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Es ist WM und (fast) niemand schaut zu

Die Fußballweltmeisterschaft der Damen läuft auf Hochtouren, doch öffentlich beachtet wird sie wenig. Das ist schade und nachlässig.

Wieder Sommer, wieder WM. Die heißen Monate machen eigentlich nur wirklich Spaß, wenn man sich täglich auf spannende Fußballspiele freuen kann. Erst dann, so sehen es viele in Deutschland, kommt der Sommer so richtig in Fahrt. Auch dieser Wochen ist es wieder so weit. Die WM ist am Laufen, doch hören tut man davon eher wenig. Sonderbar. Liegt dies daran, dass es die Frauen-WM ist?

Vor ein paar Tagen saßen wir in der Mensa am Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte und fragten uns, woher dieses Desinteresse und Nichtbeachtung kommt. So zumindest unsere Auffassung. An Nachbartischen sprach niemanden über das gestrige Spiel und die Straße Unter den Linden war nicht von Fans in bunten Farben und Trikots gesäumt. Eine schnelle Suche nach Einschaltquoten belegte hingegen, dass zumindest die Spiele, in denen die deutsche Nationalmannschaft spielte, ein Millionenpublikum begeistern konnten. Zwischen sechs und zehn Millionen Deutschen schauten die ersten drei Spiele der DFB-Frauen: eine Aufmerksamkeit, die das Team und das Turnier als solches mehr als verdient haben.

Die unbeachtete Weltmeisterschaft

Gerade mit diesen Zahlen im Kopf überrascht es aber umso mehr, dass die WM als Thema im öffentlichen Leben beinahe vollkommen zu vermissen ist. Keines der Spiele, noch nicht einmal der beeindruckende 10:0-Sieg über die Elfenbeinküste, schaffte es prominent platziert auf irgendeine Hauptseite einer großen Zeitung oder die Startseite nennenswerter Internetseiten. Die „Bild“ widmete Celia Sasic, Nadine Angerer und Melanie Leupolz nicht die Lobgesänge, mit denen Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger oder Manuel Neuer nach einem erfolgreichen WM-Spiel fast schon fest rechnen dürfen. Und es geht mit der Beobachtung weiter: Verschiedene Sportseiten schienen das Gruppenspiel der U21-Europameisterschaft zwischen den deutschen und dänischen Jungs als wichtiger zu erachten, als das zeitgleich stattfindende Achtelfinale zwischen Deutschland und Schweden. Zur Erinnerung: Wir sprechen hier von einem mit 4:1 gewonnenen Achtelfinale einer Fußballweltmeisterschaft – nur wert eine flüchtige Notiz auf vielen Seiten. Und was ist mit Publicviewing, dem öffentlich zelebrierten Gruppenfußballschauen an lauen Sommernächten? Nur selten haben wir das in Restaurants gesehen (noch nicht einmal für die Spiele, die zu humanen Uhrzeiten vor Mitternacht gezeigt werden). Nach einer Fanmeile am Brandenburger Tor trauen wir uns gar nicht erst zu fragen, aber wo sind nur die Selfies mit Angela Merkel aus der deutschen Umkleidekabine im Stadion von Ottawa?

Wir geben zu: Zwischen uns beiden ist einzig Vincent begeisterter Anhänger der Frauen-Fußball-WM, er schaut sich bis tief in die Nacht die Spiele an und ist begeistert. Martin hingegen ist Fußball, ob von Männern oder Frauen gespielt, so oder so ziemlich schnuppe. „Wie kann man eine Leidenschaft dafür entwickeln, anderen Menschen beim Ballspielen zuzusehen?“ Doch ob Fußballfan oder nicht, wir beide fragen uns, warum eine WM, von Damen gespielt, so anders wahrgenommen wird? Da läuft doch irgendetwas schief im Fußballwunderland. Mit Leidenschaft, Tempo, Engagement und atemberaubender Technik spielen unsere und vieler anderer Länder Damen Fußball auf weltmeisterlichem Niveau und niemand – jedenfalls ernst zu nehmend öffentlich wahrnehmbar – beachtet diese Leistung. Dabei hat Frauenfußball uns so viel zu sagen.

Drei Argumente, warum wir der Damen-WM mehr Beachtung schenken sollten

1. Die Spiele sind hochspannend. Wer behauptet, Frauen könnten keinen Fußball spielen oder nur auf Amateurniveau, hat keine Ahnung und sicherlich schon lange nicht mehr zugeschaut. Die Spiele sind von Intensität und Kampfgeist getragen. Oft zeigt sich sogar, dass die Damen patenter und wagemutiger in Zweikämpfe reingehen als die Männer und unermüdlich den Torabschluss suchen. Kein Ball wird verschenkt, um jeden Meter gekämpft. Von dieser Kreativität und dem Einsatz können sich die Jungs ruhig einmal eine Scheibe abschneiden.

2. Interesse an Frauenfußball versüßt den Sommer – und zwar jeden Sommer. Sollten auch Sie zu der Gruppe Menschen gehören, für die internationale Fußballevents zum Höchsten der Gefühle gehören, dann überlegen Sie sich Folgendes: Für Fans, die zwischen Männer- und Frauenfußball keinen Unterschied kennen, ist jeden Sommer Fußballfieber. Der Rhythmus der großen Meisterschaften ist nämlich alle vier Jahre wiederholend wie folgt: Männer-WM, Frauen-WM, Männer-EM, Frauen-EM. Kein Sommer mehr ohne Spaß und Spannung. Was gibt es Besseres?

3. Letztlich kann das fehlende öffentliche Interesse in Deutschland und anderen Ländern ein Indiz dafür sein, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern noch lange nicht abgeschlossen ist und es weiterhin viel zu tun gibt. Interessanterweise zeigt sich aber auch, dass unsere Gesellschaft teilweise weiter ist, als es die großen Medien erkennen. Die Einschaltquoten belegen, dass es weit mehr Fans und Zuschauer gibt, als dies im öffentlichen Raum gewürdigt wird. Warum nicht Fanmeilen einrichten oder auf den Sportseiten prominentere Platzierungen schaffen? Nicht wenige würde das freuen. Machen also auch Sie es den oftmals unbekannte Frauenfußballfans nach, schalten Sie spät nachts den Fernseher ein, haben Sie Spaß und setzen zugleich ein Zeichen für die Gleichstellung: Denn tatsächlich wird Frauenfußball erst dann die Achtung bekommen, die er ohne Zweifel verdient hat, wenn wir dies alle verstärkt einfordern.

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Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Speer: Jauchs #Herrenrunde

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