Durch den Bruch ist eine totale Leere entstanden. Christian Mackrodt

„In 100 Jahren ist das Internet ein alter Hut“

Vint Cerf ist einer der Väter des Internets. Heute ist er Vizepräsident von Google und verantwortlich für die Technologien von morgen. Weltregierung, Reisen nach Alpha Centauri, die Entdeckung der Dunklen Materie: Im Gespräch mit Alexander Görlach klärt Cerf die großen Fragen der Zukunft.

The European: Hatten Sie eine Vorstellung davon, wie groß das alles einmal werden würde, als Sie anfingen, sich mit dem Internet zu beschäftigen?
Cerf: Bob Kahn und ich ahnten, dass Technologie sehr mächtig sein kann. Wir konnten uns aber beim besten Willen nicht vorstellen, wie es sein würde, wenn ein Drittel der Weltbevölkerung online ist. Wir begannen 1973 und wussten, dass neue Kommunikationstechnologien entstehen würden. Wir konnten uns zu der Zeit nicht vorstellen, wie diese aussehen würden – aber wir wollten, dass das Internet an der Spitze steht.

„Das Netzwerk weiß nicht, was es transportiert“

The European: Was taten Sie dafür?
Cerf: Wir sagten: „Lasst uns sicherstellen, dass die Internet-Datenpakete nicht wissen, wie sie transportiert werden. Und lasst uns außerdem sicherstellen, dass sie nicht wissen, was sie transportieren.“ Das sind zwei sehr wichtige Teile des Puzzles.

The European: Was meinen Sie damit?
Cerf: Das Internet wurde nicht für einen bestimmten Zweck entworfen, kann aber für alles genutzt werden. Das Erste, was ich gesagt habe, war: „Lasst uns das Übertragungsprotokoll so aufbauen, dass es unabhängig von der Infrastruktur des Netzes ist.“ Das ist sehr wichtig: Wenn sich die Technologie verbessert, können wir die Infrastruktur einfach erneuern und ersetzen. Am Übertragungsmechanismus müssen wir dabei nichts verändern – das IP-System funktioniert weiterhin.

The European: Und was ist das zweite Teil?
Cerf: Die Datenpakete im Netzwerk wissen nicht, welche Anwendung sie unterstützen. Es ist nur ein Beutel voller Bits, der durch das Netzwerk bewegt wird. Nur am Ziel – zum Beispiel in Ihrem Laptop – werden die Bits in sinnvolle Informationen umgewandelt. Wenn Sie eine webbasierte Anwendung anbieten wollen, ist das ganz einfach: Sie haben einen Server, auf dem das Programm läuft. Von dort aus werden Datenpakete verschickt und vom Empfänger am Rand des Netzwerks verarbeitet. Das ist der Grund, warum Video-Streaming funktioniert, oder E-Mail, oder das ganze Internet. Weil das Netzwerk nicht weiß, was es transportiert.

The European: Waren Sie begeistert, als das World Wide Web geboren wurde?
Cerf: Es war atemberaubend. Als Tim Berners-Lee den ersten Server für das World Wide Web einschaltete, bekamen das zunächst gar nicht so viele Menschen mit. Und als sie es freigaben für jeden, der es ausprobieren wollte, eroberte es unsere Welt im Sturm.

The European: Eine oft erzählte Geschichte ist, dass das Internet aus militärischen Projekten heraus entstand. War das jemals ein Problem für Sie?
Cerf: Es herrscht ein bisschen Verwirrung bezüglich der Geschichte des Internets. Die Menschen denken, dass das militärische ARPANET für einen internetähnlichen Zweck entwickelt wurde, aber das ist falsch. Es wurde für den Austausch von Forschung geschaffen. Und spätestens nach 1993 ist die Tatsache, dass das World Wide Web militärischen Ursprungs ist, größtenteils irrelevant. Viel wichtiger war, dass das Internet funktionierte! Dinge, die funktionieren, haben eine hohe Glaubwürdigkeit.

„Das Internet hatte von Anfang an einen sozialen Aspekt“

The European: Von Anfang an stellten Sie sich das Internet als frei, frei zugänglich und ohne Geschäftsmodell vor.
Cerf: Aber das ist ein Geschäftsmodell! Das Geschäftsmodell besteht darin, eine Infrastruktur zu schaffen, mit Hilfe derer andere Leute Unternehmen und Produkte entwickeln können.

The European: Wie stehen Sie zum Vormarsch von sozialen Netzwerken?
Cerf: Das Internet hatte von Anfang an einen sozialen Aspekt. Als 1971 die E-Mail im ARPANET auftauchte, stellten wir sofort fest, dass sie eine soziale Komponente hat.

The European: Inwiefern?
Cerf: Die erste Verteilerliste bestand aus Science-Fiction-Liebhabern. Sie entstand, kurz nachdem E-Mails aufkamen. Menschen auf dieser Liste tauschten sich über Bücher und Autoren aus. Kurz danach startete jemand aus Stanford eine Liste namens „Yum-Yum“, welche sich als Verteiler für Restaurant-Kritiken herausstellte. Sozialer konnte es ja nicht mehr werden – Buchbesprechungen und Restaurant-Kritiken! Uns war also sofort klar, dass die E-Mail ein wirkungsvolles Instrument zum sozialen Netzwerken ist.

The European: War das der ursprüngliche Nutzen von E-Mails – ein frühes Instrument für sozialen Austausch im Netz?
Cerf: Nein, wir nutzten sie auch für die Verwaltung von Projekten. Wir mussten das Problem mit den verschiedenen Zeitzonen bewältigen. Bevor es das Internet gab, musste man sich persönlich treffen, in verschiedenen Zeitzonen. Wir dachten dann, dass wir stattdessen E-Mail nutzen könnten. Das würde die Reisekosten verringern. Aber wir haben uns komplett geirrt.

The European: Ernsthaft?
Cerf: Einige Jahre später habe ich gefragt, wie es um das Reisebudget unseres Projekts stünde. Es war vier Mal so groß! Die Anzahl der Leute, die an unserem Projekt beteiligt waren, war gestiegen Und wegen der Eigenschaften der E-Mail befanden sie sich an vielen verschiedenen Orten. Wegen der neuen Technologien konnten wir ein größeres Projekt stemmen und mehr Menschen mit einbeziehen. Wir waren überrascht, die Konsequenzen zu sehen, die diese Entwicklung offline hatte. Wenn man sich doch treffen musste, waren mehr Menschen betroffen und größere Entfernungen zu überbrücken. Die Budgets für Reisen stiegen zwangsläufig.

The European: Glauben Sie, dass die Globalisierung nur unser Handeln beeinflusst oder kann sie die menschliche Natur selbst beeinflussen?
Cerf: Ich denke viel darüber nach. Privatsphäre ist heute sehr schwierig, aus dem einfachen Grund, dass wir uns sehr stark sichtbar machen. Ich glaube, dass wir mehr darüber nachdenken müssen, welche Art von gesellschaftlichen Normen wir haben möchten. Es wird schwer sein, das herauszufinden, weil es so viele Kulturen auf der Welt gibt, die mit dem Internet verbunden sind. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, was privat sein sollte und was nicht, verschiedene Ansichten darüber, was beleidigend ist und was nicht.

„Jeder auf dem Planeten ist vernetzt“

The European: Herr Cerf, wagen wir den Blick in die ferne Zukunft: Wie wird das Internet in einem Jahrhundert aussehen?
Cerf: Wir sprechen hier über 2112, das zweite Jahrzehnt im 22. Jahrhundert! Versetzen Sie sich nach 1912 und versuchen Sie sich vorzustellen, wie damals eine Prognose für die Welt von heute ausgesehen hätte. Es war gerade erst das Radio erfunden, es gab das Telefon und den Telegrafen. Einstein hatte zwar bereits seine Relativitätstheorie aufgestellt, aber der ganz große Spaß folgte erste sieben Jahre später mit der experimentellen Bestätigung seiner These.

The European: Also ist es unmöglich, Vorhersagen zu treffen?
Cerf: Nein, das nicht. Im 22. Jahrhundert gibt es mit Sicherheit sich selbst steuernde Autos. Unterhaltungen mit Computern gehören zum Alltag und künstliche Intelligenz versteht sogar menschliche Gesten. Echtzeit-Übersetzungen sind Standard bei Unterhaltungen – ob unter vier Augen oder über Kontinente hinweg. Jeder auf dem Planeten ist vernetzt. In 100 Jahren ist das Internet ein alter Hut.

The European: Welchen weiteren Einfluss wird Technologie auf unser Leben haben?
Cerf: Riesige Mengen an Wissen werden verfügbar sein. Und wir werden vor allem genügend technische Kapazitäten haben, diese zu nutzen. Augmented Reality (durch Technologie erweiterte Realität, Anm. d. Redaktion) wird Normalität sein. Unser Zuhause, unsere Büros, unsere Autos, ja selbst unsere Körper werden voll und ganz technologisiert sein. Wir werden auf vorbeugende medizinische Versorgung setzen und so dauerhaft gesund und fit bleiben. Klassische Verbrennungsmotoren werden längst abgeschafft, elektrische Maschinen der Standard sein. Kunststoffprodukte werden nicht mehr aus Öl, sondern Salzwasser-Algen hergestellt.

The European: Wie wird es in 100 Jahren um die Raumfahrt
bestellt sein?

Cerf: Schon um 2060 wird eine interstellare Raummission starten – 2112 wird sie auf dem halben Weg zu Alpha Centauri sein, dann aber noch als unbemannte Roboter-Mission. Raumstationen und Satelliten werden den Mond, den Mars, den Saturn, den Jupiter und einige ihrer Monde umkreisen. Die interplanetare Kommunikation mittels des Internets beziehungsweise seines Nachfolgers wird die Planeten mit der Erde verbinden. Dafür wird Atomkraft vonnöten sein, da Solarenergie nicht ausreicht. Unser ganzes Verständnis vom Universum wird ein anderes sein. Wir werden ziemlich genau wissen, was Dunkle Materie ist und woher sie kommt.

The European: Wie wird die Menschheit mit einem solch krassen Fortschritt umgehen?
Cerf: Nicht der Fortschritt wird die Menschen beschäftigen. Zu Beginn des 22. Jahrhunderts hat die Erderwärmung unseren Planeten nachhaltig verändert. Bereits ab 2075 ist Massenmigration ein großes Problem. Frischwasser ist das neue Öl, die Entsalzung von Meerwasser dringend nötig. Die Ressourcenknappheit führt zu neuen Spannungen und zu schwerwiegenden Auseinandersetzungen, vielleicht sogar zu Kriegen. Spätestens 2050 hat die Weltbevölkerung die Neun-Milliarden-Grenze überschritten.

„Auch in 100 Jahren werden wir noch nach unserem Utopia fragen“

The European: Was können wir machen, um diese Probleme zu vermeiden?
Cerf: Die Dystopie wird schwer abzuwenden sein, besonders wenn man an die Knappheit der natürlichen Ressourcen denkt. Macht wird weiterhin die wichtigste Ressource sein.

The European: Also befinden wir uns schon längst in einer Tragödie, deren Ende wir nicht abwenden können?
Cerf: Nein. Aber nur eine globalere Verteilung von Macht und Ressourcen kann diesen Entwicklungen entgegenwirken. Wir werden uns mit vielen technischen Themen auseinandersetzen müssen: Entsalzung, Hydrokulturen, Wasser-Pipelines und Wasser-Pumpen – dem Transport ganzer Infrastrukturen. Ein weiteres Problem werden die hohen Bevölkerungsdichten in asiatischen Ländern sein. Ob wir eine Lösung dafür finden, muss sich noch zeigen. Unruhen dort könnten einen zusätzlichen Effekt auf Ressourcenkonflikte haben. Wichtig ist, dass wir unsere Demokratie effektiv gestalten. Oder es werden am Ende die Despoten sein, die ein Überleben garantieren.

The European: Werden sich die Regierungsformen ändern?
Cerf: Wir werden eine globale Kultur haben. Wenn es gut läuft, dann werden wir nicht nur mehr überregionale Regierungsstrukturen, sondern auch eine Weltregierung haben.

The European: Wie steht es um Religion und Ideologie?
Cerf: Religion wird immer noch existieren. Etwas, das die Menschheit die letzten 20.000 Jahre begleitet hat, wird in 100 Jahren nicht verschwinden. Auch bei der Ideologie wird es keine endgültige Antwort geben. Wir werden immer noch um die absolute Wahrheit streiten und über den Sinn des Lebens philosophieren.

The European: Wie werden diese Debatten aussehen?
Cerf: Auch in 100 Jahren werden wir noch fragen: „Was ist unser Utopia?“ Und die Antwort wird immer noch sein: „Wir wissen es nicht.“

Übersetzung aus dem Englischen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Stephen Wolfram: „Ein amerikanischer Adolf ist im Schnitt 82 Jahre alt“

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Utopia – Unsere Welt in 100 Jahren, warum die nächste Bundesregierung Schwarz-Orange ist, das rationale Menschenbild nicht trägt und wer 2016 US-Präsident wird.

Sie können es hier direkt bestellen.

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