Wirkliche Demokratie gibt es im Kapitalismus ebenso wenig wie in der DDR. Sahra Wagenknecht

Im Namen der Minderheit

Die Auseinandersetzung mit dem verweltlichten, gottlosen Europa ist eine der großen Missionen Benedikts. Sein Tonfall dabei: selbstbewusst und bescheiden.

Papstkritik ist wieder Mainstream geworden. Merkel ist da mit ihrer Äußerung nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ganz anders, als viele geschrieben haben, teilen ja auch Christen eben durchaus die Meinung der Kanzlerin im Bezug auf die teilweise merkwürdigen vatikanischen Vorgänge im Frühjahr. Nur kurz war die “Wir-sind-Papst”-Welle durchs Land geschwappt. Und auch diese Euphorie erfasste mehr die Publizistik als die Pfarrgemeinderäte. Die Benedikt-Begeisterung ebbte ab und die katholischen Kirchenschiffe liefen wieder auf (deutschen) Grund. Vatikanisches Hochwasser ist hier selten. Unvorstellbar in Deutschland, dass man einen deutschen Papst als einen nationalen Helden feiert wie die Polen den ihren. Das mag an der Person liegen, natürlich liegt es aber auch an der Mentalität des jeweiligen Volkes. Protestantismus ist eben auch den deutschen Katholiken in die Wiege gelegt.

Die Kritik am Papst gehört inzwischen auch in katholischen Gegenden zum guten Ton wie der Orgelklang in der Kirche. Johannes Paul II. wurde mit Dingen identifiziert, wie etwa mit der Pillenfrage oder anderen moralischen und innerkirchlichen Vorstellungen, die im Nachhinein bei einer historischen Betrachtung seines Pontifikats viel weniger ins Gewicht fallen. Er war der Politiker auf dem Stuhl Petri, er war der Kämpfer gegen den Kommunismus. Der polnische Papst, der den Nationalsozialismus in der Nähe von Auschwitz erlebt hatte, war zu der großen Geste in Israel an der Klagemauer fähig, war in der Lage, sich mit der Schuldfrage der Kirche auseinanderzusetzen. Johannes Paul II. hat den Dialog der Weltreligionen begonnen, da war der Islam in Europas Köpfen noch gar nicht angekommen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat Wunden geschlagen

Benedikts große Aufgabe ist die Kirche selbst. Sicher liegt das auch daran, dass Johannes Paul II. da vieles hat brachliegen lassen. Natürlich ist umstritten, wie er es macht. Ob tatsächlich trotz der Wirren um den “wirren” Williamson eine Versöhnung mit den Piusbrüdern gelingt, ist noch nicht abzusehen. Das Zweite Vatikanische Konzil, das große Reformprojekt der Kirche, hat Wunden geschlagen. Benedikt XVI. hat dies mal als durchaus notwendig bezeichnet, doch Heilung sei eben auch wichtig. Wie er mit Wunden an anderen Stellen umgeht, auch das ist noch offen.

An diesem Samstag hat er bei einer Rede in Prag die Christen in Europa angesichts der zunehmenden Entkirchlichung als “kreative Minderheit” bezeichnet. Selbstbewusste Bescheidenheit könnte der richtige Tonfall für die kommenden Jahre sein. Die Auseinandersetzung mit dem verweltlichten, gottlosen Europa, das ist seine andere große Mission. Schon am Sterbebett seines Vorgängers hat er gegen den sogenannten Relativismus der westlichen Welt gewettert. Wer meint, Benedikt XVI. greife die modernen Gesellschaften pauschal an, wolle gar die Aufklärung rückgängig machen und verteufle die Naturwissenschaften, der bleibt weit unter dem Niveau der Geisteshaltung, die er zu verteidigen vorgibt.

Der Wert der Wahrheit

Manchmal muss es so scheinen, als kämpfe der Papst vor allem gegen die Dummheit an. Erst das Streben nach Wahrheit ermögliche Pluralismus und Toleranz, erklärte er. “Wahrheit”, so schreibt er einmal, sei ein ungeliebter Begriff geworden, weil er so undemokratisch klinge. Deswegen werde von “Werten” geredet. Gemeint sei das Gleiche, eine Grundlage, die über dem Diskurs steht. Das ist es, was Habermas anerkannt hat, in dem berühmten Gespräch der beiden Geistestitanen.

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