Jeder von uns kann heute zum Reporter werden. Srdja Popovic

Der Virus Revolution

Die Potentaten des Nahen Ostens fürchten die Macht der Revolution – was in Tunesien und Ägypten Wirklichkeit geworden ist, könnte auch in Algerien, Syrien, Jemen oder Sudan passieren. Jetzt gilt es, die Schlagworte der Revolution mit Leben zu füllen.

Hosni Mubarak ist in Ägypten entmachtet, Zine al-Abidine Ben Ali in Tunesien. Doch die Unruhen in Libyen, Jemen und Syrien gehen weiter; in Algerien, Bahrain und dem Sudan droht eine Radikalisierung der Politik. Der arabische Raum sieht sich mit einer Zeit der Turbulenzen und der Unwägbarkeiten konfrontiert: Soziale Konflikte drohen zu eskalieren, tief sitzende Vorurteile werden mit dem Ende der autokratischen Kontrollherrschaft – die so lange bestimmend für die arabische Politik war – sichtbar.

Niemand hat die Menschen gefragt

In den meisten arabischen Ländern fußten die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft nicht auf allgemein akzeptierten Legitimitätsvorstellungen. Die Menschen wurden nie gefragt, welche Macht der Staatsapparat haben solle und wie er seine Entscheidungen zu treffen habe. Politik war eine Einbahnstraße: Die Menschen mussten gehorchen und Richtlinien befolgen, ohne darüber diskutieren zu können oder die Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Ethnische und religiöse Gruppen blieben reduziert auf ihre traditionellen Werte und Beziehungsgeflechte. Sie konnten sich weder neue soziale Strukturen aneignen und ihre Werte an den gesellschaftlichen Wandel anpassen, noch konnten sie sich in allgemeine Gesellschaftsstrukturen integrieren. Von den Machthabenden wurden solche Gruppen als klar abgegrenzte Entitäten behandelt, auf ihre vormodernen Strukturen reduziert und nicht berechtigt, sich am politischen Prozess zu beteiligen oder die eigenen Haltungen zu verändern.

Die Regierungen der arabischen Welt zogen es meistens vor, potenzielle Konflikte am Ausbrechen zu hindern und lieber aktiv zu unterdrücken. Austausch, Verständigung und Integration verschiedener sozialer Gruppen waren nicht Teil dieser Strategie. Das Ziel war eine fragmentierte Gesellschaft, in der einzelne Gruppen klar voneinander getrennt waren und als separate Gruppen behandelt wurden. Manchmal griff die Regierung ein, um entstehende Konflikte zu manipulieren und damit die eigene Position als unumstrittenes Machtzentrum zu stärken. Die arabischen Autokraten sahen sich als Garanten sozialer Stabilität und Sicherheit – und als Bollwerke gegen den Ausbruch der Unruhen, die unter der Oberfläche weiter schwelten.

Religiöse Konflikte werden sich verstärken

Diese Autokraten sind jetzt entmachtet worden. Spannungen, die jahrzehntelang unterdrückt wurden, drohen hervorzubrechen. Religiöse Minderheiten werden sich unsicher fühlen, einzelne Gruppen und Fraktionen werden energisch darum kämpfen, sich ihren Einfluss am Prozess des demokratischen Wandels zu sichern. Religiöse Konflikte – zwischen Muslimen und Christen, oder auch zwischen den verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen – werden sich verstärken.

Dazu trägt auch bei, dass es in den nachrevolutionären Staaten noch keine Institutionen gibt, die sich an klaren Leitlinien orientieren, das öffentliche Leben organisieren, soziale Konflikte managen und die Grenzen der säkularen Demokratie aufzeigen und überwachen. Die Unterscheidungen zwischen Staat und Religion, zwischen Privatleben und Öffentlichkeit, zwischen Politik und Justiz und zwischen ethnischer und nationalstaatlicher Loyalität sind weiterhin unklar. Das ist das schwere Erbe der Autokratie: Macht und Erfolg hingen jahrzehntelang von Beziehungen und Loyalitätsbekundungen ab. Mechanismen der Regulierung und Transparenz gab es nicht, genauso wenig wie eine klare Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem.

Die Bedeutung der Schlagwörter der arabischen Revolutionen – Demokratie, Freiheit, Würde – ist weiterhin für viele Menschen unklar. Es ist die Herausforderung dieser Übergangszeit, Worte und Ideale mit Inhalten zu füllen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kristin Jankowski, Dirk Emmerich, Andreas Püttmann.

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen und Sie sind an Debatten interessiert? Bestellen Sie jetzt den gedruckten „The European“ und freuen Sie sich auf 160 Seiten Streitkultur. Natürlich versandkostenfrei.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

Demokratisierung in der MENA-Region

Schlaflos in Ägypten

Big_c363575c69

Kairo und andere große Städte Ägyptens versinken in Blut und Terror. Doch die Stimmen der Leidenden gehen unter in der Kakofonie der Journalisten und Analysten.

Small_4b52eb6053
von Kristin Jankowski
19.08.2013

Hoffen auf die zweite Chance

Big_5d1d860a95

Mit dem Sturz von Mohammed Mursi haben sich die alten Probleme Ägyptens nicht in Luft aufgelöst. Soll der zweite politische Frühling gelingen, führt kein Weg an den Muslimbrüdern vorbei.

Small_6383822d3d
von Dirk Emmerich
16.07.2013

Westerwelles Geisterfahrt

Big_0180263f66

Wie schon im Fall Libyen versagt der Bundesaußenminister auch angesichts der aktuellen Vorgänge in Ägypten: Dass Westerwelle den Sturz Mursis als Rückschlag für die Demokratie bewertet, unterstreicht seine Naivität.

Small_d1c1e5a0bb
von Andreas Püttmann
06.07.2013

Mehr zum Thema: Demokratie, Aegypten, Tunesien

Debatte

Menschsein und PID

Medium_fe93bd8cd2

Die Würde des Menschen ist ungeklärt

Man kann das Pferd nicht von hinten aufzäumen: Wer nicht grundlegend klärt, was die Menschenwürde ausmacht, der kann sich in der aktuellen PID-Debatte nicht auf sie berufen und weitreichende Entsch... weiterlesen

Medium_16b6af9168
von Patrick Spät
08.05.2011

Debatte

Der falsche Kandidat

Medium_dba3f860eb

Gauckelei ums Präsidentenamt

Die Nominierung Gaucks ist ein rot-grünes Schurkenstück, das kein Deut moralischer ist als das parteipolitische Geschachere von Angela Merkel. Der liberal-konservative Gauck ist nie und nimmer der ... weiterlesen

Medium_c1ee85ad5e
von David Baum
09.06.2010

Debatte

Kandidat Christian Wulff

Medium_2777625359

Requiem auf ein Amt

Das Bundespräsidentenamt war immer schon Objekt parteipolitischer Taktik, die "Würde des Amtes" immer schon eine Chimäre. Spätestens mit der Nominierung Christian Wulffs wird das auch jedem deutlic... weiterlesen

Medium_6c5969aa6a
von Jost Kaiser
07.06.2010
meistgelesen / meistkommentiert