Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten. Albert Camus

Der unbekannte Feind

Mauern lösen kein Konflikte, sondern verschärfen sie. Der vermeintliche Gegner wird anonym, unsichtbar und schnell entmenschlicht. Ob Berlin oder Belfast: Diese Logik ist tödlich.

Während am 9. November 2009 Tausende Menschen in Berlin den 20. Jahrestag des Mauerfalls feierten, stand ich mit 60 Jugendlichen an der Friedensmauer in Belfast. Sie, die mit dieser Mauer aufgewachsen waren, trugen T-Shirts mit der Aufschrift: „Berlin 1961-1989, Belfast 1969-???“. Die Botschaft war klar: Sie wollten eine Zukunft ohne Mauern.

Mauern als Antwort auf Gewalt

Im Jahr 2011, mehr als 40 Jahre nach der Errichtung der ersten dieser sogenannten Friedensmauern in Belfast, gibt es inzwischen mehr als 90 dieser Sperranlagen zwischen den Wohnvierteln von britischen Unionisten und irischen Nationalisten. Mehr als vier Jahrzehnte lang dienten diese Sperranlangen als Antwort auf die Gewalt zwischen den beiden Gruppen. Die Sperranlagen umfassen Mauern, Zäune, Sicherheitstore, verlassene Pufferzonen und Barrieren und wurden in die Planungen zur Verkehrsinfrastruktur und die Stadterneuerungsprogramme einbezogen. Die Errichtung dieser Anlagen begann 1969 und wurde nach dem Waffenstillstand der IRA und dem Karfreitagsabkommen 1998 fortgesetzt. Auch nach der Wiedereinsetzung der Regionalregierung und dem Machtteilungsabkommen im Jahr 2007 baute man weiter.

Auch wenn der Grad an Gewalt an den Friedensmauern drastisch abgenommen hat, bleiben sie doch ein Magnet für sporadische Unruhen und Aufstände. Zumeist sind dort Kinder involviert, die keine Erinnerungen an den Nordirlandkonflikt haben. Das führt dazu, dass die direkten Anwohner sich nicht sicher fühlen und Angst bekommen, sobald die Beseitigung dieser Sperranlagen auch nur vorgeschlagen wird.

Ich persönlich glaube, dass die Friedensmauern in Belfast fallen werden. Aber das wird viel länger dauern als ihr Aufbau.

Natürlich haben die Trennmauern in Nordirland niemals funktioniert. Während des Nordirlandkonfliktes haben sie die Gewalt nie aufgehalten und heute halten sie nur die interkonfessionellen Spannungen und die Teilung aufrecht. 1969, auf dem Höhepunkt der Gewalt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen, sagte man uns, sie seien eine zeitlich begrenzte Maßnahme. Man sagte uns, die Mauern würden nicht von Dauer sein, nicht so wie die Berliner Mauer. 40 Jahre später haben die Friedensmauern in Belfast die Berliner Mauer überlebt.

Primitive Reaktion

Das Problem ist, dass diese Mauern zu einer Dauerlösung für ein zeitlich begrenztes Problem geworden sind. Sie sind eine primitive und faule Antwort auf die Sicherheitsfrage und sollen den Anschein von Sicherheit erwecken. Sie sind eine einfallslose und ineffektive Antwort auf die schlechten Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Sperranlagen verhärten die Fronten zwischen Feinden. Mauern stellen sicher, dass man die Menschen auf der anderen Seite nicht sehen und nicht mit ihnen in Kontakt treten kann. Das macht es einfacher, den Feind zu entmenschlichen und perpetuiert letztlich den Konflikt.

Mauern, die kurzzeitig den Eindruck erwecken, sie würden beschützen, erhöhen die Unsicherheit. Im schlimmsten Fall werden Mauern bewusst zu Trennung, Ausgrenzung und Unterdrückung genutzt.

Es gibt viele moralische, soziale und wirtschaftliche Argumenten gegen den Bau von Trennungsmauern. Das stärkste Argument ist jedoch das pragmatische – Mauern funktionieren einfach nicht. Keine Mauer ist jemals hoch genug, lang genug oder stark genug, um komplett zu trennen, zu beschützen oder auszuschließen. Mauern sind letztlich wirkungslos.

Ich glaube, dass wir im 21. Jahrhundert strategischer denken und mutiger sein müssen, um eine einfallsreiche, effektive und humane Alternative zu den offensichtlich gescheiterten Trennmauern der Vergangenheit zu finden.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Dr. Carmen Bauer – 12.08.2011 - 12:20

    Endlich einmal jemand, der einen Vergleich zieht zwischen der Mauer in Berlin und der Mauer in Belfast. Ich denke auch, dass beide Städte bzw. deren Bewohner viel von einander lernen können. Eins ist für mich aber sicher: es geht nicht so sehr um die “physische” Mauer, sondern die Mauer in den Köpfen der hier lebenden Menschen. Die Mauer im Kopf muss fallen und dies wird in der Tat auch hier noch Jahre dauern.

Aus der Debatte

Mauern

Mauern dieser Welt

Marc_falardeau 2

Die Berliner Mauer ist gefallen, der Geist in dem sie errichtet wurde, lebt weiter. Mauern sollen schützen: vor anderen Menschen und vor ihren Ideen. Nur politischer Mut kann diese Schutzwälle niederreissen.

Ed_blakely
von Ed Blakely
14.08.2011

Internetzensur

Mikael_altemark

Auch im Internet werden Mauern errichtet - anders als ihre physischen Pendants verrichten sie ihren Dienst häufig unbemerkt. Doch auch wenn sie sich bei autokratischen Regimes ungebrochener Beliebtheit erfreuen, gibt es immer wieder Schlupflöcher.

Murdoch
von Steven Murdoch
13.08.2011

Weltgeschichtliche Tragödien

Maur-polizei-sonne 9

Die Berliner Mauer war zunächst und vor allem die Manifestation eines fundamentalen Unrechts des Regimes. Den Architekten der israelischen Mauer kommt jedoch nicht in den Sinn, dass ihr Bauwerk niemals das Übel an der Wurzel bekämpfen kann.

Moshe_zuckermann
von Moshe Zuckermann
11.08.2011

Mehr zum Thema: Berliner-mauer, Ira, Nordirland

Kolumne

Kopf
von Stefan Gärtner
26.08.2011

Debatte

Mauern dieser Welt

Marc_falardeau

Mauern dieser Welt

Die Berliner Mauer ist gefallen, der Geist in dem sie errichtet wurde, lebt weiter. Mauern sollen schützen: vor anderen Menschen und vor ihren Ideen. Nur politischer Mut kann diese Schutzwälle nied... weiterlesen

Ed_blakely
von Ed Blakely
14.08.2011

Kolumne

Jost-kaiser-kopf
von Jost Kaiser
12.08.2011
meistgelesen / meistkommentiert