Man darf ihn jetzt nicht übers Knie brechen. Rudi Völler

Europäisch denken, lokal handeln

Europäische Kultur findet in den Städten und Regionen statt. Der Wert ihres kulturellen Fundaments und ihrer Vielseitigkeit sollte jedoch nicht nur aus einer kommunalen, regionalen oder nationalen Perspektive heraus interessant sein, sondern muss auch als Ressource verstanden werden, die europäische Integration insgesamt vorantreiben kann.

Viele lokale Investitionen in Europas Städten werden aufgrund übergeordneter Überlegungen getätigt. Gleichzeitig stehen alte Industrie-, Armee- oder Verwaltungsgebäude oftmals leer. Ihr Verfall ist ein Problem für die Kommunen vor Ort und gleichzeitig ein Spiegelbild der strukturellen Veränderungen der europäischen Wirtschaft.

In vielen Fällen würde ein Abriss dieser Gebäude unser gemeinsames kulturelles Erbe gefährden. Aber es ist auch nicht ausreichend, sie einfach zu restaurieren. Stattdessen ist es oftmals durch die Initiative der Öffentlichkeit (wie wir sie heute in vielen europäischen Städten beobachten können) dass diese Gebäude neue Zwecke zugewiesen bekommen und wieder Teil der modernen Kulturgeschichte werden. Überall in Europa wird aktuell viel über die eigene Identität nachgedacht – es sind genau solche lokalen Projekte und Interventionen, die sich nicht in eine zentralisierte europäische Institutionsbürokratie auslagern lassen. Sensibilität für die eigene Kultur ist und bleibt die Verantwortung der Menschen vor Ort.

Diese Verantwortung beinhaltet gleichzeitig die Verpflichtung, innerhalb eines genuin europäischen Kontextes zu arbeiten. Das Profil der Kulturlandschaft Europa wird nicht einfach dadurch geschärft, dass Städte oder Regionen ihre Kulturgüter restaurieren, konservieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Es geht weniger darum, welche Ressourcen vorhanden sind, als darum, das existierende kulturelle und kulturhistorische Potential effektiv zu nutzen.

Doch wissen die Stadträte, Bürgermeister und Kulturschaffenden um ihre europäische Verantwortung? Nehmen sie die Bedeutsamkeit ihrer Entscheidungen wahr und sehen sie sich als Akteure auf der kulturellen Bühne Europas? Und was vielleicht am wichtigsten ist: Sind sie willens, praktische Konsequenzen aus dieser Verantwortung für die Kulturlandschaft Europas zu ziehen?

Im Angesicht solcher Fragen müssen wir uns explizit bewusst machen, dass lokale Kulturprojekte eine europäische Dimension haben. Wenn die Städte Europas die Identität des Kontinents mitbestimmen, tragen sie eine nicht zu unterschätzende Verantwortung für die Zukunft Europas. Im nächsten Jahr wird die Stadt Guimarães Europäische Kulturhauptstadt sein. Das bietet uns die Gelegenheit zu testen, ob wir bereit für diese Verantwortung sind. Neben der Qualität der kulturellen und künstlerischen Angebote definiert sich die Bedeutsamkeit auf europäischer Ebene vor allem durch die Nutzung des vorhandenen Potentials und durch seine Implementierung über sektorale Grenzen – Stadtplanung, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Umweltschutz, Bildung und so weiter – hinweg.

Die gemeinsame kulturelle Verantwortung der Städte und Regionen beinhaltet auch den Anspruch, Europa von unter herauf zu stärken. Es geht um Fragen der Bürgerbeteiligung oder um die Emanzipation der Menschen im Bezug auf politische Fragen, um aktive und effektive Mitbestimmungsrechte. Nach einem Positionspapier der Organisation “Access to Culture” ist Teilhabe an kulturellen Projekten integral dafür, dass sich eine aktive Zivilgesellschaft entwickeln kann – und diese wiederum ist die Voraussetzung für demokratische, offene und tolerante Gesellschaften in Europa. Das Kulturleben der Städte hat das Potential, den Grundstein zu legen für ein “Europa der Europäer” – und nicht nur für ein “Europa für Europäer”.

Vor einigen Tagen haben sich einige der wichtigsten strategischen Denker der Welt in der Arrábida-Abtei bei Lissabon getroffen, um politische und soziale Probleme vor einem längeren Zeithorizont zu analysieren. Während der Eröffnungsveranstaltung sprach der ehemalige EU-Kommissar Chris Patten. Er beschrieb, dass es immer schwieriger wird, einer jungen Generation die friedensstiftende Wirkung der EU zu vermitteln – sie sind in einer Zeit groß geworden, in der sich die einzelnen Mitgliedsstaaten nicht mehr untereinander bekriegt haben. Wir brauchen also, so bilanziert Patten, eine neue Erklärung für die Bedeutung der EU. “Was ist Europa im 21. Jahrhundert?”, fragt er zurecht.

In anderen Worten: Wenn sich ein Jugendlicher angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der politischen Auseinandersetzungen heute fragt, warum er in Europa leben solle, stößt die Rhetorik der Sicherheitspolitik an ihre Grenzen. Ein Großteil der möglichen neuen Antwort fußt auf kulturellen Fundamenten.

Wir dürfen diese Frage nicht unbeantwortet lassen, und wir dürfen die Suche nach Antworten auch nicht auf europäische Politiker, Wirtschaftswissenschaftler oder Bürokraten abwälzen. Die Stadt ist der ideale Ort, um vor Ort nach passenden Antworten zu suchen. Wenn Lokalpolitiker, Künstler, Kulturschaffende, und Programmdirektoren der Europäischen Kulturhauptstadt sich in diesen Prozess einklinken, kann ihre Arbeit unsere gemeinsame europäische Zukunft verändern.

Eine englische Version dieses Beitrags finden Sie hier

„A Soul for Europe“ ist eine Initiative, die auf die Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft und politischen Entscheidungsträgern setzt. Sie möchte das Europa der Vorschriften und Institutionen durch ein Europa ersetzen, das die Verantwortung für politische Mechanismen stärker auf seine Bürger überträgt. Ausgehend von ihren Standorten in Amsterdam, Belgrad, Berlin, Brüssel, Porto und Tiflis bildet die Initiative ein internationales Netzwerk aus europäischen Städten und Regionen, dem Kultur- und Wirtschaftssektor sowie politischen Entscheidungsträgern. Kernstück dieses Netzwerks ist die Strategiegruppe, in der 55 Personen aus 21 Länden mitwirken.

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