Atomare Strahlen und Treibhausgase machen nicht an Grenzen halt. Torsten Albig

Blaues Wunder

Was Europa in der Krise fehlt, ist ein gemeinsames Feindbild. Wir brauchen einen Superschurken, der so schrecklich ist, dass Staatsschulden und Arbeitslosigkeit wie Luxusprobleme erscheinen.

„Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“. So heißt es in den Spider-Man-Comics. Wer viel Macht besitzt, sollte diese also weise einsetzen, so der Glaubensgrundsatz, auf den sich Spider-Man beruft. Als Einzelgänger hat er natürlich leicht reden.

Denn innerhalb einer Staatengemeinschaft wie der EU verschieben sich Machtkompetenzen naturgemäß häufig zugunsten der individuellen Interessen der Einzelstaaten, was altruistischem Handeln entgegenwirkt. Um das Ganze bildhaft darzustellen: Stellen Sie sich statt der Mitgliedsstaaten das Superheldenteam X-Men vor. Obwohl diese Gruppe von Mutanten mit fantastischen Fähigkeiten immer viele Aufgaben zu lösen hat, führt die Tatsache, dass Hitzkopf Wolverine und Teamleader Cyclops um die gleiche Frau (Jean Grey) buhlen, immer wieder zu weiteren Problemen.

Mutanten sind auch nur Menschen

Viel Energie wird also für Streitereien untereinander verschwendet. Mutanten sind eben auch nur Menschen. Und 
irgendwie gilt das ja genauso für Staaten, wenn der eine mit dem Finger auf den anderen zeigt, weil dieser seinen Schuldenhaushalt nicht im Griff zu haben scheint. Trotzdem funktionieren die X-Men als Kollektiv, andere Superheldenteams ebenso. Lassen wir dabei für einen kurzen Moment die Tatsache außer Acht, dass es sich um frei erfundene Charaktere handelt, deren biografisch-immanenter Sinn es ist, gegen das Böse zu triumphieren.

Es gibt einen Grund dafür, warum die X-Men es als Team schaffen, Magneto davon abzuhalten, unseren Planeten von „normalen“ Menschen zu befreien, während ein Soloheld wie Spider-Man meist den kleineren Schurken in New York hinterherrennt. Wenn es um das große Ganze geht, müssen eben alle zusammenarbeiten, auch wenn es gerade emotionale Spannungen gibt.

Man könnte also sagen: „Aus großen Problemen folgt große Kompromissbereitschaft.“ Der Weg aus einer teilweise diffusen europäischen Krise in eine engere Einheit als Staatengemeinschaft liegt also auf der Hand, und keinesfalls beinhaltet dieser die Gründung eines europäischen Superheldenteams. Ganz im Gegenteil: Europa braucht einen Erzfeind.

Einen Superschurken, der keinen Moment zögern würde, uns alle in ein Häufchen atomare Asche – oder Schlimmeres – zu verwandeln. Einen so perfiden Bösewicht, dass ein einzelner Held wie Spider-Man niemals eine Chance haben könnte. Einen Antagonisten mit einer klaren Linie, der alle politischen Verhandlungsversuche mit einem diabolischen Lachen abschmettert: „Muharhar!“

Her mit dem Schurken

Angesichts einer so eschatologischen Bedrohung wäre die Frage nebensächlich, ob man in Griechenland nun mit Drachmen oder Euro bezahlt. Man könnte alle Problematiken, wirtschaftliche, kulturelle, religiöse, direkt hintenanstellen, denn man wüsste nie, wann so ein Superschurke zuschlägt und was er gerade alles plant. Und natürlich plant ein Schurke immer etwas. Der Kampf gegen einen gemeinsamen Übergegner wäre also eine moralische Pflicht. Bleibt nur die Frage offen, welcher Bösewicht am geeignetsten erscheint, die Staaten zu einen.

Wie wäre es da zum Beispiel mit Victor von Doom, besser bekannt als Dr. Doom aus den Fantastischen-Vier-Comics: Im imaginären Latveria, einem isolierten Zwergstaat (Hauptstadt: Doomstadt) irgendwo zwischen Ungarn und Rumänien, sitzt er auf seinem Diktatorenthron und schmiedet Pläne, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Und das immerhin schon seit den 1960er-Jahren. Warum beim Unterjochen also nicht mit Europa anfangen?

Eine Bedrohung aus den eigenen Reihen des Kontinents heraus hat etwas besonders Heimtückisches, sensible politische Verstrickungen wären kaum zu vermeiden. Lassen wir also Dr. Doom weiter seine finsteren Dinge aushecken und suchen uns lieber einen Gegner, der seinen Wohnsitz nicht um die Ecke hat.

Wie sähe es da mit dem aus den Superman-Comics bekannten kriminellen Mastermind Lex 
Luthor aus? Keine Superkräfte, sagen Sie? Aber immerhin ein Schurke, der zeitweise Präsident der Vereinigten Staaten war, der also mit allen politischen Wassern gewaschen ist. Leider agiert Lex Luthor bei seinen Machtspielen so geschickt, dass ihm kaum etwas nachzuweisen wäre. Um Europa aus einer Krise zu holen, braucht es eine offensichtlichere Bedrohung.

„Ich werde euch vernichten, ehrlich.“

Haben Sie die Comicverfilmung „Watchmen“ gesehen? Vielleicht erinnern Sie sich dann an den Superhelden Dr. Manhattan, einen gottgleichen und blau leuchtenden Ex-Wissenschaftler, der Materie und vieles mehr kontrollieren kann. Dieser wird von den Supermächten USA und Russland zum gemeinsamen Erzfeind ernannt. Und zwar nachdem der eigentliche Drahtzieher einer atomaren Anschlagsreihe – Ex-Held Ozymandias – durch geschickte Täuschung den Eindruck erweckt, Dr. Manhattan habe den Tod von Millionen Menschen zu verantworten. Statt sich gegen die Vorwürfe zu wehren, nimmt Dr. Manhattan die Rolle des vermeintlichen Schurken jedoch an, da er erkennt, dass auf diese Weise der Kalte Krieg beendet werden kann. Die Staaten bekämpfen von nun an ihn und nicht mehr einander.

Eine solche Pseudobedrohung wäre vermutlich die praktischste Variante. Gezielte Videobotschaften von Dr. Manhattan („Ich werde euch vermutlich bald schon vernichten. Ehrlich.“) dürften ausreichen, um die Europäische Union so sehr zusammenzuschweißen, dass alle anderen Debatten hinfällig wären.

Es gäbe eben Wichtigeres, zum Beispiel zu verhindern, dass Dr. Manhattan den Eiffelturm in seine Atome zerlegt. Oder die Eifel.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sarah Bosetti.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

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