirche ist keine wohltätige „Nichtregierungsorganisation (NGO)“. Es geht darum, in den Armen Christus zu begegnen, ja Christus zu berühren. Die Kirche ist der Leib Christi; in den Wunden der anderen berühren wir die Wunden Christi. „Was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Das ist eine zutiefst mystische Sicht. Sie erinnert an Franz von Assisi, der einen Aussätzigen umarmte, und an die Berufungserfahrung der Mutter Teresa, die einen Sterbenden in ihr Kloster trug und dabei die Erfahrung machte, Christus in den Armen zu tragen. Ähnlich geht es Papst Franziskus mit der Option für eine arme Kirche für die Armen um mehr als soziale Gerechtigkeit, es geht um Barmherzigkeit.
Im Zentrum des Evangeliums steht für Papst Franziskus die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes. Sie ist zum Thema seines Pontifikats geworden, das sich inzwischen in zahllosen Ansprachen findet und seither viele Menschen innerhalb wie außerhalb der Kirche ins Herz getroffen, angesprochen und bewegt hat. […]

Barmherzigkeit steht im Zentrum

Für Johannes XXIII. war die Barmherzigkeit die schönste aller Eigenschaften Gottes. In seiner Rede zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 mahnte er, heute nicht mehr die Waffen der Strenge, sondern die Arznei der Barmherzigkeit anzuwenden. Damit hat er den Grundton für die pastorale Orientierung des Konzils angeschlagen. Johannes Paul II. ist die Bedeutung der Botschaft von der Barmherzigkeit angesichts der Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der Schoa und der kommunistischen Zeit in Polen aufgegangen; diesem Thema hat er seine zweite Enzyklika Dives in misericordia (1980) gewidmet. Später hat er die Anregungen der Schwester Faustina Kowalska aufgegriffen, den Sonntag nach Ostern zum Barmherzigkeitssonntag gemacht und Schwester Faustina als Erste im Jubiläumsjahr 2000 programmatisch zur Ehre der Altäre erhoben. Benedikt XVI. hat das Thema in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est (2005) weitergeführt und vertieft.
In dieser großen Tradition hat Jorge Bergoglio als sein bischöfliches Leitwort das von Beda Venerabilis (7./8. Jahrhundert) stammende Wort Miserando et eligendo („indem er mit den Augen seiner Barmherzigkeit auf mich geschaut hat, hat er mich erwählt“) ausgesucht. Als Papst steht er dafür ein, das Thema der Barmherzigkeit in unserer Situation neu fruchtbar zu machen. Immer wieder sagt er: Gottes Barmherzigkeit ist unendlich; Gott wird nie müde, barmherzig zu jedem zu sein, der danach verlangt. Gott gibt keinen Menschen auf, der auf seine Barmherzigkeit vertraut. Ein bisschen Barmherzigkeit kann die Welt verändern.
Manche misstrauen inzwischen der Rede von der Barmherzigkeit. Selbstverständlich kann man sie wie alles in der Welt missverstehen und missbrauchen. Richtig verstanden ist Barmherzigkeit keine billige Gnade, die es sozusagen zum Schleuderpreis gibt. Sie ist kein Weichspüler, welcher die Dogmen und Gebote Gottes aushöhlt oder gar außer Kraft setzt. Die Barmherzigkeit ist ja selbst eine Offenbarungswahrheit und kann schon darum nicht gegen die Wahrheit ausgespielt werden. Sie ist selbst ein Gebot Gottes. Sie überbietet Gerechtigkeit, hebt sie aber nicht auf; die Gerechtigkeit ist vielmehr das Minimum der Barmherzigkeit, das wir dem anderen Menschen schulden.
Barmherzigkeit ist weder bloßes Gutmenschentum noch eine schwächliche pastorale Nachsichtigkeit und Nachgiebigkeit, sondern Ausdruck der Souveränität und ungeschuldeten Großzügigkeit der göttlichen Liebe, welche über alle noch so tiefen Gräben von Sünde und Schuld hinweg jedem, der umkehrbereit ist, eine neue Chance schenkt. Sie lässt keinen, der danach verlangt, endgültig fallen. Die Kirche, die sich als Sakrament der Barmherzigkeit Gottes versteht, sollte daran Maß nehmen. Sie wir in Zukunft daran noch mehr als bisher gemessen werden.
Die Botschaft von der Barmherzigkeit, die aufatmen und immer wieder neu anfangen lässt, ist der Grund für die Freude des Evangeliums. Sie ist die Botschaft von der je größeren Liebe Gottes, die der wir bejaht und angenommen sind. In die selige Gemeinschaft mit Gott sind wir berufen, durch die Taufe schon jetzt aufgenommen sind, sie steht uns wenn wir gefallen sind immer wieder neu offen, und in sie dürfen wir einmal endgültig eingehen. Die Freude als ganzheitliche Erfüllung und ganzheitliches Glück des Menschen finden wir letztlich nur in der Gemeinschaft mit Gott. Die Gemeinschaft und der Friede mit Gott machen uns zu den im Evangelium glücklich gepriesenen Friedensstiftern, die ihre Freude nicht für sich behalten, sondern mit allen Menschen teilen. In diesem Sinn, der den ganzen Menschen in seiner Emotionalität wie seiner Spontaneität und Aktivität umfasst, ist das Reich Gottes Friede und Freude im Heiligen Geist.
Mit der Botschaft von der Freude des Evangeliums versteht sich die Kirche nicht länger als uneinnehmbare Festung im Zustand permanenter Verteidigung gegenüber einer ihr fremd und oft feindlich gegenüberstehenden Welt. Sie will Weggefährtin sein, welche Gaudium und spes, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders Armen und Bedrängten aller Art teilt (GS 1). Als Botin des Evangeliums will sie nicht Herrin des Glaubens, sondern Dienerin der Freude sein.
Darum die Aufmunterung des Papstes, für die er sich auf das Apostolische Schreiben von Paul VI. „Freut euch im Herrn“ (1975) bezieht: „Die Welt von heute, die sowohl in Angst wie in Hoffnung auf der Suche ist, möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben“.
Literaturhinweis: Walter Kardinal  Kasper, Papst Franziskus, Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe, Verlag Bibelwerk, Stuttgart 2015. € 14,30.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alan Posener, Andreas Kern, Mike Schuster.

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