Die Einigung Europas gleicht dem Versuch, ein Omlett zu machen, ohne die Eier kaputt zu schlagen. Paul Lacroix

Liebe schlägt Distanz

Kann zu viel Nähe eine Beziehung zerstören? Nicht zufällig hält sich dieser Mythos so hartnäckig wie der Reiz des Unbekannten. Ein Erklärungsversuch.

Es gibt unglaublich viele Beziehungsmythen in unseren Landen. Zum Beispiel den Mythos, dass man Beziehungen totreden könne. Vor allem die sexuelle Komponente des Beziehungslebens würde unfassbar darunter leiden, wenn man zu viel miteinander rede oder gar problematisiere.

Ohnehin: Der Sex in einer Beziehung ist ein ziemlich zartes Pflänzchen. Nicht nur das Reden macht ihm zu schaffen, sondern auch, wenn die Beziehung zu harmonisch wird, die Partner sich zu sehr angleichen und überhaupt alles entzaubert sei, der Reiz des Unbekannten verflossen, man den Partner oder die Partnerin schnarchen und furzen erlebt habe. Auf einer höher geordneten Ebene sei auch eine Angleichung der Geschlechter etwas, was der Libido entgegenwirken würde. Gleichheit, Augenhöhe, vielleicht sogar Freundschaft sind demnach nicht sexy im Umgang zwischen den Geschlechtern.

Über Gefühle können wir nicht reden

Da Realitäten geschaffen werden, mag all dies sogar stimmen! Immerhin sind wir alle Akteure in unserem Leben und können einen maßgeblichen gestalterischen Anteil am Arrangement unserer Beziehungen nehmen. Wenn ich der Ansicht bin, dass zu viel reden der Beziehung schadet, werde ich das Reden unterlassen oder problematisieren, dass ich reden muss. Das Reden über Elemente des Beziehungslebens, über die Ausgestaltung dessen, über den Sex wäre in jedem Fall ein Indiz dafür, dass es Probleme gibt.

Wenn sexuelle Anziehungskraft auf vermeintlichen Gegensätzen beruht, auf Inszenierung, auf Mythen und auf dem sogenannten Reiz des Unbekannten, dann wird die freundschaftliche Ebene unserer Beziehung, die Tage oder Stunden, in denen wir in Gammelklamotten vor uns hin in den Tag leben, keine erotische Stimmung aufkommen lassen. Stattdessen würde ich parallel dazu Geld in sexuell konnotierte Kleidung investieren und meinen Partner zu gegebenen Anlässen „mal überraschen“.

Aber ist es das, was wir wollen? Klar, das ist eine höchst individuelle Frage, wobei ich einfach mal unterstellen würde, dass wir gar nicht so verschieden und so eigen sind, wie wir es oft gerne hätten. Immerhin: Viele von uns teilen ähnliche Lebenserfahrungen und eine sehr ähnliche Vermittlung von Vorstellungen und Idealen, hinsichtlich dessen, was Mann und Frau so sind, wie sie sich zu verhalten haben, sie eine Partnerschaft miteinander erleben und gestalten und was sie aneinander anzieht. Wenn ich zum Beispiel von Wäsche oder Kleidung spreche, die ich kaufen könnte, um meinen Partner „zu überraschen“, werden wir alle in unserem Kopf in etwa dieselben Dessous visualisieren. Und das nicht, weil wir zufällig denselben Geschmack haben. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich würde behaupten, dass Sex nicht alles im Leben ist und hinter vielen anderen Vorzügen des Lebens und einer Beziehung sogar zurückstecken kann. Andererseits räume ich Sex doch einen hohen Stellenwert ein und glaube auch einfach nicht daran, dass all diese Mythen stimmen müssen.

Nein, ich halte sie für Ausreden. Dafür, dass wir einfach nicht gelernt haben, miteinander zu sprechen und das Sprechen über intime und persönliche Dinge daher immer etwas Problematisches an sich hat. Und dafür, dass sie einfach nur die Komplexität der partnerschaftlichen Interaktion reduzieren. Klar, es ist schwer, Worte für Gefühle und Gefühlszustände zu finden, wenn wir sie einfach nicht beschreiben können. Und in der Analyse dessen, warum wir sie gerade empfinden, meilenweit hinterherhinken. Wir lernen nun mal selten zu Hause aber erst recht nicht in der Schule, Uni, Ausbildung oder auf der Arbeit, über diese zu sprechen. In der Therapie, manchmal. Also dann, wenn es wirklich Probleme gibt.

Das Aufrechterhalten von Unbekanntem, von Reiz durch Gegensätze und Disharmonien (die ja oft von alleine eintreten und dabei sehr oft wenig Erotisches an sich haben) ist doch in einer aus heutiger Sicht funktionalen Beziehung überhaupt gar nicht möglich. Und das auch zu Recht. Es würde nämlich in der Tat bedeuten, dass wir äußerst wenig miteinander sprechen würden, uns wenige Gefühle zeigen könnten, außer denen vermeintlicher Leidenschaft. Es würde heißen, dass wir Drama ohne Ende haben dürften, uns dafür aber niemals wirklich kennen würden. Es würde legitimieren, dass wir uns gegenseitig Geschirr an die Köpfe werfen, uns unsere Liebe wie Liz Taylor und Richard Burton zeigten. Schellende Ohrfeigen als Beweis eben dieser, häusliche Gewalt als Fundament unserer Beziehung? Das ist mit meinem Menschenbild tatsächlich nicht vereinbar.

Das Ganze wird uns als Menschen mit Bedürfnissen und Empfindungen doch überhaupt nicht gerecht. Wie soll es denn möglich sein, (miteinander) glücklich zu werden, wenn wir so vieles von uns zugunsten des erotischen Knisterns zurückhalten müssen? Können wir dann überhaupt füreinander mehr sein als lediglich die Leinwand, die Projektionsfläche der Sehnsüchte unseres Partners oder unserer Partnerin?

Beziehung ist mehr als nur ein Rollenbild

Ich für meinen Teil bin dafür etwas zu eitel. In Beziehung zueinander treten, eine partnerschaftliche Beziehung aufbauen basiert für mich auf der Vorstellung, dass ich einem „ganzen“ Menschen nahe sein will und mit dieser „ganzen“ Person ein gemeinsames Leben (wenn auch auf einen Zeitraum begrenzt) aushandeln möchte. Ebenso will ich mich auch in meiner Ganzheit einbringen in diese Verbindung. Lediglich der Teil, der mich vermeintlich „als Frau“ auszeichnet und ihn „als Mann“ im Rahmen dieser Beziehung zu inszenieren und zu teilen, halte ich für ganz schön wenig.

Dass das erotische Knistern in langanhaltenden Beziehungen wirklich in den Hintergrund tritt, ist ein mir bekannter Nebeneffekt, dessen zwingende Notwendigkeit ich allerdings ebenfalls – so wie alles andere – infrage stellen würde. Doch dazu ein andermal mehr.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Vicky Amesti: Liebe Filmindustrie,

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