Große Anführer sind fast immer große Meister im Vereinfachen. Colin Powell

Grindel verblattert den DFB

Nach einem Jahr im Amt hat das Image des DFB-Präsidenten bereits tiefe Kratzer. Nun macht er zum Pokalfinale schwere Fehler und verspielt die Sympathie der Fans. Auf die lauter werdende Kritik reagiert er wie einst Blatter und Platini

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Reinhard Grindel ist seit einem Jahr DFB-Präsident – und hat bereits viele Hoffnungen enttäuscht. Die Aufarbeitung der zwielichtigen Vorkommnisse und dubiosen Geldgeschäfte rund um die WM 2006 kommt kaum voran. Und wenn die noch dubiosere Korruption bei der FIFA aufgeklärt werden soll, dann macht er sogar bei Vertuschungs-Aktionen mit. So wurden die beiden Chef-Ethiker Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély von der FIFA-Spitze kurzerhand rausgeworfen, um nicht weiteren Staub aufzuwirbeln. Grindel verkündete zwar zunächst, dass er das nicht gut fände, am Ende aber stimmte er bei der Säuberungsaktion mit „Ja“. “Es wäre unfair gewesen”, sagte Grindel, “und nicht respektvoll, sie jetzt abzulehnen, nur weil man dagegen war, eine personelle Veränderung vorzunehmen”. Daraufhin kommentierte „Die Zeit“: „Abenteuerliche, windelweiche Argumente. Hätte er sich wirklich an der Trennung von den beiden gestört, hätte er mit Nein stimmen müssen.“
Grindel hat seit seiner Amtsübernahme gerne von Reform und Transparenz gesprochen, tatsächlich aber hat er sich vor allem um seine Karriere in den intransparenten Gremien gekümmert. 

Als sein wundersamer Aufstieg in die höchsten Machtzirkel des Weltfußballs im April perfekt war, stand Reinhard Grindel kurz auf und bedankte sich nickend für den warmen Applaus. „Dieses Vertrauen ist bemerkenswert“, sagte Grindel nach seiner Wahl ins Council des Weltverbandes FIFA und ins Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union, in dem er sogar direkt zu einem der fünf Vizepräsidenten ernannt wurde. Bemerkenswert ist vor allem das Gehalt das er fortan beziehen wird, alles in allem inklusive Sitzungsgelder rund 500.000 Euro pro Jahr. Vielleicht noch mehr, wenn die Fifa die jährlichen Saläre von 300.000 auf 450.000 Schweizer Franken erhöht, wie kolportiert wird.

Fehlverhalten im DFB-Pokalfinale

Doch Grindel enttäuscht nun auch auf einer zweiten Spielfläche eklatant – bei der Beziehung des DFB zu den deutschen Fußballfans. Auch hier stilisierte sich Grindel anfangs als ein Freund der Stadionkurven. Inzwischen aber ist er dort zu einer Unperson geworden. Das Pokalfinale in Berlin wurde gar zu einer Massendemonstration gegen den DFB und seinen Präsidenten. Das Stadion war mit 76000 Fans vollbesetzt, Millionen an den Fernsehgeräten dazu, sie alle erlebten minutenlange Wechselgesänge „Scheiß DFB“ und „Fußballmafia DFB“. Zahlreiche Transparente übten scharfe Kritik am Fußballbund, es lag – jenseits der Vereinszugehörigkeit – eine Massenstimmung der Verachtung gegenüber den Funktionären in der Luft.

Der kollektive Ärger über Grindel & Co. entlud sich sogar am Auftritt von Helene Fischer in der Halbzeit, die ein gellendes Pfeifkonzert über sich ergehen lassen musste. Doch es ging nicht um Helene Fischer, es ging um einen DFB, der das Herz des Fußballs verkauft, die Kommerzialisierung vorantreibt und aus dem Sport ein Showgeschäft machen will.
Die Fans, die den Fußball erst zu einem emotionalen Erlebnis machen, fühlen sich von Grindel zusehends an den Rand gedrängt und diskriminiert und nun sogar gezwungen, montags zu Spielen zu fahren, nur weil das noch besser zu vermarkten ist. Und sollten sie auch nur eine Wunderkerze hochhalten, dann droht ihnen gar die Kriminalisierung. Die fetischhafte Debatte um angebliche Pyro-Kriminalität in deutschen Stadien verrät, wie sehr der DFB sich ins Gouvernantenhafte verrannt hat. Ein Blick in die Internet-Fanforen reicht, um zu sehen wie abgrundtief das Misstrauen gegenüber dem DFB inzwischen geworden ist.

Trotz dieses angespannten Verhältnisses, war das DFB-Pokalfinale die beste Werbung für den deutschen Fußball. Mitreissende Stimmung in einem Wechselbad der Gefühle machte aus diesem Abend einen magischen. Schuld daran ist nicht der DFB, sondern die Fangruppierungen von Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund, die vom DFB als „Chaoten, Kriminelle oder Fanatiker“ verschrien werden. Wirkliche kriminelle Energie oder gar Gefahr für „Kinder“ (Wie es der Sicherheitssprecher immer wieder über die Außenlautsprecher kolportierte), sahen wohl nur Reinhard Grindel und seine Gefolgschaft. Für den Rest war es ein friedliches, aber leidenschaftlich stimmungsvolles Endspiel.

Falsche Reaktion

Die öffentliche Misstrauenserklärung des Pokalfinales hätte Grindel also dringend zu einer Geste des „Wir haben verstanden“ bringen müssen, zu einem positiven Signal an die Fanszene in Deutschland. Doch Grindel macht das glatte Gegenteil. In einem Interview attackiert er die Kritiker und Fans, hier seien radikale Elemente und kriminelle Energie am Werke gewesen. Das klingt nach Despotensprech, bestenfalls nach Blatter und Platini. 
Für Grindel ist die scharfe Kritik am Deutschen Fußball-Bund rund um das Pokalfinale eine Art Revanche-Aktion verärgerter Fans von Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund. Selbstkritik scheint ihm völlig fremd: “Ich bestreite nachdrücklich, dass das Image des DFB nicht gut ist", sagte Grindel schließlich – womit ihm die Häme der deutschen Fußballwelt sicher ist. Der Kommentar der Bild-Zeitung dazu: „Zumindest diese Meinung hat er seit der Affäre um die WM 2006 exklusiv.“

Dass er zu allem Überfluss auch noch seine Neutralitätspflicht als Präsident verletzte und bei seinem Vor-Empfang zum Finale den Dortmundern offen den Sieg wünschte, krönte das Desaster von Grindel Pokalfinal-Fehlern. Nur mit Mühe konnte ein Eklat und der Auszug der Frankfurter Delegation verhindert werden. Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic erklärte hernach beinahe väterlich mild: „Er ist ein junger Präsident, er kann noch lernen.“ Muss er aber auch, sonst wird er nicht lange Präsident bleiben.

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