Wir werden sehen, ob junge Leute wirklich besser sind, nur weil sie jung sind. Michel Friedman

Was ein EU-Austritt für die Briten bedeuten würde

Keine sieben Wochen mehr, dann werden die Briten eine der folgenreichsten Entscheidungen in der Geschichte Großbritanniens und der Europäischen Union treffen: Mit ihrem Referendum am 23. Juni 2016 entscheiden sie nicht nur über ihren Verbleib in der EU, sondern gleichzeitig über die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes. Entsprechend groß ist auf politischer Ebene die Sorge.

Der „Brexit“, also einem EU-Austritt Großbritanniens – er könnte wirklich Realität werden. Wie groß die sorge ist, zeigte sich auf dem letzten EU-Gipfel in Brüssel: Um den britischen Premierminister auf Europakurs zu halten, wurden dem Vereinigten Königreich von den anderen Ländern zahlreiche Sonderrechte etwa in Bezug auf die Beschränkung von Zuwanderung, Kürzung von Sozialleistungen oder die Kontrolle des heimischen Finanzmarktes eingeräumt.

Warum aber ist Großbritannien für die EU überhaupt so wichtig? Zunächst einmal hätte ein Brexit fatale psychologische Folgen, da er den Zusammenhalt innerhalb der EU gefährden könnte. Ratspräsident Donald Tusk sprach in diesem Zusammenhang auf dem EU-Gipfel Mitte Februar von einem „entscheidenden Augenblick für die Einheit unserer Union“. Darüber hinaus sind es ganz konkrete, wirtschaftliche Gründe, die Großbritanniens besondere Bedeutung für die EU erklären. Schließlich ist der Inselstaat nach Deutschland die zweitgrößte Volkswirtschaft der Union. Allein das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Londons ist mit 650 Milliarden Euro etwa so groß wie die gesamte Wirtschaftskraft Polens. In der Gesamtbetrachtung trägt die Finanzbranche damit rund 17 Prozent zum gesamten BIP bei.

Dass ausgerechnet Londons populärer Bürgermeister Boris Johnson jetzt verstärkt Stimmung gegen die EU macht, dürfte entsprechend schwer wiegen. Darüber hinaus haben die EU-Gegner Premierminister David Cameron im Anschluss an die Einigung über die britischen Reformforderungen in Brüssel scharf kritisiert. So äußerte sich beispielsweise der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn kritisch zu Camerons Verhandlungen in Brüssel. Diese seien lediglich eine „theatralische Sideshow mit dem Ziel, seine Gegner in der konservativen Partei zu beruhigen“. Insgesamt sind mir die Beschlüsse von Brüssel nicht wirklich weitreichend genung und scheinen eine Art „Plazebo“ zu sein, das die EU-Regeln eher komplizierter als einfacher macht.

In aktuellen britischen Meinungsumfragen zeichnet sich weiter ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Lager ab – die unentschlossenen Wähler könnten am Ende schließlich das Zünglein an der Waage sein. Auch wenn ich weiterhin von einer knappen Mehrheit für einen EU-Verbleib ausgehe, stellt sich die Frage nach den ökonomischen Auswirkungen eines möglichen Brexits. Dabei ist es sinnvoll, drei Phasen zu betrachten: die Zeit vor dem Referendum, die Verhandlungsphase nach einem möglichen negativen Votum und die Zeit nach vollzogenem EU-Austritt Großbritanniens.

In der ersten Phase bis zum 23. Juni dürfte es meiner Ansicht nach aufgrund der Verunsicherung hinsichtlich des Ausgangs des Referendums in Großbritannien zu einem Aufschub von Investitionsentscheidungen kommen. Diese Entwicklung könnte das britische BIP im Jahr 2016 um bis zu 0,25 Prozentpunkte schmälern, was bei einer Gesamt-BIP-Prognose für 2016 von 2,3 Prozent nicht unerheblich wäre.

Im Falle eines Votums für den Verbleib in der EU dürften die aufgeschobenen Investitionen kurzfristig nachgeholt werden. Entscheiden sich die Briten hingegen für den EU-Austritt, könnte sich die Investitionstätigkeit weiter abschwächen und so die Produktivität britischer Unternehmen belasten. Das BIP Großbritanniens könnte daraufhin um jährlich bis zu 1,0 Prozentpunkte geringer ausfallen – trotz möglicher Interventionen der britischen Notenbank. Ich gehe davon aus, dass ein solches Szenario die gesamten, mindestens zwei Jahre dauernden Austrittsverhandlungen begleiten könnte. Im Zuge einer steigenden Verunsicherung der Marktteilnehmer ist zudem mit einer weiteren Abwertung des Britischen Pfunds zu rechnen. Das würde zwar die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Exporteure erhöhen, hätte aufgrund steigender Einfuhrpreise aber einen realen Kaufkraftverlust der Konsumenten zur Folge.

Bei einem tatsächlich vollzogenen EU-Austritt Großbritanniens wird es schließlich darauf ankommen, wie die Handelsbeziehungen mit der EU ausgestaltet werden. Insbesondere die Frage nach dem weiteren Zugang zum gemeinsamen Markt stünde dabei im Mittelpunkt – schließlich geht fast die Hälfte der britischen Exporte derzeit in die EU, was einem Anteil von 15 Prozent des britischen BIP entspricht. Auch die Güter, die Großbritannien einführt, kommen zu mehr als 50 Prozent aus der EU. Diese Zahlen machen deutlich, wie eng Großbritannien und die EU miteinander verbunden sind. Wahrscheinlich ist, dass britische Unternehmen zusätzlich zu den gesunkenen Direktinvestitionen aus dem Ausland auch erhebliche Mehrkosten, etwa für erforderliche Konzessionen, werden verkraften müssen. Auch die Immobilienpreise würden davon nicht unberührt bleiben. Insbesondere für den Finanzplatz London rechne ich dann mit fallenden Preisen. Erst allmählich dürften dann ein schwächeres Pfund, eine lockerere Geldpolitik der Bank of England sowie neue Handelsbeziehungen zu Volkswirtschaften außerhalb der EU die negativen Effekte (u.a. Finanzierung Haushaltsdefizit als auch ein Leistungsbilanzdefizit und mögliches Downgrade durch die Rating Agenturen) eines EU-Austritts kompensieren. Insgesamt bleiben der britischen Regierung dann rund 2 Jahre Zeit für ihre Exit-Verhandlung.

Auch für die EU wäre ein Brexit ein schwerer Schlag, denn sie würde rund 13 Prozent ihrer Einwohner verlieren und 17 Prozent ihrer Wirtschaftskraft. Ohne Großbritannien könnte die EU gar internationales Gewicht verlieren und damit Schwierigkeiten bekommen mit Nationen wie den USA, Russland oder China auf Augenhöhe zu verhandeln. Neben den politischen Folgen würde mit Großbritannien auch einer der großen Nettozahler wegfallen. Ebenso ist auch die Zukunft weiterer EU-Länder wie Finnland oder Irland ungewiss, wo die Zahl der Euro-Skeptiker bereits heute beträchtlich ist.

Ein Brexit hätte für Großbritannien massive Folgen. Aber auch die EU würde womöglich an Gewicht in der Welt verlieren, denn ökonomisch ist Großbritannien mit der EU sehr eng verwoben. Dass der drohende Brexit bereits jetzt Auswirkungen auf die Finanzmärkte hat, zeigt das Pfund: Es hat in den vergangenen Wochen stark an Wert verloren. Ein Trend der sich meiner Meinung nach auch in den kommenden Monaten fortsetzen könnte. Anleger sollten die weiteren Entwicklungen in Großbritannien sehr genau verfolgen, da die europäischen Kapitalmärkte entsprechend schwankungsanfällig bleiben sollten.

In dieser Zeit fließt allerdings noch viel Wasser die Themse runter und es kann noch viel passieren. Wie es ab dem 23. Juni weitergehen wird, bleibt abzuwarten. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass sich der typisch britische Pragmatismus und die Vernunft durchsetzt und Großbritannien in der EU verbleibt – und das nicht nur aus ökonomischen Gründen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alice Weidel, Ingo Friedrich, The European Redaktion.

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