Ich befürchte, dass wir eine rote Linie überschreiten. Wladimir Grinin

Das Duell ist völlig inadäquat

Das Kanzlerduell als vorgeblicher Höhepunkt des Wahlkampfes. Ich kann schon jetzt prophezeien, dass nach den 1,5 Stunden mit vier (!) Moderatoren sich wieder ein bitteres Gefühl der Leere breit machen wird.

Heute Abend ist es zum fünften Mal soweit: Das Kanzlerduell als vorgeblicher Höhepunkt des Wahlkampfes. Ich kann schon jetzt prophezeien, dass nach den 1,5 Stunden mit vier (!) Moderatoren sich wieder ein bitteres Gefühl der Leere breit machen wird.

Viele wichtige, extrem drängende Fragen unseres Landes werden nicht wirklich diskutiert, geschweige denn beantwortet sein: Warum lassen wir Migranten, die aktiv ihre Identität verschleiern, ins Land (an Merkel), wie können wir dafür sorgen, dass der Familiennachzug keine weitere Welle ist, die unser Land überrollt und überfordert (an Schulz), was ist mit der Energiepolitik (an beide), der wirtschaftlichen Situation (an beide), den außenpolitischen Krisen (an beide, aber insbesondere an Schulz, der Abrüstung für eine Antwort auf den Überfall Nazideutschlands auf Polen hält)??

Schon aus dieser kleinen Liste wird klar, dass ein Duell völlig inadäquat ist. Für eine halbwegs belastbare Behandlung der Themen wären mindestens drei Spitzenrunden und weitere inhaltlichen Runden mit den sechs Parteien nötig gewesen, die im Bundestag sind oder ziemlich sicher einziehen oder einziehen können.

Warum aber findet dies nicht statt, obwohl man durch vier Wahlen und vier Duelle längst um die Problematik weiß? Die beteiligten Sender ARD, ZDF, RTL und SAT1 verstecken sich hinter dem Kanzleramt – ‚sie hätten sich mit ihren Änderungswünschen‘ nicht durchsetzen können.

Ich bin ja gegenüber der Kanzlerin wirklich nicht zimperlich, aber wie lächerlich ist eigentlich eine solche Aussage der vier größten deutschen TV-Sender, zwei davon gebührengesichert, zwei privat und damit staatsunabhängig?

Das Kanzleramt und die Spitzenkandidatin Merkel hätten keine Möglichkeit gehabt, ein zweites oder drittes Duell zu verhindern. Die Union hätte es sich niemals leisten können, Primetime-Sendezeit zu ignorieren. Die Wahrheit ist, dass die Journalisten und Sender zu schwach, zu bequem und zu feige waren, sich gegen den offenkundigen Willen der Kanzlerin durchzusetzen. Dies könnte man Medienversagen nennen. Jedenfalls sollten die Senderverantwortlichen nicht rumjammern, sondern sich einer kritischen Selbstreflexion unterziehen. Wenn man sich nämlich nicht wehrt, werden Vorgaben aus dem Kanzleramt zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Für die inhaltlichen Wahlkampfdebatten müssen auch in diesem Wahlkampf wieder die Blogger und sozialen Medien einspringen.

Quelle: Vera Lengsfeld

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