Jede Epoche hat ihre eigene Sprache. Norman Foster

Wider den Google-Aktionismus

Altertümlich, überflüssig, zukunftsfeindlich: Das Urheberrecht, diese uralte Institution, muss sich gerade ziemlich viel vorwerfen lassen. Das Plädoyer der Verteidigung.

Ungewöhnlich ist weniger, dass unterschiedliche Interessengruppen ihren Eigennutz auf Kosten der Urheber und Verwerter maximieren wollen. Es verblüfft viel mehr, dass die Begründungen für diese Begehrlichkeiten so wenig infrage gestellt werden. Ist eine grundsätzliche Änderung des Urheberrechts mit gravierenden Eingriffen in die Eigentumsrechte von Urheber und Verwerter wirklich die einzige, angemessene und notwendige Lösung?

Ein in Zigtausende atomisierter Markt

Betrachten wir die einzelnen Problemfelder genauer: Hohe und laufend steigende Preise für Zeitschriften sind der meistgenannte Grund für notwendige Änderungen des Urheberrechts. Internationale Verlagskonzerne würden ihre Monopolsituation schamlos ausnutzen. Ist das wahr? Wenn es wirklich eine Monopolsituation gibt, dann ist das Kartellrecht dazu da, dagegen vorzugehen. Warum traut sich das niemand? Vermutlich weil die Sorge groß ist, dass herauskäme, dass der Markt der Fachinformationen gerade kein Monopolmarkt oder Oligopol ist, sondern vielmehr ein in Zigtausende atomisierter Markt, in dem nicht einmal fünfzig Zeitschriften Anlass zur Klage geben. Muss man dafür das Urheberrecht ändern?

Ein weiteres beliebtes Argument ist das schwarze Loch des 20. Jahrhunderts. Weil für die Veröffentlichungen im 20. Jahrhundert meist noch keine digitalen Rechte übertragen wurden, muss man jetzt die Autoren erst fragen, bevor man ihre Werke einscannen darf. Ja, das mag mühsam sein und Zeit kosten. Na und? Man tut gerade so, als ob die Welt nur gerettet werden kann, wenn wir möglichst schnell auch die letzte Gebrauchsanweisung der 60er-Jahre digitalisiert haben und online einsehen können. Natürlich ist auch das Unsinn. Der größte Teil der Bücher in Bibliotheken wird nie mehr ausgeliehen. Weil die einfach niemand braucht. Sicher, es wäre schön, wenn alles lückenlos verfügbar wäre. Aber ob das morgen oder erst in zwanzig Jahren ist, ist weitgehend irrelevant.

Erfordert Digitalisierung die Änderung des Urheberrechts?

Die Europäische Kommission will das Urheberrecht ändern, weil sie gerne Google die Digitalisierung der Bibliotheken übertragen will. Die europäischen Länder könnten sich die Investitionen in solch ein Projekt nicht leisten. Aber ein Privatunternehmen? Wie peinlich ist das denn? Die Digitalisierung der rund eine Million lieferbaren Werke würde zehn Millionen Euro kosten. Wenn man noch eine Million vergriffene Werke dazunimmt, dann hätte man die größte digitale Bibliothek der Welt und so ziemlich alle deutschen Bücher seit Gutenberg verfügbar. Kostenpunkt: 20 Millionen Euro. Und das kann die EU nicht stemmen? Als Frau Reding diese idiotische Aussage gemacht hat, kam kein Widerspruch. Und es kamen auch keine Proteste, als sie kurz darauf mit den Chefs von Google posierte.

Nein, auch für die Retrodigitalisierung muss das Urheberrecht nicht grundlegend geändert werden. Viel wichtiger ist, dass man das in der Politik endlich als Aufgabe begreift und die Mittel dafür zur Verfügung stellt. Solange aber Bibliothekare, Wissenschaftsorganisationen, Urheber und Verleger miteinander balgen, freut sich die Politik. Wir müssen mit einer Stimme sprechen und fordern, was nottut: eine stabile finanzielle Ausstattung der Bibliotheken. Eine Investition in Digitalisierung, dort wo das Digitalisat dem Buch überlegen ist. Eine Investition in das Buch, dort wo es weiterhin einfach das bessere Medium ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sebastian Blumenthal, Sabine von Wegen, Stephan Urbach.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Google, Digitale-gesellschaft, Neue-medien

Kolumne

Medium_e1ee45837b
von Oswald Metzger
18.12.2016

Kolumne

Medium_651b175fd6
von Thore Barfuss
26.06.2015

Debatte

Lang lebe die Kontrolle

Medium_e776efa156

Hoffnung Netz

Selten hatten Medien so viel Macht, an den Stühlen der Mächtigen zu sägen. Dabei dient ihnen das Netz als optimale Plattform. Gleichzeitig könnte es zur Kontrollinstanz für guten Journalismus werden. weiterlesen

Medium_57ff04dfa7
von Aleksandra Sowa
28.05.2015
meistgelesen / meistkommentiert