Ihr seid nicht nur Konsumenten. Ihr seid Bürger, das heißt Gestalter, Mitgestalter. Joachim Gauck

„Wir haben ein absurdes Schönheitsideal“

Schönheit ist relativ – im Fokus stehen aber immer die Frauen. Saskia Ibrom spricht mit der Autorin und Filmemacherin Tine Wittler über das Schönheitsideal in Mauretanien und im Westen, Vorurteile in den Medien und Wege aus dem Diktat der Äußerlichkeiten.

The European: Frau Wittler, wie sieht für Sie der ideale Mensch aus?
Wittler: Auf die Frage würde ich gerne mit einer Gegenfrage anworten.

The European: Nur zu.
Wittler: Sollte es den idealen Menschen überhaupt geben? Menschsein bedeutet, ein einzigartiges Individuum zu sein, sowohl vom Geist als auch vom Körper her. Wir sind aber leider als Menschen auch absolute Herdentiere und wollen am liebsten genau so sein wie die anderen. Das wiederum kann das Individuum stark einschränken

The European: Müssen wir Menschen uns denn immer am Schönheitsideal orientieren? Könnten wir uns nicht auch über anderes definieren, wie Intelligenz oder Fruchtbarkeit?
Wittler: Das könnten wir, tun wir aber nicht. (lacht)

„Wir tun oft so, als gäbe es nichts Wichtigeres im Leben“

The European: Warum nicht?
Wittler: Wir leben in Zeiten, in denen Intelligenz und Fruchtbarkeit nicht mehr entscheidend sind, um überhaupt zu überleben. Und deshalb fixieren wir uns auf Äußerlichkeiten. Vielleicht, weil wir nicht genug andere Probleme haben oder weil wir uns von unseren anderen Problemen sehr gerne ablenken lassen. Wir tun oft so, als gäbe es nichts Wichtigeres im Leben.

The European: Haben Sie eine Definition von „Schönheit“?
Wittler: Für mich ist ein Mensch schön, wenn er offen und tolerant ist. Wenn er denn bereit ist, zu lernen. Jedem sollte bewusst sein, dass sein eigener Kosmos nicht allgemeingültig ist. Sondern nur ein ganz kleiner Teil von allem, was diese Welt ausmacht. Für mich ist ein Mensch schön, der genau weiß, dass das Empfinden von äußerer Schönheit subjektiv ist. Und dass das mit objektiven Maßstäben nichts zu tun hat.

The European: Ist das Körperkult-Problem ein speziell weibliches?
Wittler: In seiner derzeit massiven Ausprägung – ganz sicher. Aber auch historisch gesehen. Männer haben von jeher anders gepunktet. Männer haben Geld oder Macht. Trotzdem brauchen sie eine besonders schöne Frau an ihrer Seite, um in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als der Mächtigste und Angesehenste dazustehen. Die Frau hebt den Status des Mannes und umgekehrt. Insofern ist die weibliche Schönheit nichts anderes als eine seit Jahrtausenden geltende Währung.

„Männer werden nicht so zum Schönsein erzogen wie Frauen“

The European: Männer sollen aber zum Beispiel sehr muskulös sein. Ist das männliche Schönheitsideal vernachlässigbar?
Wittler: Die Ausprägung ist anders. Männer werden nicht so zum Schönsein erzogen wie Frauen. Schon von Kindesbeinen an werden Mädchen dazu angehalten, hübsch zu sein, niedlich zu sein, auf ihr Äußeres zu achten. Aber: Das Schönheitsideal der Frauen befindet sich im Wandel, gerade in den letzten zwei Jahrhunderten.

The European: Woran machen Sie das fest?
Wittler: Wenn Sie alleine ins letzte Jahrhundert schauen: Da gab es die propere Hausfrau in den 1950er-Jahren, dann Twiggy in den 1960ern, die Androgynität der 1980er, danach kam die Ära der Supermodels in den 1990ern. Und dann kam das ganz, ganz Schlanke, Stichwort: Kate Moss.

The European: Und jetzt?
Wittler: Heute haben wir dieses absurde Schönheitsideal, dass Busen und Hintern rund sein sollen, aber der Rest sehr schlank. Das widerspricht der natürlichen Körperform total!

The European: Und das Schönheitsideal der Männer?
Wittler: Bei Männern ist das Schönheitsideal von der Antike bis heute relativ gleich geblieben. Das heißt: muskulös, breite Schultern, diese berühmte V-Form. Auch das ist ein Unterschied zu Frauen, die sich ständig neu orientieren sollen an dem, was gerade angesagt ist. Für die eigene Identitätsfindung ist das schwierig, wenn man einem ständigen Wechsel unterworfen ist. Das macht tatsächlich anfälliger dafür, Äußerlichkeiten überzuberwerten. In diesem Punkt haben es Frauen viel schwerer als Männer.

„In Mauretanien gelten die runden Frauen als besonders schön“

The European: Warum sind Sie für Ihr Buch- und Filmprojekt „Wer schön sein will, muss reisen“ gerade nach Mauretanien gegangen?
Wittler: Die Idee hinter diesem ganzen Projekt war der Perspektivwechsel. In der Islamischen Republik Mauretanien gelten traditionell und bis heute die runden Frauen als besonders schön, was unserem Ideal diametral gegenübersteht. Zudem ist Mauretanien vermutlich das letzte Land auf dieser Erde, in dem es die sogenannte „Gavage“, die Zwangsmästung, gibt. Wenn ich bei meinen Lesungen frage: „Wer von Ihnen weiß, wo Mauretanien liegt?“ Dann gehen von hundert Fingern vielleicht drei oder vier in die Höhe. Wir wissen extrem wenig über dieses Land, obwohl es so groß ist.

The European: Tatsächlich?
Wittler: Es ist dreimal so groß wie Frankreich aber sehr dünn besiedelt und hat nur drei Millionen Einwohner. Aber es liegt gar nicht so weit weg von uns. Es grenzt direkt an Marokko, wo Westeuropäer gerne Urlaub machen. Während des Arabischen Frühlings gab es auch in Mauretanien eine Selbstverbrennung. Aber wir haben dieses Land überhaupt nicht auf dem Zettel. Auch das hat dazu geführt, dass ich mich für dieses Land entschieden habe.

The European: Unter der angesprochenen Gavage, dem Mästen, leiden die mauretanischen Mädchen sehr. Ist das die pervertierte Spiegelung unseres Schönheitsideals?
Wittler: Da gibt es einen großen Unterschied, muss ich sagen. Der Druck, der auf ein Mädchen ausgeübt wird, das in Mauretanien die Gavage mitmacht, ist absolut grausam. Das ist eine Art der Folter. Für ein mauretanisches Mädchen ist es sehr wichtig, einen Mann zu finden und zu heiraten. Wir hier sind keiner körperlichen Gewalt ausgesetzt. Es sei denn, wir üben Gewalt gegen uns selbst aus. Bei uns geht es mehr um einen subtilen Druck. Es fesselt mich ja niemand und sagt: „Du darfst nichts essen.“

„Die deutschen Medien sind Meister des Schubladendenkens“

The European: Hella von Sinnen, Rainer Calmund oder Ottfried Fischer haben zwar keine „Gardemaße“, sind aber trotzdem erfolgreich. Sind deutsche Medien, was den Körperkult angeht, entspannter?
Wittler: Sie haben in Ihrer Frage das Problem schon systemimmanent genannt. „Trotzdem“ – trotz was? Genau in diesem „trotzdem“ liegt das Problem.

The European: Wie meinen Sie das?
Wittler: Man fragt mich immer: „Warum sind Sie denn trotzdem so selbstbewusst?“ Und ich frage zurück: „Warum trotzdem?“ Dass hier bei uns entspannt mit der Thematik umgegangen wird, glaube ich ganz und gar nicht. Die deutschen Medien sind Meister der Doppelzüngigkeit, der Anspielungen, des Schubladendenkens. Wenn es rundere Personen gibt, die im Showgeschäft erfolgreich sind, dann werden Sie nie Berichte oder Artikel finden über diese Menschen, in denen das nicht thematisiert wird. Diese Personen werden dann oft zu Ikonen hochstilisiert.

The European: Wie die Gossip-Sängerin Beth Ditto?
Wittler: Genau. Bei Frauen geschieht das natürlich viel öfter und intensiver als bei Männern. Der Körper wird in den Mittelpunkt gerückt, und nicht das, was diese Person wirklich macht oder kann. In der Boulevardpresse wird menschenverachtend mit Frauenkörpern umgegangen. Zu Lady Gaga erinnere ich mich an die Schlagzeile „Lady Schwabbel“, weil sie ein paar Pfund zugelegt hatte. Zu so was lassen sich auch seriösere Medien hinreißen. Das erlebe auch ich selbst laufend am eigenen Leib.

The European: Was waren die erschreckendsten Beispiele?
Wittler: Ich bin in der medialen Darstellung niemals einfach nur „erfolgreich“, ich bin immer „dick im Geschäft“. Mit meinem Film bin ich nicht wie andere „im Kino zu sehen“, sondern natürlich auf der „Breitbildleinwand“. Wenn ich ein Buch geschrieben habe, dann ist der Inhalt völlig egal, aber es wird darauf hingewiesen, dass es ein „besonders dickes“ Buch ist. Auf Veranstaltungen – das habe ich tatsächlich mehrfach erlebt – werde ich von der Presse gebeten, mich für das Foto neben das Buffet zu stellen – auch wenn ich gerade ganz woanders im Raum stehe …

The European: Großer Gott!
Wittler: Über diese Umgangweise – Sie merken das – rege ich mich verständlicherweise ein bisschen auf. Das ist absolut unverschämt.

„Es geht nicht darum, die Schuld anderen zuzuschieben“

The European: In den USA ist es Usus, bei Bewerbungen auf das Foto zu verzichten – damit soll Diskriminierung im Job vorgebeugt werden. Ist die Vorstellung einer Welt, in der nicht auf Äußerlichkeiten abgestellt wird, naiv?
Wittler: Das ist ein bisschen so wie mit der Frauenquote: ein ziemlich hilfloser Versuch, die Menschen zu einer vernünftigen Handlungsweise zu zwingen. Am Ende ist das besser als nichts. Aber ich glaube, das zäumt das Pferd von hinten auf.

The European: Was könnte man sonst tun?
Wittler: Es geht nicht darum, die Schuld anderen zuzuschieben, es geht nicht darum, zu sagen: „Ihr Medien, ihr seid alle doof. Ihr Männer, ihr seid alle doof.“ Es geht darum, es aus eigener Kraft zu schaffen. Indem man die Stärke entwickelt, zu sagen: „Jawohl, ich mach’s anders.“

Tine Wittlers Filmdebüt „Wer schön sein will, muss reisen“ ist seit dem 26. September bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen. Ihr gleichnamiges Buch ist im Scherz Verlag erschienen.

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