Wer nicht denken will, fliegt raus. Joseph Beuys

Die Demütigung danach

Der Arzt entscheidet, ob es die Pille danach gibt. Emanzipierten Frauen darf das nicht recht sein.

Ich kam nicht umhin in den vergangenen Tagen, mich mit der „Pille danach“ zu befassen. Nicht, dass ich sie selbst gebraucht hätte – zum Glück! Doch ist mir nach all den Berichten über den Umgang mit der Verschreibung der „Pille danach“ in katholischen aber auch staatlichen Krankenhäusern wieder bewusst geworden, mit welchem Stress und welchen Hürden die Beschaffung des Rezeptes verbunden ist.

Und je länger ich darüber nachdachte, desto grotesker erschien mir die Verschreibungspflicht dieses Notfallkontrazeptivums. Gerne hätte ich meine Kolumne mit einem freudenreicheren Thema eingeweiht. Doch finde ich es sehr wichtig, das Augenmerk darauf zu richten, was die Rezeptpflicht der „Pille danach“ vor allem für Frauen bedeutet und in welchem Zusammenhang eben diese mit dem Recht auf Selbstbestimmung steht.

Der Klassiker: die Verhütungspanne

Sagen wir mal, es ist Samstagabend. Wir haben Sex miteinander und verhüten mit Kondom. Dieses reißt. Ich nehme nicht die Pille, oder aber wir verhüten mit Kondom, weil ich – aus welchen Gründen auch immer – eine Pille im laufenden Zyklus nicht genommen habe oder diese in Wechselwirkung zu anderen Medikamenten steht, die ich nehmen musste, oder, oder, oder … Fakt ist: Der Schutz vor einer Schwangerschaft ist nicht mehr vollkommen gewährleistet und weder ich noch mein Partner sind daran interessiert, auf Risiko zu spielen. Der Abend endet unschön und in der nächsten Notaufnahme. Je früher das Rezept für die „Pille danach“ ausgeschrieben ist, desto besser: Die nächste Notfallapotheke muss noch rausgesucht werden, die Fahrt dahin geplant werden – denn wir sind nicht motorisiert. An Schlaf ist jetzt sowieso nicht mehr zu denken.

Bei der Anmeldung erfolgt schließlich das erste Geständnis: Wir erzählen von der Verhütungspanne und werden mit einem halb verständnisvollen, halb amüsierten Blick weitergeleitet. Ja, ja. Sie hatten Spaß, die jungen Leute. Auf der Station schließlich dann das zweite Geständnis. Auch hier erzählen wir der verantwortlichen Krankenschwester, warum wir nun hier sind. Und werden zurechtgewiesen: Immerhin wirkt die „Pille danach“ auch noch nach etlichen Stunden, kein Grund in Panik zu verfallen, vorher lieber mal informieren und überhaupt. Verschwiegen wird dabei, dass die Wirkungszuverlässigkeit abnimmt, wenn man länger wartet. Dass es eine Stresssituation für die beteiligten Personen ist, in Unsicherheit zu schweben, während man auf den Arztbesuch wartet, auch.

Bei der Untersuchung schließlich das gesamte Verhör, mit allem Drum und Dran. Es beginnt wieder einmal mit dem Geständnis. Irgendetwas haben wir – oder ich – falsch gemacht. Dann die gesamte Untersuchung, inklusive Schwangerschaftstest, Abfrage des Zyklusstandes, Abstrich. Tröstlich, dass wir zu zweit da sind. Da kann sich mein Partner, der im Wartebereich sitzt, immerhin auch schlecht fühlen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist das Rezept dann ausgestellt und kann in der (Notfall-)Apotheke eingelöst werden. Die erste Nebenwirkung: Nun wissen mindestens vier wildfremde Personen, dass wir an besagtem Samstagabend Sex hatten, die Verhütung versagt hat (oder man selbst) und nicht plant, sich in diesem Moment fortzupflanzen. Das sind ganz schön viele.

Die Macht der Ärzte und ein bisschen Foucault

Grotesk erscheint mir all dies, weil die Möglichkeit für mich und für jede andere Frau, zu entscheiden, was mit ihrem Körper geschieht, nachdem die gewählte Verhütungsmethode sich nicht bewährt hat, nicht bei ihr liegt. Selbstverständlich will ich selber entscheiden können, was mit meinem Körper geschieht: Sonst würde ich mich um die Verhütung nicht kümmern. Sonst würde ich mir kein Notfallkontrazeptivum besorgen wollen.

Die traurige und harte Wahrheit ist aber, dass es tatsächlich in diesem Lande nicht in meiner Macht liegt, derartige Entscheidungen über meinen Körper und meine Zukunft zu treffen. Diese Macht liegt bei den behandelnden Ärzten. Und die Legitimation, an ein Rezept zu kommen, erhalte ich erst dann, wenn ich ein Geständnis über die Umstände abgelegt habe, die mich zum Arzt führen. Ich bin ausgeliefert in der Hinsicht, dass es am Arzt oder an der Ärztin oder an der ideologischen Ausrichtung der Institution, an die ich mich gewandt habe, liegt, zu entscheiden, ob ich nach Abwägen des Geständnisses triftige Gründe dargelegt habe, auf das Notfallkontrazeptivum zurückgreifen zu dürfen.

Ich bin vollkommen fasziniert und geschockt gleichermaßen davon, wie sich in diesem Zusammenhang die Machtmechanismen, wie der französische Philosoph Michel Foucault sie in seinem erstmals 1976 veröffentlichten Werk „Der Wille zum Wissen“ darlegt, zeigen. Vor allem, da wir doch eher geneigt sind, von einer Weiterentwicklung der Gesellschaft zu denken. Von einer zunehmenden Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Michel Foucault geht in „Der Wille zum Wissen“ unter anderem davon aus, dass zum einen die Offenlegung der weiblichen Sexualität im 19. Jahrhundert in einem Zusammenhang mit der Hysterisierung der Frau steht und sich in Kliniken und Psychiatrien abspielt. Hier gelangen die Ärzte über das Geständnis der Patientin zur Diagnose und zum Wissen. Das Geständnis, welches aus dem christlichen Zusammenhang im Rahmen des Beichtens bekannt ist, wird zu einem zentralen Werkzeug, mit dem Wahrheit generiert wird und durch welches Therapie und Genesung eingeleitet werden können.

Weit haben wir uns nicht entfernt von diesem hysterischen Weibe, wenn wir uns vor Augen führen, dass die „Frauwerdung“ in unserer Gesellschaft typischerweise mit dem ersten Besuch beim Frauenarzt beginnt. Es ist vollkommen normal, dass ein Mädchen sich – sobald es seine Periode zum ersten Mal bekommt – in ärztliche Obhut begibt. Die Frauwerdung wird ab dem Eintritt in die Pubertät durch ärztliche Fürsorge begleitet. Die ersten intimen Einsichten auf und sogar in die Geschlechtsorgane des Mädchens oder der Frau werden von einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen vorgenommen. Im Fokus steht dabei die Unversehrtheit der Reproduktivität der Frau/des Mädchens. Sowohl nüchtern als auch unter romantischen Gesichtspunkten betrachtet ganz schön erschütternd.

Legitimation der Rezeptpflicht

Zurück zur „Pille danach“: In 28 europäischen Ländern besteht keine Rezeptflicht für diese. Wieso aber in Deutschland? An den Nebenwirkungen kann das nicht liegen. Die WHO schätzt die Nebenwirkungen nicht so gravierend ein. Es können Übelkeit und Kopfschmerzen auftreten. In anderen Ländern werden die Frauen nicht grundsätzlich unterschiedliche körperliche Konstitutionen haben, welche dazu führen, dass sie diese Nebenwirkungen besser verarbeiten können als deutsche Frauen bzw. Frauen in Deutschland.

Sollte die Rezeptpflicht für die „Pille danach“ abgeschafft werden, könnten FrauenärztInnen hierzulande Patientinnen und damit Gelder verlieren. Eine Frau mit Verhütungspanne ist somit ein wirtschaftlicher Faktor. Es liegt der Verdacht nahe, dass ihre Selbstbestimmung gehemmt wird, weil daraus Profit geschlagen werden kann.

Neben diesen wirtschaftlichen Überlegungen gibt es auch moralische Bedenken gegen eine Liberalisierung dieser Rezeptpflicht. Was würde es mit unserer Gesellschaft machen, wenn Frauen freien Zugang zur „Pille danach“ hätten? Natürlich: sie würde einem Sittenverfall anheimfallen. Frauen würden die „Pille danach“ „wie Smarties“ futtern. Statt einer Zunahme an Eigenverantwortung wäre zudem eher das Gegenteil die Norm: Ihren eigenen Körper schadend, würden Frauen zunehmend auf das Notfallkontrazeptivum als reguläre Verhütungsmethode zurückgreifen und damit auch noch vermehrt zu Überträgerinnen von Geschlechtskrankheiten werden. Wie es zu dieser Prognose kommt, ist mir rational nicht nachvollziehbar. In dieser misstrauischen Haltung wird jedoch deutlich, dass Frauen generell nicht zugemutet, zugestanden und zugetraut wird, sich jenseits der ärztlichen Aufsicht verantwortungsbewusst um ihre körperliche Unversehrtheit und die ihrer PartnerInnen zu kümmern.

Dass eine Achtsamkeit in Bezug auf verantwortungsvolle Verhütung auch Männersache ist, wird dabei außen vor gelassen. Der Fokus der Verantwortung liegt klar bei der Frau, die Möglichkeit, prinzipiell selbst bestimmt über ihren Körper zu entscheiden, wird durch die Rezeptpflicht jedoch ausgehebelt. Diese untersteht der ärztlichen Aufsicht.

Gemeinhin wird es Menschen in unserem Land doch qua Volljährigkeit zugetraut, Entscheidungen und Verantwortungen für das eigene Leben selbstständig zu treffen. Mit 18 sind wir erwachsen. Und mündig. Inwiefern trifft denn diese Mündigkeit auf mich zu, wenn ich nach einer Verhütungspanne erst einmal das „OK“ der behandelnden ÄrztInnen benötige, wo ich über Risiken und Nebenwirkungen doch aufgeklärt bin oder dies auch die ApothekerInnen übernehmen können? Inwiefern wird mir – als Frau, als die mich diese Regelungen und Reglementierungen nun einmal betreffen – gesellschaftlich Mündigkeit zugestanden, wenn mir im Zuge einer Liberalisierung dieser Reglementierungen unterstellt wird, ich würde fortan fahrlässig handeln?

Es sind diese Doppelstandards, die mich wahnsinnig machen und mich derzeit davon abhalten, mich schöneren Dingen zu widmen. Doppelstandards, die einerseits dazu führen, mich in sozialer Perspektive in besonderer Weise in die Pflicht zu nehmen, da ich es biologisch nun einmal bin, die schwanger werden könnte. Doppelstandards, die mich gleichzeitig an dieses Ärztemonopol binden, mich der ärztlichen Macht ausliefern und aus meiner Verantwortlichkeit und meinem Verantwortungsbewusstsein unter dem Deckmantel der gesundheitlichen Fürsorge eine Farce machen. Doppelstandards, die dazu führen, dass ein Geständnis über mein Schicksal entscheidet und nicht ich, die ich doch Subjekt und Akteurin bin, wenn ich Sex habe und mir um meine Familienplanung Gedanken mache. Doppelstandards, die mir ein Recht auf Selbstbestimmung zugestehen wollen, dieses allerdings der Deutungshoheit medizinischer Institutionen unterordnen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Vicky Amesti: Liebe Filmindustrie,

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Leserbriefe

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