Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler. Ingeborg Bachmann

Mitgliederboom bei der AfD

Studie der Freien Universität Berlin: Volksparteien verlieren Mitglieder, Grüne und FDP verbreitern dagegen ihre Mitgliederbasis. Parteienmitgliedschaft bleibt immer noch eine Männerdomäne

Die AfD verzeichnet sprunghaft steigende Mitgliederzahlen. Die Volksparteien hingegen verlieren einer Studie des Politologen Prof. Dr. Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin zufolge weiter an eingetragenen Gefolgsleuten. Die SPD verlor danach im Jahresverlauf 2016 zwar 2,3 Prozent und verzeichnete 432.706 Mitglieder, sie hatte damit Ende Dezember aber knapp 800 Mitglieder mehr als die CDU, deren Mitgliederzahl im Jahresverlauf um 2,8 Prozent auf 431.920 sank.

Da die CDU – anders als die SPD – jedoch nur außerhalb Bayerns Mitglieder gewinnen kann, ist die Gesamtzahl der Personen in der Bevölkerung, die sie überhaupt ansprechen kann, weniger groß; die Rekrutierungsfähigkeit der CDU – also der prozentuale Anteil der Parteimitglieder an der Gesamtzahl der potenziellen Mitglieder – ist seit 1999 höher als der der SPD: Der Wert der CDU erreichte im Jahr 2016 0,75 Prozent, während die SPD auf 0,61 Prozent kam. Die CSU hatte 1,31 Prozent der bayerischen Bevölkerung ab 16 Jahren als Mitglieder; CDU/CSU gemeinsam erreichten bundesweit 0,84 Prozent der potenziellen Mitglieder. Die Ergebnisse erscheinen in der jüngsten Ausgabe (2/17) der Zeitschrift für Parlamentsfragen und wurden am Dienstag von Professor Niedermayer bei dessen Abschiedsvorlesung am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft (OSI) vorgestellt.

Drittgrößte Partei blieb Ende 2016 die CSU, die nach einem Verlust von 1,3 Prozent 142.412 Mitglieder verzeichnete. Die Grünen als Partei mit der viertgrößten Mitgliederzahl kehrten nach zwei Jahren von Verlusten den Abwärtstrend um und legten um 3,7 Prozent zu; mit 61.596 Mitgliedern hatten die Grünen Ende 2016 mehr Parteiangehörige denn je. Die Linkspartei als fünftgrößte Partei verlor 0,1 Prozent ihrer Mitglieder und kam auf 58.910 Personen. Die FDP konnte einen Abwärtstrend seit 2010 stoppen; die Partei erhöhte 2016 die Zahl ihrer Angehörigen um 1,3 Prozent und kam auf 53.896 Personen. Die AfD als siebtgrößte Partei kompensierte einen Verlust um 21 Prozent aus dem Jahr 2015 und legte um 61,2 Prozent auf 26.409 Mitglieder zu – allerdings in einer Betrachtung erst zum Stichtag Mitte April 2017, wie Oskar Niedermayer hervorhob.

„Insgesamt ist die Zahl der Parteimitglieder 2015 um drei, 2016 nur noch um ein Prozent gesunken“, betonte der Politikwissenschaftler. Betrachte man den gesamten Zeitraum seit 1990, so hätten alle Parteien mit Ausnahme der Grünen Mitglieder verloren, wenn auch in sehr unterschiedlichem Maße. „Am stärksten hat es die Linke getroffen, die – trotz des Zuwachses durch die Vereinigung von PDS und WASG im Juni 2007 – Ende 2016 rund 79 Prozent weniger Mitglieder hatte als die PDS Ende 1990“, konstatierte Oskar Niedermayer. Die FDP habe seit 1990 etwa 68 Prozent ihrer Mitglieder verloren, die SPD 54 Prozent, die CDU mehr als 45 Prozent und die CSU knapp 24 Prozent. Die Grünen hingegen hätten ihre Mitgliederschaft seit 1990 um 49 Prozent steigern können. „Betrachtet man alle Parteien einschließlich der AfD zusammen, so ist die Zahl der Parteimitglieder seit 1990 um die Hälfte gesunken. Es ist somit eine kontinuierlich abnehmende gesellschaftliche Verankerung des Parteiensystems zu beobachten“, betont der Politikwissenschaftler.

„Der Mitgliederrückgang 2016 war bei der CDU flächendeckend, das heißt, er vollzog sich in allen Bundesländern“, hob Oskar Niedermayer hervor. Die SPD hingegen habe in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen ein leichtes Mitgliederplus verzeichnet. Bei der FDP hielten sich die Landesverbände der Erhebung zufolge mit Zuwächsen und Verlusten in etwa die Waage, die Grünen hätten flächendeckend Mitgliederzuwächse verzeichnet, wenn auch in unterschiedlichem Maße. „Bei der Linkspartei waren unter den sieben Landesverbänden mit Mitgliederverlusten alle fünf ostdeutschen Verbände, das heißt der Mitgliederschwund in Ostdeutschland setzte sich mit insgesamt fünf Prozent fort“, erklärte der Politikwissenschaftler.

„Die Parteien unterscheiden sich weiterhin stark beim Anteil der Männer und Frauen“, betonte Oskar Niedermayer. Den geringsten Anteil an Frauen habe 2016 die AfD mit 16 Prozent aufgewiesen, gefolgt von der CSU mit 20,3 Prozent. Die FDP kam auf einen Frauenanteil von 22,6 Prozent, die CDU auf einen Anteil von 26,1 Prozent. Den höchsten Anteil hätten 2016 mit 39 Prozent die Grünen zu verzeichnen, gefolgt von der Linkspartei mit 36,9 Prozent. Auch das Ausmaß der „Überalterung“ sei sehr unterschiedlich. Das Durchschnittsalter der Mitglieder reiche von 50 Jahren bei den Grünen bis zu 60 Jahren bei CDU und SPD.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nicolai Dose, Oliver D'Antonio, Christian Junge.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Afd

Debatte

Linksextremistenbekämpfung bleibt heiße Luft

Medium_9f583ade96

Was machen wir, wenn wir vom IS angegriffen werden?

20.000 deutsche Polizisten waren nicht imstande zu verhindern, dass X.000 Linkskriminelle Teile Hamburgs verwüsteten. Michael Klonovsky begibt sich auf Spurensuche. weiterlesen

Medium_a25b9f1674
von Michael Klonovsky
22.07.2017

Debatte

Die Linke hat nichts mit Linksextremismus zu tun

Medium_ba220001cd

Das Merkel-Deutschland 2017 kommt ohne Visionen aus

Das Merkel-Deutschland 2017 kommt ohne politische Visionen aus. „Wer nicht für Merkel ist, ist ein Arschloch“ lautet die in der CDU von Generalsekretär Tauber ausgegebene Parole. Lesen Sie hier die... weiterlesen

Debatte

Übergriffe von Asylbewerbern werden relativiert

Medium_8b9c8dacb3

Wer die Flüchtlingspolitik kritisiert, wird in die AfD-Ecke geschoben

Nach wie vor ist es so, dass die Häufung der sexuellen Übergriffe von Asylbewerbern relativiert, abgetan oder verneint wird. Die Aussagekraft der Polizeistatistik wird bezweifelt, die erhöhten Fall... weiterlesen

Medium_08ffce38cc
von Boris Palmer
20.07.2017
meistgelesen / meistkommentiert