Wenn das Wünschen doch nur helfen würde … „Was müssen Journalisten im sich wandelnden Mediengeschäft leisten, welcher Haltung bedarf es?“ Antworten darauf – und „möglichst klar eine These“ – bitte in maximaler Länge von 5.500 Zeichen. Die Anfrage des European kam vor Weihnachten. In einer Zeit der Besinnlichkeit, der Wünsche und der guten Vorsätze.
Das erleichtert die Arbeit ungemein. Ein Wunschzettel ist schnell gefüllt. Journalisten brauchen mehr Besinnung und Reflexion, mehr (Selbst-?) Bewusstsein für ihren demokratischen Auftrag, mehr Wertschätzung (passiv wie aktiv), mehr Raum und Zeit für Kreativität, für Recherche, für ebenso lust- wie anspruchsvolle Arbeit mit Wörtern, mehr Bereitschaft zum (selbst-!) kritischen Dialog mit ihrem Publikum, mehr Profil. Ich wünsche mir Relevanz statt Beliebigkeit, weniger hektische Erregung im Medienbetrieb, weniger Skandalisierung, weniger Schwarz-Weiß-Malerei, weniger Personalisierung, weniger Boulevard, mehr Faktencheck statt Aneinanderreihung unterschiedlichster Statements. Ich wünsche mir Achtung vor unseren ethischen Regeln, mehr Transparenz in der Branche, einen kritischen Umgang mit PR und professionelle Distanz zu Funktionsträgern aus Politik und Wirtschaft. Und natürlich optimale Aus- und Weiterbildung.
Bange machen gilt nicht!
Und die guten Vorsätze? Rückbesinnung auf das Gute, Wahre, Schöne im Journalismus! Er ist nicht nur Wirtschafts-, sondern vor allem Kulturgut, der Allgemeinheit verpflichtet.
Entschiedenes Eintreten gegen die Entwertung journalistischer Arbeit, gegen prekäre Arbeits- und Auftragsverhältnisse! Wir wollen Publikum und Medienunternehmer davon überzeugen, dass Journalismus, dass journalistische Qualität was kostet (und das nicht zu knapp).
Aufhören mit Jammern über die Zukunft unserer Branche! Wir wollen sie nicht niederschreiben, sondern kreativ und engagiert mitgestalten.
Keine überflüssige Auseinandersetzung zwischen vermeintlich altem und vermeintlich neuem Journalismus! Wir freuen uns über und auf jeden neuen Verbreitungsweg für unsere Arbeit.
Kein blindes Vertrauen in Gurus und Scheinriesen der Branche! Sie haben keine Patentrezepte, weil es die schlicht nicht gibt.
Weg mit jedweder Arroganz gegenüber dem Lokalen und Regionalen! Wenn irgendwo die Zukunft der Tageszeitung liegt, dann dort.
Nicht festlegen lassen auf ein bestimmtes Rollenbild! Journalisten sind nicht nur reine Dienstleister im gefälligen Informationsservice, sie sind ebenso unbequeme Kritiker, Kontrolleure, Mahner, Warner wie Interpreten, Analysten, Pfadfinder, Wegweiser und Anwälte der kleinen Leute.
Und überhaupt: Bange machen gilt nicht! Gute, leidenschaftliche, mutige Journalistinnen und Journalisten werden immer ihren Weg, ihr Auskommen und ein interessiertes Publikum finden.
Mainstream und Beliebigkeit kann potenziell jede/r
Werden sie das? Passé die märchenhafte Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. Nach Neujahr treffen gute Vorsätze stets auf den rauen Alltag. Der besteht nicht aus Wunschkonzert. Der wird inzwischen dominiert von Diktion und Diktat der Betriebswirte, der Zahlen und Renditen. Sie definieren wesentlich die Chancen von Journalistinnen und Journalisten, Wunschbilder und notwendige Standards in die Praxis umzusetzen. Haltung, Kompetenz und Professionalität von Journalisten zu fordern, ist allemal wichtig. Allein darin Krisenlösungen zu vermuten, geht an der Realität vorbei.
Es war keine journalistische Entscheidung, die „FTD“ einzustellen, die „FR“ bis an den Abgrund zu reformieren, die dapd vor die Wand zu fahren. Es ist keine journalistische Entscheidung, die lokale bzw. regionale Kernkompetenz der Tageszeitungen personell und materiell weiter einzuschränken und viele Orte verwaist oder als Monopolgebiet zurückzulassen. Es ist keine journalistische Entscheidung, Qualität zu beschwören und sie mit dem Rotstift zu durchkreuzen.
Es sind weniger denn je journalistische Entscheidungen. Journalisten werden kaum mehr in solche Prozesse eingebunden. Obwohl sie „ihr Haus“ mit seinen Stärken und Schwächen gut kennen – besser jedenfalls als diverse Geschäftsführer und Unternehmensberater mit ihrem auf die kurzfristige Rendite verengten Blick.
Gerade in Zeiten diverser Umbrüche in der Medienbranche ist mehr gemeinsame Sache gefordert, mehr Dialog auf Augenhöhe, mehr Diskurs und gemeinschaftliches Engagement auch unter Journalistinnen und Journalisten selbst. Kluge Unternehmer nehmen ihre Mitarbeiter/innen mit auf den nicht immer sicheren Zukunftspfad, wissen deren Potenzial zu schätzen. Mit Verunsicherung und Ängsten in den Redaktionen ist höchstens jenen geholfen, die Selbstbewusstsein, Profil und Querdenken aus dem Journalismus verbannen wollen.
Wer solche Entwicklung fördert (und sie wird zurzeit gefördert), sägt zugleich kräftig an dem Ast, auf dem er bisher komfortabel gelebt hat. Mainstream und Beliebigkeit kann potenziell jede/r im gesellschaftlichen Gesamtkonzert. Haltung, Profil und Kompetenz indes sind professionelle Merkmale. Und Professionalität ist wie Qualität das journalistische, das mediale Zukunftspotenzial schlechthin. Sie gilt es zu fördern.
Womit wir erneut bei der Wunschliste wären. Und bei den guten Vorsätzen.
Alle Jahre wieder.
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