Daten erzählen Geschichten. Jure Leskovec

Reife Dynamik

Bei den gegenwärtigen Wirtschaftsnachrichten beschleicht viele Interessierte das Gefühl eines Déjà-vu-Erlebnisses. Die Meldungen über den Verkauf von Skype für über 8 Milliarden Euro, die nächste Beteiligungsrunde bei Facebook sowie der kürzlich erfolgte Börsengang von LinkedIn oder Yandex wecken Erinnerungen an die wilden Zeiten der New Economy. Ist dieses Mal alles anders?

Auch in den Jahren 1999 und 2000 gab es eine Vielzahl von Börsengängen, Übernahmen und Finanzierungsrunden mit unglaublichen Summen. Doch endete dies in einem jähen Erwachen, als ab Mitte 2000 die Kurse der Unternehmen anfingen zu zerbrechen und letztlich verstärkt durch die Ereignisse des 11. September in einer weltweiten Krise endeten. So gesehen gibt es durchaus berechtigtes Misstrauen gegen diesen neuen Boom von Internet- und IT-Firmen.

Die Kasse klingelt bereits

Doch nicht immer ist ein solch generelles Misstrauen aufgrund eines Déjà-vu gerechtfertigt. Betrachtet und vergleicht man beide Entwicklungen im Detail, offenbaren sich deutliche Unterschiede. Ein grundsätzlicher Unterschied ist, dass alle genannten Unternehmen, aber auch andere wie Groupon, auf funktionsfähigen und auch erprobten Geschäftsmodellen basieren. Zwar hört man immer wieder die Klagen über die zahlungsunwilligen Internetnutzer, doch der Umsatz der genannten Unternehmen beträgt zwischen mehren hundert Millionen Euro (Yandex, Skype) bis über eine Milliarde Euro (Facebook, Groupon). Dies ist ein beträchtlicher Unterschied zu den Firmen der New Economy, wo der Umsatz weit hinter solchen Zahlen zurückblieb. Vielmehr galten damals andere Indikatoren, z. B. das Tempo, in dem die Investorengelder ausgegeben wurden („burn-rate“), als wichtiges Signal.

Der bekannteste Fall ist wohl boo.com, die in 18 Monaten rund 180 Millionen US-Dollar „verbrannten“, ohne je einen nennenswerten Umsatz zu erzielen. Demgegenüber erzielen die heutigen Beispiele nicht nur nennenswerte Umsätze, sondern auch Gewinne. So erzielte Facebook voriges Jahr bei einer Verdoppelung des Umsatzes eine Umsatzrendite von 30 Prozent. Eine Zahl, von der selbst deutsche Großbanken mit ambitionierten Plänen nur träumen können. Ein anderer Unterschied sind die Investoren. So kauft Microsoft Skype auf, um ihr zwar noch profitables, aber in die Jahre gekommenes Portfolio zu verändern und nicht umgekehrt wie im Fall AOL, die damals Time Warner übernahmen. Auch in den anderen Fällen sind die Investoren Unternehmen wie Goldman Sachs oder große VC-Fonds. Selbst die Börsengänge von Yandex oder LinkedIn erreichen nicht die Zahl an Überzeichnungen, wie sie 1999 üblich waren. Natürlich besteht die Gefahr, dass solch erfolgreiche Vorbilder andere auf den Plan rufen und es wieder zu einer Euphorie kommt, bei der weniger tatsächliche Werte als vielmehr Spekulation und der Traum vom schnellen Geld in den Vordergrund treten. Das wären dann wieder Gemeinsamkeiten mit der New Economy.

Dynamisch, aber gereift

Diese Euphorien sind aber ein Kennzeichen aller Spekulationsblasen in der modernen Geschichte unabhängig vom Gegenstand der Spekulation, angefangen beim Tulpenwahn, über die Südseeblase bis hin zum Eisenbahncrash im Kaiserreich. Dass insbesondere Hochtechnologien in ihren frühen Phasen einen guten Nährboden dafür bieten, liegt daran, dass die möglichen Zukunftspotenziale noch nicht absehbar sind. Doch gerade die Internet- und IT-Industrie ist trotz hoher Dynamik heute wesentlich gereifter, sowohl technologisch als auch wirtschaftlich, als sie es vor zehn Jahren war. Nichtsdestotrotz sind Investitionen immer wieder ein Risiko, denn auf ein Unternehmen wie Google kommen, wie das Beispiel MySpace zeigt, Hunderte andere, die scheitern. Dies liegt aber mehr in der Natur einer Marktwirtschaft selbst. Denn Technologien entwickeln sich und wer würde heute noch Eisenbahnen für ein spekulatives Hochtechnologie-Investment halten. Risikolos ist ein Investment dort heute dennoch nicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Heißmann, Carlota Perez, Daniel Glasner.

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