Die Linke hatte schon immer Unrecht. Silvio Berlusconi

„95 Prozent der Entscheidungen haben nichts mit rationalem Denken zu tun“

Die meiste Zeit tun wir Dinge, ohne genau zu wissen warum. Haben wir also keinen freien Willen? Entscheidet unser Gehirn für uns? Lars Mensel sprach mit dem niederländischen Neurowissenschaftler Victor Lamme über das Bewusstsein, die Notwendigkeit eines neuen Menschenbildes und die Grenzen der Wissenschaft.

The European: Sie schreiben: „Die Menschen haben selbst kein gutes Verständnis davon, worüber sie sich eigentlich bewusst sind.“ Was meinen Sie damit?
Lamme: Ich meine damit, dass die Menschen selbst nicht verstehen, was ihre Entscheidungen beeinflusst. Ich nenne das „Entscheidungs-Blindheit“, weil sie Menschen dazu bringt, die irrwitzigsten Erklärungen für ihre Entscheidungen anzugeben. Lässt man sie z.B. zwischen zwei ähnlichen Bildern wählen und tauscht diese dann aus, ohne dass die Testpersonen es bemerken, werden sie Ihnen immer wunderschöne Erklärungen zur Verteidigung des Bildes anbieten, welches sie ja niemals ausgewählt haben. Zum Beispiel würden Männer sagen: „Ich habe das Bild mit der blonden Frau ausgewählt, weil ich dazu neige, blonde Frauen zu bevorzugen“, selbst wenn sie niemals dieses bestimmte Bild ausgewählt hatten. Dasselbe geschieht in einem Experiment, wo sich die Menschen zwischen zwei Flaschen entscheiden sollen, die dasselbe Getränk enthalten. Man wird Ihnen erläutern, dass die Getränke unterschiedlich schmecken oder dass das eine mehr Kohlensäure hat als das andere. Ich versuche dahinterzukommen und herauszufinden, was so eine Erklärung wirklich verursacht.

The European: Die meisten Menschen neigen dazu zu glauben, dass sie eine Entscheidung als Ergebnis einer einfachen Abwägung zwischen Für und Wider treffen. Nun laufen da anscheinend noch andere Prozesse ab – bekommen wir die nicht mit?
Lamme: Entscheidungen werden von vielen unterbewussten Faktoren, Emotionen und anderen Dingen, die wir nicht kontrolliert können, beeinflusst. 95 Prozent der Entscheidungen haben nichts mit rationalem Denken zu tun.

„Wir tun oft Dinge, ohne die Motive dafür zu kennen“

The European: Sie betrachten auch unterbewusste Bewegungen des Körpers und behaupten, dass die Menschen bei vielen Dingen mehr oder weniger auf Autopilot arbeiten. Sind Entscheidungen also nur die Spitze des Eisbergs?
Lamme: Das fängt tatsächlich bei jeder kleinen Alltagshandlung an. Wenn Sie an all die kleinen Aktionen denken, die nötig sind, wenn man nur die Straße entlang läuft – es würde Sie verrückt machen, wenn Sie all diese Aktionen bewusst ausführen müssten. Autofahren, Kaffee machen – all das geschieht von selbst, ohne darüber nachzudenken, warum man die einzelnen Schritte überhaupt macht. Aber der Autopilot beeinflusst auch unsere Entscheidungen: Wir tun oft Dinge, ohne die Motive dafür zu kennen.

The European: Wenn wir also eine Entscheidung treffen, dann kennen wir die Faktoren, die diese Entscheidung beeinflussen, überhaupt nicht?
Lamme: Wir wissen, was wir tun, aber eben nicht, warum. Wenn ich in einem Café einen Wein bestelle, weiß ich, was ich tue. Und ich kann vernünftigerweise davon ausgehen, dass ich das irgendwann noch einmal tun werde. Wir legen eine Erinnerung an unser Verhalten an. Aber letzten Endes ist das nicht viel schwieriger, als in der Lage zu sein mir auszumalen, was meine Frau wohl tun wird, wenn sie einen Schuhladen betritt. Diese beiden Funktionen sind miteinander verwoben. Wir beobachten andere und benutzen ihr Verhalten, um ihre Entscheidungen vorherzusagen. Und das machen wir auch bei uns. Auf eine bestimmte Art und Weise bewirken wir unsere zukünftigen Taten und Entscheidung durch unsere Vorhersage.

The European: Sie schließen daraus, dass wir überhaupt keinen freien Willen haben …
Lamme: Wenn wir die Funktionen analysieren, die unseren Gedanken zugrunde liegen, wird deutlich, dass er wenig zu den Entscheidungen beiträgt, die wir letztendlich treffen. Sicher, ich kann schnell entscheiden, lieber dieses als jenes Produkt zu kaufen, weil es 5 Euro billiger ist. Aber sobald es um wichtigere Entscheidungen geht, haben wir diesen Einfluss nicht.

The European: Der amerikanische Neurologe Benjamin Libet behauptete, der freie Wille komme in einer Art Vetorecht zum Ausdruck. Alles passiert mehr oder weniger von allein, aber der freie Wille kann eingreifen und den Prozess stoppen.
Lamme: Ich finde es ein wenig seltsam von Libet, zunächst die ganzen physiologischen Signale im Gehirn aufzuzeigen und dann zu behaupten, dass sie auf einer freien Entscheidung beruhen. Für das Vetorecht muss offenkundig dieselbe Logik gelten, weil die Entscheidung ein Veto einzulegen, vom Gehirn getroffen wird. Irgendwann dreht man sich im Kreis. Es gibt Experimente, die dieses Veto analysieren und zeigen, dass es unterbewusst in Gang gesetzt wird. In Stop-Signal-Experimenten sollen die Testpersonen angeben, ob das Signal links oder rechts erscheint. Selbst wenn dieses Signal unterbewusst ist, können sie trotzdem die richtige Seite auswählen, ohne zu wissen warum.

The European: Wir sprachen kürzlich mit David Eagleman und auch er gab sich hoffnungsvoll, dass wir zumindest ein klein wenig Herr unserer Entscheidungen sind.
Lamme: Wenn wir so viele wissenschaftliche Beweise dafür haben, wie viel unser Gehirn ohne unser Wissen anstellt, dann ist es doch gerade interessant, in den sauren Apfel zu beißen und das anzuerkennen. Am Ende hängt es von dem Bild ab, was die Menschen vom wahren Ich haben. Wenn ich es als die Gedanken in meinem Kopf definiere, derer ich mir bewusst bin, ist das doch schon eine Menge.

The European: Stellen wir uns vor, wir beißen tatsächlich in den sauren Apfel und erkennen an, dass wir als Menschen keinen freien Willen haben. Was müssen wir als Gesellschaft mit dieser Erkenntnis machen?
Lamme: Das wäre der Tod für viele Dinge, die wir momentan einfach als gegeben hinnehmen. Nehmen wir die Demokratie als ein Beispiel. Die Wahlentscheidung hängt von einer riesigen Menge an Emotionen ab – wie die Politiker aussehen zum Beispiel. Experimente haben ergeben, dass Menschen oft Parteien wählen, die nachweislich nicht in ihrem Interesse handeln. Drew Westen schreibt in „The Political Brain“ über einen Minenarbeiter, der arbeitslos wird unter einer republikanischen Regierung. Und trotzdem stimmt er für Bush, weil Bush gegen die Homo-Ehe ist, was überhaupt keinen Einfluss auf den Minenarbeiter hat. Menschen wählen entgegen ihrer eigenen Interessen, was natürlich nicht die Idee der Demokratie ist. Das Gleiche gilt für die Schuldfrage bei einem Verbrechen.

„Wir schränken unser Menschenbild künstlich ein“

The European: Sie haben einen Schlafwandler beschrieben, der seine Schwiegereltern ermordet …
Lamme: Ganz offensichtlich war er der Mörder, aber beging er diesen Mord bewusst? Wir schränken unser Menschenbild künstlich ein, wenn wir davon ausgehen, dass Menschen nur aus ihren bewussten Gedanken bestehen. Zu einer Person gehören genauso all ihre unterbewussten Entscheidungen und das sind noch viel mehr als die bewussten. Wir sollten nicht vergessen, dass die Idee des freien Willens und der Selbstkontrolle erst in der Zeit der Aufklärung geboren wurde. Es gibt andere Gesellschaften, wo all das eine wesentlich kleinere Rolle spielt. Letzten Endes ist es nur eine Erfindung, was unser Denken über uns selbst und unsere Gesellschaft definiert. Wenn der wissenschaftliche Fortschritt aber aufzeigt, dass das falsch sein könnte, dann muss die Gesellschaft willens sein sich zu verändern.

The European: Wir brauchen also eine neue Definition der Menschheit?
Lamme: Genau, weil wir jetzt eine haben, die von Descartes und anderen Philosophen erdacht wurde. Natürlich hoffe ich, dass sie besser und akkurater wäre.

The European: Wie viele dieser Gedanken sind mittels eines Hirnscanners sichtbar?
Lamme: Die Wissenschaft steht noch ganz am Anfang. Aber wir können mit ihrer Hilfe schon Entscheidungen vorhersagen. In Kalifornien bekam eine Gruppe von Testpersonen Informationen darüber, wie wichtig es ist, Sonnencreme zu benutzen. Im sonnigen Kalifornien ist das durchaus nützlich. Anschließend fragte man sie, ob sie die Sonnencreme benutzen würden und wurden mit einer Flasche davon nach Hause geschickt. Eine Woche später hat man sie gefragt, was sie getan haben, und es stellte sich heraus, dass die Korrelation zwischen der Absicht, die Sonnencreme zu nutzen und ihrer tatsächlichen Nutzung sehr gering ist. Interessant ist jedoch, dass bereits beim ersten Fragen Bilder im Hirnscanner die Entscheidung anzeigten, indem sie offenbarten, welche Hirnregionen beim darüber Nachdenken aktiv sind. Die Gehirne der Testpersonen wussten also schon eine Woche im Voraus, welche Entscheidung letzlich getroffen wird. Das zeigt, dass Menschen nur einen geringen Einfluss auf ihr eigenes Verhalten haben und dass wir schon einige sehr elementare Dinge sehen können.

The European: Wie weit sollte die Wissenschaft gehen, wenn sie in die Köpfe der Menschen schaut? Sollte man einige Prozesse nicht lieber in Ruhe lassen?
Lamme: Das sollte man Wissenschaftler eigentlich besser nicht fragen. (lacht) Ein Hirnscanner kann Ihnen Informationen über die sexuellen Vorlieben von Menschen liefern. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Dinge wie Pädophilie erkennen können. Das wirft die ethische Frage auf, ob die ganze Gesellschaft gescannt werden muss, um Kinder zu schützen. Jede Erfindung kann für gute und für schlechte Dinge eingesetzt werden. Das ist aber kein Argument, um nicht weiter zu forschen. Der Scanner verrät uns eine ganze Menge darüber, wie Menschen wirklich arbeiten und was ihre Entscheidungen bewirkt. Es gibt auch viele praktische Anwendungsfälle. Denken Sie nur an Neuromarketing, was Werbung daran knüpft, was im Gehirn passiert und was die Menschen wirklich fühlen.

„Unser Gehirn wird immer für uns entscheiden“

The European: Das klingt mir fast erschreckend …
Lamme: Es klingt wie Big Brother, hat aber auch Vorteile, wenn wir unsere Entdeckungen zur Herstellung besserer Produkte nutzen könnten. Die große Mehrheit neuer Produkte versagt auf dem Markt. Das ist eine riesige Verschwendung von Geld und Ressourcen und passiert trotz Studien, die die Leute fragen, ob sie ein Produkt mögen und wie viel sie bereit sind dafür zu bezahlen. Aber ich stimme Ihnen zu, dass es dann viel leichter wäre, die Leute zu täuschen, damit sie bestimmte Dinge kaufen.

The European: Das Dilemma scheint mir zu sein, dass die Leute ein Gefühl von Kontrolle haben wollen, auch wenn sie diese nicht haben.
Lamme: Ich verstehe nicht wirklich, warum die Leute auf dieses Gefühl bestehen. Ich weiß, dass das von der Annahme herrührt, das Ich bestünde nur aus den bewussten Gedanken. Aber die Menschen sind so viel mehr als das. Sie bestehen auch aus dem Unterbewussten, ihren Emotionen und Automatismen. Wenn die Menschen einmal akzeptiert haben, dass sie mehr sind als der Erzähler in ihrem Kopf, führt das zu einem viel kompletteren Bild des Ichs – nämlich einem, das Entscheidungen trifft. Unser Gehirn wird immer für uns entscheiden, aber die Gedanken sind nur ein ganz kleiner Teil davon.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Gerhard Roth: „Jedes Gehirn reimt sich seine eigene Welt zusammen“

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