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„Wir klammern uns zu sehr an unsere Vernunft“

Welche Funktion hat interkultureller Austausch in einem global vernetzten Zeitalter? Als Anthropologe und Ethnobotaniker erforscht Wade Davis die entlegensten Winkel der Erde. Mit Cora Currier sprach er über Umwelttourismus und die Rolle der Mythologie im 21. Jahrhundert.

The European: Über Jahrhunderte hinweg galt der Entdecker als Pionier. Hat sich das Bild geändert?
Davis: Dass bereits alles entdeckt wurde, kann nur behaupten, wer Entdecken als den Vorstoß europäischer Kultur an einem neuen Ort in der Welt definiert. Betrachtet man es jedoch von einem multikulturellen Standpunkt aus, so versteht man, dass dieses eurozentrische Konzept des Entdeckens eine Idee des 19. Jahrhunderts ist – und heute eigentlich keine Bedeutung mehr hat. Dabei begann die Anthropologie eigentlich mit einer schönen Vision: Dass die Untersuchung einer fremden Kultur, insbesondere des exotisch-anderen, Rückschlüsse auf die gemeinsame Menschlichkeit und den Menschen an sich zuließe.

Allerdings wurde die anthropologische Sichtweise schließlich verwendet, um Klassen- und Rassenunterschiede zu rationalisieren. Man verstand Kulturen als eine Ansammlung von Verhaltensmustern, die entlang des evolutionären Prozesses angeordnet waren. Verschiedene Kulturen gehörten angeblich in verschiedene evolutionäre Stufen. Selbstverständlich ordnete man dabei das viktorianische Europa als Endpunkt ein und die sogenannten primitiven Kulturen als stagnierende Irrpfade. Diese Vorstellung ist nun komplett irrelevant. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Entdeckungen von Geist und Kultur mehr geben kann. Im Gegenteil – das ganze Leben ist eine Erforschung neuer Gedankenmodelle.

„Wir sind alle Brüder und Schwestern“

The European: Also wird die Entdeckung ein intellektuelles statt eines physischen Phänomens?
Davis: Eine der spannenden Entdeckungen unserer Zeit entstammt der Genetik. Es ist uns gelungen, das zu bestätigen, was Philosophen immer gehofft hatten: dass uns etwas verbindet, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Nicht im Sinne eines Hippieklischees, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Wir entstammen alle dem gleichen genetischen Schnittmuster. Oft wird behauptet, wir Amerikaner seien kulturell auf uns selbst fokussiert. Historisch sind das jedoch alle Völker.

Die Namen vieler Indianerstämme bedeuten übersetzt „das Volk“ – mit der Implikation, dass alle anderen nichts als Wilde sind. Im Verlauf der Geschichte wurde ein ethnozentrischer Standpunkt von nahezu allen Kulturen der Welt vertreten. Wenn man jetzt jedoch akzeptiert, dass die Bevölkerung aller Kontinente von den Menschen abstammt, die vor 65.000 Jahren Afrika verließen, dann muss man auch akzeptieren, dass wir im Grunde alle die fundamental gleiche Intelligenzkapazität haben. Und dass wir dieser Genialität durch Kultur Ausdruck verleihen. Dementsprechend ist es klar: Es gibt keine Abfolge von Kulturen, nur eine Anzahl von Wahlmöglichkeiten. Andere Völker sind kein gescheiterter Versuch, so wie wir zu sein. Sie haben den Fortschritt nicht verpasst. Nein, sie sind eine andere Antwort auf die fundamentale Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein. Wir erkennen, dass unsere Kultur lediglich eine von vielen möglichen Optionen ist, entwachsen aus der relativ kurzen Geschichte von 300 Jahren Industrialisierung.

The European: Was können wir von anderen Kulturen lernen, wenn letztendlich alles nur eine Frage von Möglichkeiten ist?
Davis: Andere Völker geben uns zwar keinen Plan, wie wir uns zu verhalten haben, aber sie öffnen uns die Augen dafür, dass es andere Lebensweisen gibt. Diese Art von intellektueller Offenbarung ist die Konsequenz von intellektueller Entdeckung und mindestens genauso wichtig wie das Entdecken neuer Kontinente. Herauszufinden, wie wir gemeinsam auf diesem Planeten wohnen können, ist eine Entdeckung, an der wir alle teilhaben müssen.

The European: Wir haben heute praktisch sofortigen Zugriff auf Bilder und Stimmen aus der ganzen Welt. Welchen Einfluss hatte dies auf die Art und Weise von interkulturellen Begegnungen?
Davis: Die Zeit, als Gesellschaften voneinander isoliert lebten, ist bereits lange vorbei. Doch wie ermöglichen wir allen den Zugang zu den Vorteilen der Moderne, ohne damit den Tod ihrer Kultur zu erzwingen? Wenn Menschen von den Bedingungen ihrer eigenen Kultur entwurzelt werden, dann werden ihre Regionen geopolitisch instabil. Deshalb widerspreche ich der Theorie einer „flachen Welt“, weil davon ausgegangen wird, dass wir zu unserer Welt verschmelzen. Und das stimmt einfach nicht. Es wird eine verbundene Welt geben; eine Welt, die aus den Konsequenzen all unserer Vorstellungen besteht.

„Umwelttourismus ist lediglich eine Zirkusshow“

The European: Dennoch geht es in Gesprächen um den Erhalt von Eingeborenenkulturen oftmals darum, den Menschen einen Zugang zur globalen Wirtschaft zu ermöglichen.
Davis: Das beste Beispiel ist in Grönland, bei einer der nördlichsten Kulturen der Welt. Wenn man in die Dörfer reist, dann sieht man wunderschöne Häuser, alle haben DVDs, alle haben Mobiltelefone und Zugang zu einem wunderbaren Krankenhaus. Aber die Dorfältesten haben bereits vor fünfzig Jahren beschlossen, das Schneemobil zu verbieten. Ihnen war klar, dass alles andere nur Dekoration war – die Hunde hingegen sind ein gesellschaftlicher Dreh- und Angelpunkt. Die Hunde ermöglichten ihnen, sich frei auf dem Eis bewegen zu können und geben ihnen eine gewisse Unabhängigkeit von der Marktwirtschaft. Zudem führte das Training von Hunden bei Jugendlichen stets zu Stolz auf die eigene Kultur. Das ist ein fantastisches Beispiel dafür, wie eine Eingeborenenkultur durch eine bewusste Entscheidung ihre eigene Kultur beibehalten konnte. Leider ist so etwas viel zu selten der Fall.

The European: Und was ist mit Umwelttourismus oder Kulturtourismus? Stellt das eine sinnvolle Verbindung her zwischen lokalen Kulturen und den globalen Regeln des Marktes?
Davis: Meiner Meinung nach ist Umwelttourismus lediglich ein Wort, dass das Erschließen des Hinterlandes zu rationalisieren versucht. Und wie wir wissen, wird daraus meist nichts anderes als eine Zirkusshow für Besucher. Diese Art von Tourismus ist nicht unbedingt schlecht. Sie funktioniert allerdings nur, wenn sie die eingeborene Bevölkerung wirklich beteiligt und sie selbst die Einnahmen und das Marketing kontrollieren. Ich kenne eine unglaubliche Tanzgruppe auf den Osterinseln, die ihre ganze Show komplett selbst konzipiert hat. Die Bevölkerung in Rapanui war bereits auf eine Handvoll Menschen geschrumpft, doch die Kinder haben die Kultur neu belebt. Das ist zwar eine Form von Anpassung an die Kulturwirtschaft, aber eine authentische. Kultur kann auch neu erfunden werden.

The European: Sie berichteten über Zombies, Hexendoktoren und Religion auf unserer Erde. Wie sehen Sie die Magie in der heutigen Welt?
Davis: Mir geht es weniger um Magie als um Metaphern. Als wir uns mit der Renaissance vom Joch der Kirche befreiten, wurden alle Vorstellungen von Magie, alle Mythen und Metaphern begraben. Das war zweifellos zu einem gewissen Maße befreiend. Doch gleichzeitig haben wir auch begonnen, die Erde als leblose Umgebung wahrzunehmen. Die meisten Menschen wachsen nicht mit der Vorstellung einer lebendigen Erde auf. Vielleicht können wir uns in dieses Konzept in einem poetischen Sinne hineindenken, aber wir können es im Grunde unseres Wesens nicht begreifen, da es nicht unserer Weltsicht entspricht. In den Anden in Peru glaubt ein Kind noch wirklich, dass ein Berg ein aktiver Geist ist, der die Leben der Menschen beeinflusst. Das Kind lebt deswegen nicht in einer verrückten Traumwelt, sondern drückt im Grunde nur metaphorisch aus, was auch wissenschaftlich erwiesen ist: Die Erde ist eine Quelle des Lebens und der Nahrung. Deshalb ist die wichtigste Konsequenz nicht, dass dieser Glaube vielleicht nicht stimmt, sondern dass die Metapher den Umgang mit dem Berg verändert. Wenn man glaubt, er sei heilig, dann wird man ihn sicher nicht sprengen.

„Metaphern sind mehr als Schall und Rauch“

The European: Sie setzen sich also für eine pragmatische Sicht des Umweltschutzes ein?
Davis: Genau. Die Menschen sagen oft, lokale Gruppen und Eingeborene wären verbundener mit der Erde, sie lebten in einem Rousseauschen Idealzustand. Diese Annahme trifft nicht pauschal zu. Ich wuchs mit der Überzeugung auf, dass die Wälder in British Columbia zum Abholzen da waren. Das war das Fundament einer Ideologie namens „wissenschaftliche Forstwirtschaft“. Diese war nichts weiter als ein Slogan und sicherlich keine Wissenschaft. Wir glaubten, dass die Erde keinen Nutzen für uns hatte, außer bretterweise Zellulose hervorzubringen. Das ist etwas völlig anderes als die Erfahrung eines eingeborenen Kindes, das durch Wälder wanderte, dort Tiergeister beschwor, um anschließend sein Wissen mit einem Potlatch zu feiern. Es macht keinen Unterschied, ob der Wald ein Ort der Geister ist oder lediglich ein Haufen Zellulose. Die interessante Frage ist, welche Rolle unsere Weltsicht für den ökologischen Fußabdruck des Einzelnen spielt. Wenn ich also von Magie spreche, dann geht es mir dabei um die Metapher. Metaphern sind mehr als Schall und Rauch.

The European: Glauben Sie an die von Ihnen erwähnten Metaphern?
Davis: Ich werde oft gefragt: „Glauben Sie, dass es Zombies wirklich gibt?“ Das ist so, als würde man mich fragen, ob es Jesus Christus wirklich gibt. Glaube ich, dass ein Mann übers Wasser lief? Vermutlich nicht. Glaube ich, dass das Phänomen Jesus Christus das Verhalten der Menschen täglich beeinflusst? Selbstverständlich! Ich kann Ihnen nicht versichern, dass in Haiti wirklich Zombies rumlaufen. Allerdings weiß ich ganz sicher, dass dieser Glaube das Verhalten von Menschen in Haiti beeinflusst. Wir klammern uns zu sehr an unsere Vernunft. Vor Jahren haben wir uns vom Aberglauben befreit und nun haben wir Angst davor, auch nur wieder in die Nähe davon zu geraten. Das ist einer der Gründe, warum wir alle so verwirrt sind. Es ist ziemlich einschüchternd, wenn Sie einmal darüber nachdenken, welche Geschwindigkeit von Veränderung die Menschen wahrnehmen und verarbeiten sollen.

Wade Davis’ neues Buch „Into the Silence: The Great War, Mallory and the Conquest of Everest“ erscheint im Herbst 2011.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Juan Enriquez: „Auferstehung wird wieder wichtig“

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