Deutschland ist nicht Stalingrad, die CSU ist nicht die Wehrmacht, und die Einwanderer sind nicht die Rote Armee. Dieter Janecek

Liebe ist für alle da

Das romantische Ideal suggeriert, dass es im Leben immer nur den Einen oder die Eine gibt. Aber selbst bei Romeo und Julia wäre nach zwei Jahren nicht mehr viel Leidenschaft übrig gewesen.

„Nur nicht aus Liebe weinen, es gibt auf Erden nicht nur den einen. Es gibt so viele auf dieser Welt, ich liebe jeden, der mir gefällt“, sang Zarah Leander 1939 im Melodram „Es war eine rauschende Ballnacht“. Den Film habe ich nie gesehen, doch diese Worte beinhalten für mich sehr viel Wahres. Sie bedeuten eine Abkehr von einem Denken, in dem Liebe unweigerlich und vor allem ausschließlich an eine einzige Person gekoppelt ist. Im besten Fall den Partner oder die Partnerin, im weniger glücklichen Fall an eine Person, welche die Gefühle, die wir ihr gegenüber entgegen bringen, nicht erwidert.
 
Die Worte sind für mich auch eine Abkehr von dem Gedanken, dass Liebe rationiert und portioniert werden muss. Dass es nur und ausschließlich legitim sei, eine einzige Person „wirklich“, das heißt: „richtig“ zu lieben. ­Romantisch zu lieben. Dabei zeigt oftmals schon die Lebenspraxis, wie weit dieses Ideal von der Realität entfernt ist. Oft enden Beziehungen, obwohl zumindest eine Person den Partner oder die Partnerin noch liebt. Und so beginnen oftmals neue Beziehungen und neue Lieben, obwohl die alten Lieben noch nicht gänzlich vorbei sind. Manche Personen geraten in ein Dilemma, weil sie sich in ihrer Beziehung in eine weitere Person verlieben, obwohl die Beziehung doch eigentlich glücklich ist. Obwohl sie ihren Partner oder ihre Partnerin doch lieben. Dessen ungeachtet entflammt ihr Herz neu für jemand anderen.
 
h6. Was wäre aus Romeo und Julia geworden?
 
Im religiösen Kontext suggeriert „die Liebe Gottes“, dass Liebe etwas Universelles sei. Etwas, das jedem Menschen zukommt, eine unendliche Größe. Ein Gefühl, welches für alle da ist und keiner Rationalisierung bedarf. Warum lässt sich dieses Gefühl nicht auf die zwischenmenschliche Ebene übertragen? Und warum diese absolute Überhöhung und Zuspitzung der romantischen Liebe? Es erscheint beinahe so, als sei allein die romantische Liebe die „wahre Liebe“, die „große Liebe“. Dabei sind das doch ganz furchtbar vage Kategorien.
 
Im Idealfall heißt es, dass ich eine Person abgöttisch liebe, die mich abgöttisch liebt, dass wir zu zweit eine Einheit ­bilden, uns gegenseitig komplettieren und so ein System ergeben, ­welches sich selbst erhält, selbst regeneriert und die gesamte Welt darum herum nicht mehr braucht. Und dass wir auf diese Weise glücklich werden, bis an das Ende unserer Tage. Wir zwei: gemeinsam einsam.
 
Doch ist diese romantische Liebe nicht die einzige und wahrscheinlich auch nicht die beständigste. Oft habe ich mich gefragt, was aus Romeo und Julia wohl geworden wäre, wenn sie nicht den Freitod gewählt hätten. Ob von den schwülen Liebesschwüren nach zwei Jahren Beziehung noch viel übrig geblieben wäre? Da bin ich nicht sehr optimistisch. Romantik hat’s im Alltag nicht leicht. In den meisten Fällen suchen wir doch eher PartnerInnen, mit denen wir so etwas wie einen Alltag meistern können, statt solche, mit denen es sich gut sterben lässt.
 
Ich denke, dass Liebe nun einmal sehr viele Formen und Ausprägungen annehmen kann. Und dass Liebe nicht bestimmten Personen in bestimmten Lebensabschnitten exklusiv vorbehalten ist bzw. sein muss. Wenn wir doch davon ausgehen, dass Liebe personengebunden ist, so werde ich den einen lieben, weil er bestimmte Eigenschaften und/oder Merkmale aufweist, die mir liebenswert erscheinen. Und wenn ich den anderen liebe, so werden meine Gefühle ebenso personengebunden sein. Liebe ist keine Substanz, die aufgebraucht werden kann, die nur erschöpfend vorhanden ist. Je mehr wir lieben, desto mehr Liebe ist da, nicht umgekehrt. Und Liebe für eine Person muss nicht „keine Liebe“ für eine andere Person bedeuten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Vicky Amesti: Liebe Filmindustrie,

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

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