Sarah Barracuda kann noch immer zubeißen. Ihren Spitznamen bekam sie in der Schulzeit, er passt nach wie vor. In der Debatte zur Gesundheitsreform in den USA meldete sich Sarah Palin, die ehemalige republikanische Kandidatin für das Vizepräsidentenamt, zu Wort, und wie. Ihre Intervention sorgte für reichlich Wirbel, schließlich nahm sie Präsident Barack Obama ins Visier.
Dessen geplante Reform würde ein System schaffen, das “absolut böse” sei. Sie wolle kein Amerika, in dem Bürokraten über die Gesundheitsversorgung des Einzelnen entscheiden. Bürokraten, die sie Obamas “death panel”, seinen “Todes-Ausschuss” nennt.
Sarah Palin hat noch immer Biss, stürzt sich mit Verve auf politische Gegner. Doch eine Frage bleibt: wozu? Darüber rätselt ihre Partei, ihr Land, vielleicht auch sie selbst. Vor einigen Monaten noch schien es darauf eine klare Antwort zu geben. Sarah Palins Weg, so glaubten viele in Washington, ziele auf die Präsidentschaft der USA. Aus der republikanischen Vizekandidatin sollte die neue Bannerträgerin der Konservativen werden. Eine Hoffnung für das Bleiben der Republikaner im Weißen Haus.
Im letzten Wahlkampf war sie wie aus dem Nichts auf die politische Bühne der Nation getreten. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hatte mit seiner Entscheidung überrascht, Palin zu seiner Vizekandidatin zu ernennen. Und ihr flog zu, was dem blassen Senator McCain verwehrt blieb: die Sympathien der konservativen Anhängerschaft. Mit Patzern in TV-Interviews, die ihre Wissenslücken offenbarten, und Gerüchten, sie verhalte sich abseits der Kameras wie eine Diva, änderte sich die öffentliche Meinung – der neue Star drohte peinlich zu werden. Die Wende im Wahlkampf misslang.
Der Ärger im Team McCain entlud sich nach der Wahl. Einige der Berater machten Sarah Palin für die Niederlage der Republikaner verantwortlich und gaben zu: Sie war die falsche Wahl. Doch an der Basis blieb sie populär, vor allem im ländlichen Amerika, dort, wo man konservative Werte vertritt, hielt man zu ihr.
Im Juli trat Sarah Palin überraschend den politischen Rückzug an: Vor ihrem Haus in ihrer Heimatstadt Wasilla gab sie bekannt, von ihrem Amt als Gouverneurin Alaskas zurückzutreten. Eineinhalb Jahre vor Ende ihrer Amtszeit, drei Jahre vor der nächsten Präsidentschaftswahl. Zum Abschluss zitierte sie aus der Geschichte: “Wir ziehen uns nicht zurück; wir schreiten in eine andere Richtung voran.” Ein bizarrer Auftritt. Denn die konservative Hoffnungsträgerin verkündete ihren Abschied mit einem Lächeln, machte Witze, schien gelöst zu sein.
Sarah Palin hatte mit ihrer Ankündigung alle überrascht. Sogar ihre Partei, in der niemand informiert war. Eine Partei, die noch immer führungslos ist. Den Republikanern fehlt die politische Führungskraft, jemand, der die Partei eint – ihre Seele berührt. Ein Gegengewicht zum Demokraten Obama, dem jungen Präsidenten.
Dessen Umfragewerte sind zwar gesunken, doch noch immer gibt es keinen in den Reihen der Republikaner, der es mit dem Charismatiker Obama aufnehmen kann. Niemand habe momentan die Ausstrahlung eines Präsidentschaftskandidaten, meint Politikwissenschaftler Stephen Wayne von der Georgetown Universität. Vertraut man nationalen Umfragen, haben die Wähler Sarah Palin noch nicht abgeschrieben. In einer Umfrage der Zeitung USA Today und des Meinungsforschungsinstituts Gallup Poll gaben 70 Prozent der Befragten an, Palins Rücktritt habe ihre Meinung über die Republikanerin nicht verändert.
Auch ihre prominenten Fürsprecher, vor allem Vertreter der konservativen Rechten, halten zu ihr. So der politische Hardliner Rush Limbaugh, der in seiner Radio-Talkshow täglich gegen die Demokraten und das liberale Amerika wettert. Er glaubt an eine wichtige Rolle Palins: “Alles, was ich weiß, ist, dass sie weiterhin die Mitglieder der konservativen Basis der Republikaner begeistern wird, jedes Mal wenn sie zu ihnen spricht.” Und der Journalist William Kristol, eine führende publizistische Stimme der Konservativen, sieht in Palins Rückzug gar einen “klugen Schachzug”. Was hätte sie denn als Gouverneurin schon im nächsten Jahr erreichen können, so Kristol.
Doch könnte ihr ein Comeback gelingen? Politikexperte Wayne ist skeptisch: “Ich wäre überrascht, wenn sie es schaffen würde, Präsidentschaftskandidatin zu werden. Die Medien haben sie stark kritisiert und sie würden bei ihrer politischen Rückkehr wieder auf ihre Fehler hinweisen.”
Für den Weg zurück müsste sie einiges tun. An ihrem politischen Profil arbeiten, Anhänger mobilisieren, Spenden sammeln für den teuren Wahlkampf und sich Wissen aneignen, vor allem auf dem Feld der Außenpolitik, so Wayne. Doch nicht alles hat sie selbst in der Hand. Sie müsse auch darauf vertrauen, dass es ihr gelingt, ihr Image zu korrigieren.
Vorerst hat sie sich zurückgezogen, sei ihrem Rücktritt als Gouverneurin nahm sie keine öffentlichen Termine mehr wahr – sie schreibt lieber an ihrer Autobiografie. Vielleicht kommt sie nicht mehr zurück. Vielleicht rüstet sie sich aber auch für das nächste Duell. Denn die Sehnsucht an der konservativen Basis nach einer wie ihr, die bleibt.



















