Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Et hätt noch immer jot jejange

Zu undynamisch, zu langsam, zu wenig kreativ: So kritisieren viele den Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen. Vor allem der Strukturwandel und der rigide Sparkurs der Landesregierung bremsen die Entwicklung. Doch NRW wird unterschätzt.

Überquert man abends bei Leverkusen den Rhein, leuchtet das Bayer-Kreuz heller als der Kölner Dom ein paar Kilometer weiter. “Da weiß man, dass man zu Hause ist”, sagen die Leverkusener, wenn sie das riesige Wahrzeichen des Unternehmens erblicken.

Bei seinem Amtsantritt als Chef habe er das Bayer-Kreuz abreißen lassen wollen, erzählt Bayer-Chef Werner Wenning gelegentlich. Er habe nach einer Symbolentscheidung gesucht, die jedem klar machen sollte, dass der Strukturwandel das Unternehmen und die Stadt fundamental verändern werde. Dass am Ende nichts mehr so sein werde, wie es vorher war. Empörte Leverkusener und bestürzte Bayer-Mitarbeiter vereitelten den Plan.

Perspektiven mau, der Stolz gebeutelt

Doch die Gewissheit der Nordrhein-Westfalen, dass trotz Strukturwandel immer etwas von der guten alten Zeit übrig bleibt, ist unerschütterlich. Das ist bei der Zeche Zollverein in Essen so, bei der Ruhrkohle – heute Evonic – und erst recht in der Bundesstadt Bonn. Am Ende hat man es im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands immer geschafft. Auch wenn es bis zu diesem Ende bitter war: Alte Gewohnheiten wurden geschleift, Privilegien gestrichen und der Stolz des Landes, das industrielle Herz Deutschlands zu sein, schwer gebeutelt.

Ein krachendes Lob gab es nie dafür, bestenfalls ein gnädiges Naja. Gerade erst hat Nordrhein-Westfalen wieder bescheinigt bekommen, eigentlich ganz okay zu sein. Nur eben zu undynamisch, zu langsam, zu wenig kreativ. Im Ländervergleich der Wirtschaftswoche und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft liegt der Ist-Zustand Nordrhein-Westfalens ziemlich genau auf bundesdeutschem Durchschnitt. Aber die Perspektiven sind mau – Land und Kommunen investieren zu wenig. Der Sparkurs des Landes hat eben nicht nur die Bürokratie schlanker und effizienter gemacht. Er hat auch dafür gesorgt, dass Straßen und Schulen langsamer saniert werden als anderorts. Die Wirtschaft wächst auch im Aufschwung deutlich langsamer als in anderen Teilen Deutschlands.

Potenzial in Wirtschaft und Wissenschaft

So weit das Gesamtbild. Es ist ungerecht. Denn Nordrhein-Westfalen ist das größte aller Bundesländer. Wäre es ein souveräner Staat, würde es mit seinen 18 Millionen Einwohnern den 14. Rang der wirtschaftlich stärksten Nationen der Welt einnehmen. Gute Nachrichten aus der einen Ecke – Münster gehört zu den dynamischsten Wirtschaftsregionen Deutschlands – werden aus der anderen Ecke – Herne, Bottrop und Oberhausen rangieren ganz am Ende, nur knapp vor Strelitz und Cottbus – neutralisiert. Bonn und seine Umgebung wachsen und gedeihen mit Telekom- und Logistikdienstleistungen – doch wer nimmt das schon wahr, wenn es gleichzeitig die Trostlosigkeit von Hünxe zu beklagen gibt. Die Entwicklung in der Mitte des Landes, im nördlichen Ruhrgebiet, überlagert die guten Nachrichten aus Münster und Ostwestfalen, von der Rheinschiene und selbst vom südlichen Ruhrgebiet regelmäßig.

Unterschätzt zu werden, damit hat Nordrhein-Westfalen immer ganz gut gelebt. Das gilt auch in der Landespolitik. Wenn CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers erbittert den Raubtierkapitalismus geißelt, sich als Arbeiterführer vor die Werkstore von Opel oder Nokia stellt oder sich für die Lohnforderungen von Beschäftigten erwärmt, findet das in der Landeshauptstadt Düsseldorf niemand wirklich verwunderlich. Getreu dem Kölner Motto: Et hätt noch immer jot jejange. Und das Bayer-Kreuz ist schließlich auch immer noch da, wo es immer war.

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