Die CDU hat ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte niemals zurückgefordert. Frank Schirrmacher

Wider den Google-Aktionismus

Altertümlich, überflüssig, zukunftsfeindlich: Das Urheberrecht, diese uralte Institution, muss sich gerade ziemlich viel vorwerfen lassen. Das Plädoyer der Verteidigung.

Ungewöhnlich ist weniger, dass unterschiedliche Interessengruppen ihren Eigennutz auf Kosten der Urheber und Verwerter maximieren wollen. Es verblüfft viel mehr, dass die Begründungen für diese Begehrlichkeiten so wenig infrage gestellt werden. Ist eine grundsätzliche Änderung des Urheberrechts mit gravierenden Eingriffen in die Eigentumsrechte von Urheber und Verwerter wirklich die einzige, angemessene und notwendige Lösung?

Ein in Zigtausende atomisierter Markt

Betrachten wir die einzelnen Problemfelder genauer: Hohe und laufend steigende Preise für Zeitschriften sind der meistgenannte Grund für notwendige Änderungen des Urheberrechts. Internationale Verlagskonzerne würden ihre Monopolsituation schamlos ausnutzen. Ist das wahr? Wenn es wirklich eine Monopolsituation gibt, dann ist das Kartellrecht dazu da, dagegen vorzugehen. Warum traut sich das niemand? Vermutlich weil die Sorge groß ist, dass herauskäme, dass der Markt der Fachinformationen gerade kein Monopolmarkt oder Oligopol ist, sondern vielmehr ein in Zigtausende atomisierter Markt, in dem nicht einmal fünfzig Zeitschriften Anlass zur Klage geben. Muss man dafür das Urheberrecht ändern?

Ein weiteres beliebtes Argument ist das schwarze Loch des 20. Jahrhunderts. Weil für die Veröffentlichungen im 20. Jahrhundert meist noch keine digitalen Rechte übertragen wurden, muss man jetzt die Autoren erst fragen, bevor man ihre Werke einscannen darf. Ja, das mag mühsam sein und Zeit kosten. Na und? Man tut gerade so, als ob die Welt nur gerettet werden kann, wenn wir möglichst schnell auch die letzte Gebrauchsanweisung der 60er-Jahre digitalisiert haben und online einsehen können. Natürlich ist auch das Unsinn. Der größte Teil der Bücher in Bibliotheken wird nie mehr ausgeliehen. Weil die einfach niemand braucht. Sicher, es wäre schön, wenn alles lückenlos verfügbar wäre. Aber ob das morgen oder erst in zwanzig Jahren ist, ist weitgehend irrelevant.

Erfordert Digitalisierung die Änderung des Urheberrechts?

Die Europäische Kommission will das Urheberrecht ändern, weil sie gerne Google die Digitalisierung der Bibliotheken übertragen will. Die europäischen Länder könnten sich die Investitionen in solch ein Projekt nicht leisten. Aber ein Privatunternehmen? Wie peinlich ist das denn? Die Digitalisierung der rund eine Million lieferbaren Werke würde zehn Millionen Euro kosten. Wenn man noch eine Million vergriffene Werke dazunimmt, dann hätte man die größte digitale Bibliothek der Welt und so ziemlich alle deutschen Bücher seit Gutenberg verfügbar. Kostenpunkt: 20 Millionen Euro. Und das kann die EU nicht stemmen? Als Frau Reding diese idiotische Aussage gemacht hat, kam kein Widerspruch. Und es kamen auch keine Proteste, als sie kurz darauf mit den Chefs von Google posierte.

Nein, auch für die Retrodigitalisierung muss das Urheberrecht nicht grundlegend geändert werden. Viel wichtiger ist, dass man das in der Politik endlich als Aufgabe begreift und die Mittel dafür zur Verfügung stellt. Solange aber Bibliothekare, Wissenschaftsorganisationen, Urheber und Verleger miteinander balgen, freut sich die Politik. Wir müssen mit einer Stimme sprechen und fordern, was nottut: eine stabile finanzielle Ausstattung der Bibliotheken. Eine Investition in Digitalisierung, dort wo das Digitalisat dem Buch überlegen ist. Eine Investition in das Buch, dort wo es weiterhin einfach das bessere Medium ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sebastian Blumenthal, Sabine von Wegen, Stephan Urbach.

Leserbriefe

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Mehr zum Thema: Google, Digitale-gesellschaft, Neue-medien

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