Wenn wir uns überall einmischen wollen, wo himmelschreiendes Unrecht geschieht, dann riskieren wir den dritten Weltkrieg. Helmut Schmidt

Nie wieder Krieg, nie mehr Las Vegas

Die Bundeswehr muss fit gemacht werden für die Zukunft - doch Rekrutierungsmaßnahmen an Schulen sind dafür der falsche Weg. Wer für den Dienst an der Waffe wirbt, verhindert die Entwicklung gewaltfreier Sicherheitskonzepte. Doch genau dort liegt die Zukunft - beruflich und politisch.

Nie wieder Krieg! Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen! Diese Position hat eine überwältigende Mehrheit in der deutschen Bevölkerung nach der Befreiung vom Faschismus und den Erfahrungen aus zwei Weltkriegen getragen. Die Gründung der Bundeswehr und die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik 1955 führten zu erheblichen gesellschaftlichen Diskussionen und innenpolitischen Auseinandersetzungen. Die allgemeine Wehrpflicht sollte sichern, dass die Bundeswehr von breiten Schichten der Bevölkerung getragen wird. Gleichzeitig wurde im Grundgesetz das Recht auf Kriegsdienstverweigerung verankert, das viele junge Menschen als selbstverständliches Bürgerrecht in Anspruch genommen haben.

Die Bundeswehr braucht die Bürgergesellschaft

Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten und dem Sieg der hochindustrialisierten kapitalistischen Länder des Westens in den 1990er-Jahren war klar: Die Versorgung mit Energie und Rohstoffen sowie die Sicherung einer grenzenlosen Marktfreiheit werden die zentralen Krisenherde des 21. Jahrhunderts. Die Attentate der Terrororganisation al-Qaida vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon lösten den Krieg der USA in Afghanistan und Irak aus. Seitdem gerät Deutschland zunehmend unter Druck, sich im Rahmen der NATO und in Form von UNO-Einsätzen verstärkt militärisch auch im Ausland zu engagieren. Damit sind die Bedingungen für den Umbau einer Verteidigungs- zu einer Interventions-, von einer Wehrpflichtigen- zu einer Freiwilligenarmee definiert.

Diese Armee braucht junge Menschen, die sich freiwillig zum Dienst an der Waffe melden. Sie braucht hervorragend ausgebildete Freiwillige: Diese müssen in der Lage sein, Herausforderungen eines Einsatzes in Ländern, in denen sie Sprache, Kultur und Klima nicht kennen, physisch und psychisch standzuhalten. Zudem werden hohe Anforderungen an ihre intellektuellen und technischen Fähigkeiten gestellt.

Als Rekrutierungsfeld gerät die Schule verstärkt in den Fokus. Insbesondere, da sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat, dass die Bundeswehr massive Nachwuchsprobleme hat. Deshalb ist sie aktiv auf die Kultusministerien zugegangen und hat mittlerweile in acht Ländern Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen. Diese sollen die Akzeptanz für Aktivitäten der Jugendoffiziere in den Schulen erhöhen und die Lehrerausbildung als Betätigungsfeld öffnen – ein Novum zur bisher herrschenden Praxis. Dieser Versuch, einseitig massiv Einfluss auf Schule und Unterricht zu nehmen, steht im Widerspruch zu den Aufgaben der Lehrkräfte.

Bildungspolitik ist Friedenspolitik

Die GEW hat mit Blick auf diese Aktivitäten ausdrücklich festgestellt: Lehrkräfte „erziehen ihre Schüler zu demokratischem Handeln, Kritikfähigkeit, Gewaltfreiheit und Toleranz und beteiligen sie an allen wichtigen Entscheidungen der inhaltlichen und methodischen Gestaltung des Lernens. Die politische Bildung – auch in Fragen der Sicherheitspolitik – gehört in die Hand der dafür ausgebildeten pädagogischen Fachleute und nicht in die von Jugendoffizieren.“ Gleichzeitig unterstreicht die GEW, dass für den Besuch von Jugendoffizieren in der Schule gelten muss, dass „Friedensorganisationen und Friedensinitiativen die gleichen Möglichkeiten wie der Bundeswehr einzuräumen sind, ihre Konzepte zu erläutern“.

Es ist Aufgabe der Zivilgesellschaft, gewaltfreie Sicherheitskonzepte zu entwickeln. Militärische Interventionspolitik hat keine Nachhaltigkeit. Auf der politischen Agenda steht der Ausstieg aus der militärischen und der Umstieg zu einer zukunftsfähigen Sicherheitspolitik.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    inti – 20.07.2011 - 14:00

    vielleicht sollte sie herr thöne mal auf deutschen schulhofen vorbei schauen, da nimmt die gewalt eher zu. so ein bisschen disziplin und ordnung vom bund wären an manchen schulen nicht das verkehrteste und die immer wieder kehrende diskussion um schulUNIFORMEN zeigt doch bereits eine gewisse bereitschaft hier einzuschwenken. klar, etwas übertrieben, aber eine zukunftsfähige sicherheitspolitik erfordert wie jede sicherheitspolitik die militärischen kapazitäten im notfall handlungsfähig zu sein. die bundeswehr ist unser notfall-koffer in den wir greifen wenn leben in gefahr sind. und darin sollten gute materialien liegen und die gesellschaft sollte sich immer wieder bewußt und kritisch mit dem inhalt auseinandersetzen, sowie mit den fähigkeiten die instrumente zu nutzen.

    grüße, inti

  • Theeuropean-placeholder
    H. Schwarz – 20.07.2011 - 14:07

    Selten habe ich solch absoluten Käse hoch 2 gelesen!

    In welchem Wolkenkuckucksheim gibt es bitte gewaltfreie Sicherheitskonzepte? …außer vielleicht dieses, dass man jeden mit Geld ruhig stellt, der potentiell gefährlich werden kann? Was auf dem Schulhof unter den Augen unserer (2-Semester-Sitzschein)-Pädagogen nicht funktioniert, können eben diese Pädagogen nicht ernsthaft global einfordern.

    Lehrer sollten sich Gedanken machen über Arbeitskollegen, die Schüler gegen Polizisten aufhetzen und entgegen polizeilicher Anordnungen zum Verbleib auffordern. (s. 30.09. Stuttgart).

    Bitte erst an die eigene Kollegen-Nase fassen und dort Fehler ausmerzen, bevor sie lautstark gegen die Bundeswehr herziehen und auch noch einen schwer erträglichen Vergleich zu Wehrmachtszeiten gleich zu beginn des Textes einflechten.

    Es ist unerträglich, wie alt-68er gegen Polizei, Bundespolizei, Bundeswehr agitieren und trotzdem wie selbstverständlich erwarten, dass sie auch nachts um 4 nach Toscana-Rotwein-Sause sicher nach Hause kommen und dort Familie, Hund und Öko-Auto unversehrt vorfinden.

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Brinkmann – 20.07.2011 - 15:54

    Ich sehe es jetzt nicht so extrem wie die beiden vorhergehenden Kommentatoren, allerdings halte ich die Positionierung der GEW auch für falsch.

    Zum Lernstoff Gewaltfreiheit oder wie es hier ausgedrückt wurde “gewaltfreie Sicherheitskonzepte” ist es aus m. M. nach notwendig, alle Facetten zu beleuchten, sprich: Es sollten von Seiten der Lehrer aktiv die Bundeswehr mit eingebunden werden. Das hat nichts mit Beeinflussung zu tun, denn die Schüler müssen lernen, ALLE Faktoren und Möglichkeiten zu betrachten. Denn bitte vergessen Sie nicht, dass die Bundeswehr einen Verteidigungsauftrag hat und keine Angriffsarmee ist. Leider wird oftmals ein falsches Bild von Leuten vermittelt, die ein eher negatives Bild von der Bw haben. Aber gerade ein guter Lehrer sollte eigene Positionen und Meinungen zurückstellen und nicht versuchen, diese seinen Schülern – bewusst oder unbewusst – aufzudrücken.

    Also ruhig die Bw aktiv einbinden, denn die Jugendoffiziere verkaufen kein romantisches Bild von der Bw, sondern versuchen einen weiteren Blickwinkel auf Konflikte zu geben und zu erklären. Etwas “mehr Horizont” hat noch niemandem geschadet und mir ist auch kein Fall bekannt, dass durch eine objektive Betrachtung aller Facetten jemand zum “Rambo” mutiert ist.

    Wenn Eltern und Lehrkräfte gute Arbeit geleistet haben, ist ein Schüler mit Sicherheit in der Lage, ein eigenes differenziertes Bild zu entwickeln. Außerdem fördert es die Diskussionskultur und künftige Einsätze der Bw werden von vornherein kritischer betrachtet. Heute interessiert es ja nur die wenigsten Bürger. Viele können ja noch nicht mal sagen, wo die Bw zur Zeit in der Welt überall eingesetzt wird.

    Von daher finde ich den Einsatz von Jugendoffizieren an Schulen gut, so lange der Unterricht GEMEINSAM mit einer “normalen” Lehrkraft durcheführt wird.

  • Theeuropean-placeholder
    Detlev Beine – 21.07.2011 - 12:51

    Sehr geehrter Herr Thöne,
    Ihr Artikel gehört mal wieder zu den wenigen Guten, die man bei “The Europeen” lesen konnte. Es ist ein fataler Fehler, Jugendoffizieren eine Plattform anzubieten, um jungen Menschen für eine Armee zu begeistern, die immer mehr vom Grundgesetzt abweicht. Eine Entwicklung von einer Verteidigungsarmee zur Interventions- oder auch Angriffsarmee hat schon unser Altkanzler Helmut Schmidt schwer verurteilt, sprich die Neugestaltung der Bundeswehrreform. Als er sagte, die Bundeswehr solle sich auf ihre eigentliche Aufgabe der Landesverteidigung konzentrieren. Darüber hinaus hält Schmidt es für sehr gefährlich, wenn sich Deutschland abrufbar macht, für fremde Kriege auf fremden Kontinenten.
    Übrigens muss ich leider meinen Vorrednern, speziell H. Schwarz, ebenfalls sagen, soviel Käse Hoch 2 selten gelesen zu haben z. B. wo gibt es gewaltfreie Sicherheitskonzepte. Konflikte sind meist von politischer Natur und die lassen sich auch nur politisch lösen. Der Westen wendet immer militärische Gewalt an, führt aber zu nichts, wie man an den Irak und Afghanistankriegen ablesen kann.
    Worum es hier eigentlich geht, sind die verfassungswidrigen, vom Grundgesetzt verbotenen Einsätze der Bundeswehr im Ausland. Der Staat versucht über seine Angestellten, den Jugendoffizieren, Menschen zu ködern für eine Politik, die der Staatsräson geschuldet ist. Nämlich die vorbehaltlose Gefolgschaft der USA für deren Interessen. Falls Sie es noch nicht wissen sollten. Seit 1945 sind die eben genannten hauptsächlich verantwortlich für die Krisen, Konflikte und Kriege.
    Wenn nun, wie Herr Brinkmann sagt, ein Jugendoffizier versucht, einen weiteren Blickwinkel auf Konklikte zu geben und zu erklären, dann sind diese Herrschaften die schlechtere Wahl. Denn sie werden die Interessen ihres Arbeitgebers vertreten. Und sie werden auf jeden Fall den Bundeswehreinsatz am Hindukusch für gutheißen bzw. die jungen Schüler von der Richtigkeit des Einsatzes dort überzeugen.
    Die dafür geeigneten wären unter anderem Journalisten, die die geschichtlichen Zusammenhänge und Hintergründe für die Konflikte neutral erklären könnten.
    Schule und Militär passen einfach nicht zusammen. Im ersten Weltkrieg wurden auch junge Schüler von der Bank weg rekrutiert, während des Vietnamkrieges ebenso. Die Resultate daraus sollten allen bekannt sein. Wir sollten von daher nicht die selben Fehler erneut machen.

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Brinkmann – 21.07.2011 - 13:05

    Sehr geehrter Herr Beine,

    Ihre Ansichten drücken eine gleichsam schlimme Radikalität aus, die Sie allen Bw-Angehörigen scheinbar per se unterstellen. Ich habe selbst Jugendoffiziere erlebt und diese kamen nicht daher, wie die Rekrutierungsbüros der Army, sondern haben ein klares Bild von dem gezeigt, was einen Menschen erwartet, wenn er sich entscheidet Soldat eine Soldatin bei der Bw zu werden.

    Und ich bleibe auch dabei: Um sich ein umfassendes Bild machen zu können, ist es notwendig, ALLE Seiten zu hören. Ich unterstelle 99% der Schüler die Fähigkeit des eigenständigen Denkens zu.

    Die Bundeswehr ist auch nach wie vor eine Verteidigungsarmee – unterhalten Sie sich doch einfach mal mit Soldaten, die im Einsatz waren, was das bedeutet.

    Auch ich stehe nicht hinter der Einsatzentscheidung in Afghanistan – aber ich stehe 100% hinter unseren Männern und Frauen, die dort Dienst tun. Denn hinbeordert werden diese von der Regierung – die übrigens auch Sie, Herr Beine, mit Ihrer Stimme gewählt haben, bzw. wählen können.

    Ich stimme Ihnen vollstens zu, die Fehler dürfen sich nicht wiederholen. Und um das zu vermeiden, darf eben auch nichts tabuisiert werden. Deswegen: Vorträge bzw. Diskussionsrunden von Jungoffizieren GEMEINSAM mit den Lehrkräften sind absolut in Ordnung bzw. unterstützenswert. So kann sich jeder sein eigenes Bild machen. Bitte nicht immer gleich in ein Global-Bashing gegen die Bw verfallen.

  • Theeuropean-placeholder
    Detlev Beine – 21.07.2011 - 16:39

    Sehr geehter Herr Brinkmann,
    es ist schön, dass Sie auf meinen Leserbrief reagiert haben. Somit ist die Debatte eröffnet. Über dieses Thema zu schreiben ist schon heikel, zumal man mit ein paar kurzen Sätzen diesen nicht gerecht wird. Natürlich sind die US-Rekrutierer in deren Heimat viel härter und dominanter, mit unseren gar nicht zu vergleichen. Das habe ich auch nicht geschrieben. Was ich wollte aufzuzeigen, ist der Beginn einer militarisierten Außenpolitik aufgrund der Bundeswehrreform, die Altkanzler Schmidt sehr stark kritisiert. Wenn nun die Transformation vollendet ist, und aus der ursprünglichen Verteidigungsarmee, die laut Grundgesetzt nicht ins Ausland darf, eine Interventionsarmee geworden ist, dann frage ich Sie, was dann diese Armee in der Welt für Aufgaben hat. Vielleicht mal wieder für andere die Kastanien aus dem Feuer holen? Nicht nur meine Befürchtung ist dahingehend, dass sich das Aufgabenspektrum der deutschen Soldaten gravierend ändern wird, nämlich ein energischeres Auftreten. Und das ist ein Widerspruch zur eigentlichen Friedenspolitik der Deutschen.
    Das die Jugendoffiziere keine “Einpeitscher” sind wie ihre US Kollegen habe ich ja gesagt. Trotzallem werden sie ihre Bundeswehr gut verkaufen wollen und auch die Linie der/des Bundesregierung/Bundestages vertreten, wir würden am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Diese bewusste Desinformation ist es, die bei den Bürgern sauer aufstößt. Wenn man sich geopolitisch aufklären lassen will, so sind die “staatlichen Aufklärer” nicht die richtigen, wie ich es schon gesagt habe. In den letzten Jahren hatte ich viel Kontakt mit investigativen Journalisten, habe deren Bücher gelesen und vieles mehr. Sie zeigen der Bevölkerung nicht nur die Lügen am Hindukusch auf, sondern wie sich eine Gesellschaft verändern kann, und ich meine kann, wenn die Armee weltweit im Einsatz ist.
    Als ich vor über 20 Jahren als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr war, war ich zu diesem Zeitpunkt weltpolitsch ungebildet, da hätten mir meine damaligen Vorgesetzen alles erzählen können, ich hätte denen alles geglaubt. Natürlich war die Lage auch anders so kurz vor dem Mauerfall. Aus heutiger Sicht und mit meinem derzeitigen Kenntnisstand würde ich bei einer noch existenten Wehrpflicht verweigern.
    Ein Problem, das noch zu diskutieren ist, das mit unserer Stimme im Bundestag Schindluder getrieben wird. Hier auf dieser Seite war erst vor kurzem ein Artikel darüber, wie die Verbindung zwischen Wähler und Gewählten auseinander driftet. Die Gewählten berufen sich darauf, wer mich wählt, da wählt auch den Afghanistaneinsatz. Die Bürger sagen, ich wähle Partei xy deswegen, weil sie meine Interessen vertritt, bin zwar gegen den Bundeswehreinsatz, nehme es aber billigend in Kauf. Diese Problematik ist zu ausufernd und zu frustierend, als das ich weiter fortfahren, denn das würde hier den Rahmen sprengen.
    Zum Schluß noch folgendes. Unsere deutsche Außenpolitik war stets friedensorientiert, im Gegensatz zu der US-Außenpolitik. Wir dürfen uns daher nicht in deren Sog begeben. So wie vor kurzem Altkanzler Schmidt sagte, er betrachte die machtpolitischen Arrangements außerhalb unserer Grenzen mit sehr großer Skepsis.

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