Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben. Karl Kraus

Im reifen Bullenmarkt zählt „Emotionsmanagement“!

Kennen Sie die alte Geschichte von der Kuh, der zu langweilig ist und die sich deshalb aufs Eis verirrt? Dieser Tage vertritt ein ganze Anzahl von Katastrophenpropheten die Meinung, so mancher Anleger sei wie eine Kuh, die sich so sehr an den laufenden Bullenmarkt gewöhnt hat, dass sie die Gefahren eines fragilen Untergrunds nicht mehr erkennt.

Es ist geradezu tragisch. Die sprichwörtliche Anleger-Kuh stapft so lange achtlos umher, bis sie auf dem Glatteis ins Rutschen gerät und schließlich einbricht. Ein wunderbares Bild für die Situation an den Märkten. Gab es nicht schon den zweiten herben Dämpfer in diesem Jahr? Der Bullenmarkt sei unweigerlich dem Untergang geweiht. Jetzt gilt nur noch, rasch zu handeln, bevor sich Verluste aufsummieren!

Stimmt das? Wir sagen: Nein. Wie so häufig hilft es jetzt, kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht von kurzfristigen Entwicklungen in eine Richtung drängen zu lassen. Das gilt umso mehr in Zeiten, in denen Handelskriege und Drohgebärden, schwelende geopolitische Krisenherde oder konkrete Marktentwicklungen wie steigende Zinsen und Inflation für emotionale Ausschläge sorgen – neben der ganz realen Volatilität an der Kurstafel. Emotionsmanagement ist jetzt gefragt.

Der Gemütswandel der Kurse im März, bei dem der DAX unter die 12.000-Punkte-Marke rutschte – dem tiefsten Stand seit August 2017 – sorgt verständlicherweise für Unruhe. Aber die jüngste Entwicklung weist die typische Anatomie einer vorübergehenden Korrektur auf – und ist damit keinesfalls Anlass dafür, die eigene Portfoliostruktur grundsätzlich umzukrempeln, um jetzt endlich „die Kuh vom Eis zu bekommen“. Unserer Meinung nach gilt vielmehr, ganz im Sinne Sinatras: „The best is yet to come.“

Steigende Nervosität aufgrund wachsender Unsicherheit und in der Folge höhere Volatilität werden jetzt häufiger zu beobachten sein. Bekanntlich ist das letzte zeitliche Drittel eines Bullenmarktes von erhöhter Dynamik geprägt. In die eine wie die andere Richtung. Und sicher wird sich dann auch der eine oder andere Rücksetzer hinzugesellen, der etwas mehr schmerzt. Aber: Im reifen Bullenmarkt warten die dicksten Gewinne typischerweise am Ende, bei den eher trägen Schwergewichten, und diese sind ebenfalls typischerweise eher weniger stark von vereinzelten Einbrüchen betroffen. Abwarten ist also derzeit nach unserer Ansicht die bessere Alternative.

Diese Meinung fußt auf Erfahrungen der Vergangenheit. In den 90er Jahren trieben Dotcom-Euphorie und Börsenboom im Rahmen der „Goldilocks Economy“ die Kurse aufwärts, während durch die Asien-Krise 1997 und den Kollaps des LTCM-Fonds 1998 die Kurse empfindliche Verluste hinnehmen mussten – diese Einschläge waren deutlich heftiger als die Korrekturen heute. Wenig gefestigte Anleger suchten in den damaligen Phasen das Weite, während kühl agierende Inverstoren mit dem Endspurt des Bullenmarkts belohnt wurden.

Auch heute sehen wir mehr positive Signale als Gründe zur Sorge. Die fundamentalen Vorzeichen stehen weiterhin auf grün. Weder Trumpsche Strafzölle – mit geringer Halbwertszeit – noch kurzfristige Marktverstimmungen können daran etwas ändern. Allerdings fordert die Volatilität Disziplin, belohnt aber Anleger, die Kurzschlussreaktionen vermeiden und ihre Emotionen im Zaum halten. Machen Sie also weder Pferde noch Kühe scheu – in der Ruhe liegt die Kraft, oder vielmehr die Rendite.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ulrich Stephan, Wolf Achim Wiegand, Jens Scholz.

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