Die Hybris des Journalismus hat ein pathologisches Ausmaß erreicht. Jörg Kachelmann

Nachdenkseiten

Das Feuilleton ist nicht tot, sondern die Zukunft des Zeitungsjournalismus. Denn oft werden genau hier die richtigen Fragen gestellt, über deren Nachdenken sich uns die Welt erschließt.

Man muss sich das wohl wie ein Bad in Genugtuung vorstellen, öffentlich die Abschaffung des Feuilletons zu fordern. Das vermeintliche Intellektuellen-Establishment zu verachten, zeigt nur den eigenen Stellenwert. Ganz oben. Über den Dingen. Von dort, wo man wirklich erkennt, wie es unserer Dichter-und-Denker-Republik geht.

Es muss dem Kinokritiker Georg Seeßlen also recht gut getan haben, als er Anfang August in die „taz“ hineinschrieb, das Feuilleton sei „der Ramschladen des bürgerlichen Selbstverständnisses geworden“ und damit zu fordern: „Schafft das Feuilleton ab!“ Das hat Rums, das knallt, das sitzt.

Trotzdem ist es falsch.

Das Feuilleton gehört nicht abgeschafft, der Rest der Zeitung gehört abgeschafft. Solange Zeitungen mehrheitlich aus Nachrichten bestehen (wie sie es heute tun), braucht sie kein Mensch mehr. Ich denke stattdessen, dass dem Zeitungsfeuilleton, wie wir es heute kennen, die Zukunft gehört. Nicht die Zukunft kultureller Berichterstattung – nein, größer: die Zukunft des Zeitungsjournalismus.

Kein Durchatmen, keine Draufsicht, keine Analyse

Kühne These? Mitnichten. Was bedeutet der Medienwandel denn unterm Strich? Er verheißt die schnelle Verfügbarkeit von Nachrichten, online, 24/7, kein Durchatmen, keine Draufsicht, keine Analyse. Das ist alles bekannt. Und seitdem es bekannt ist, wird den Zeitungen auf zahlreichen Panels gepredigt, sie sollten mehr Analyse, mehr Draufsicht bieten. Aber wer macht das? Wo finde ich das?

Im Feuilleton.

Das bietet mir immer mehr das, was Georg Seeßlen in seinem Ramschladen wahrscheinlich ganz unten in die Regale räumen würde: „politische Kommentare, die die Grenzen zum Essay überschreiten“, Kommentare, die Draufsicht und Analyse bieten. Kommentare, die die Welt erklären. Es gibt viele Beispiele dafür. Ein sehr eindrückliches ist Ende 2011 erschienen.

Nils Minkmar, damals Feuilletonredakteur der „FAS“, besuchte in diesen Tagen den G20-Gipfel in Cannes. „Die Schönheit der Chance“ war ein Resümee des Gipfels:

„Da standen sie im Regen, die beiden, die doch seit drei Jahren kaum etwas anderes tun, als Rettungsschirme aufzuspannen. Es war das Ende eines elenden Gipfels, von den Großen Zwanzig waren achtzehn schon weg, nur Obama und Sarkozy waren noch geblieben und standen nun da wie begossene Präsidentenpudel. Bejubelt wurden sie von der einzigen Bevölkerungsgruppe, die sich im novembrigen Cannes auftreiben lässt: Rüstige Rentnerinnen, die immerhin ihre Frisur mit durchsichtigen Plastikhauben zu schützen verstanden. So eine Duschhaube hätte man den beiden noch um den Kopf binden sollen, dann wäre restlos alles klar gewesen.“

Minkmar beobachtete, zog Schlüsse, achtete auf die kleinen Details, statt auf die großen Gesten:

„Zu ihren wesentlichen Errungenschaften auf dem Gipfel zählte [die australische Premierministerin, Anm.] Gillis die Unterredung mit dem türkischen Premier Erdogan wegen des im Jahr 2015 anstehenden Geburtstags der Schlacht von Gallipoli, bei der sehr viele Australier umkamen. Es ging da um die touristische Infrastruktur, um Busparkplätze und Ähnliches, Themen also, für die einst das Telefon erfunden wurde.“

Minkmars Text ist nicht sehr nachrichtlich (das Wort G20-Gipfel kommt kein einziges Mal vor). Minkmar verkündete auch nicht, was dort in Cannes verkündet wurde – er analysiert die Gemengelage und ordnet sie ein. Er vermittelt das Bild eines politischen Schaulaufens, um des Laufens willen. Kurz: Er macht seinen Job, dem Leser die Hintergründe aufzuzeigen, die Phrasen zu entblättern und somit – die Welt zu erklären.

Die andere Sicht auf die Dinge

Das ist nur ein Beispiel. Es gibt zahlreiche mehr. Schirrmachers visionärer Text zur Bedeutung der Piratenpartei und ihrer Klientel („Aufstieg der Nerds – Revolution der Piraten“), Kniebes Urheberrechtsverteidigung („Zählt ihr nur eure Erbsen“) – ob man sie nun teilt oder nicht.

Es ist die Haltung, die andere Sicht auf die Dinge, die das Feuilleton ausmacht. Ein Feuilletontext ist im besten Fall mit einer lebhaften Diskussion unter Freunden vergleichbar: Eine Flasche Wein, ein paar Gedanken zur Welt, nicht immer Fakten, aber Ideen. Das mag auch daran liegen, dass der Feuilletonist von einem wissenden Leser ausgeht. Er erklärt nicht alles, er zieht Schlüsse ohne jeden Gedankengang nachzuzeichnen, er stellt Vermutungen an, ohne auf Studien zu verweisen. Ganz anders der Nachrichtenredakteur: Der geht (sinnvollerweise) vom unwissenden Leser aus, versorgt ihn mit Neuigkeiten, ordnet ein, blickt zurück. Nur hat sich unsere Gesellschaft geändert. Den unwissenden Zeitungsleser gibt es nicht mehr. Er hat die Nachrichten schon bekommen, lange bevor in Berlin, Frankfurt oder München die Druckerpressen angelaufen sind.

Ja, hier sind wir nun an der Stelle, an der wehgeklagt wird, dass es noch immer ältere Leser gibt, die auf die Zeitung als einziges Informationsmedium vertrauen. Das ist richtig. Aber lässt sich auf ihnen ein tragfähiges Konzept für den Zeitungsjournalismus der Zukunft bauen? Keiner sagt, dass der Schritt einfach ist, er bedeutet ein Stück Identitätsaufgabe. Bislang war es die traditionelle Aufgabe jeder Zeitung, Informationen weiterzugeben. War.

„FAS“-Feuilletonchef Claudius Seidl hat vor einiger Zeit erklärt, welchen Vorteil er im Feuilleton gegenüber seinen Nachrichtenkollegen hat:

„Wir haben zumindest die Freiheit, die einfachen Fragen zu stellen, weil wir von den Berichterstatter-Pflichten entbunden sind.“

Die Zeiten haben sich geändert. Es ist nicht mehr das Vorrecht des Feuilletons, von „den Berichterstatter-Pflichten entbunden“ zu sein. Es ist die Pflicht aller Ressorts einer Tageszeitung, es dem Feuilleton gleichzutun. Sich die Zeit und Ruhe zu nehmen, Nachrichten zu erklären, statt sie zu vermelden. Und Nachrichten nicht mehr als Nachrichten zu verkaufen.

Vorteil Feuilleton

Es ist das Abstrahieren, das Herumspinnen, das In-Bezug-Setzen, was das Feuilleton ausmacht? Und ist es nicht auch das, was die schnellen Live-Ticker der Onlinemedien überdauert? Das Kontemplative, Nachdenkende. Und ist es nicht das, was die Zeitungen – mit ihren aus der Zeit gefallenen Produktionszeiten, den lärmenden Druckerpressen und dem Am-nächsten-Tag-gelesen-Werden – am Ende des Tages rettet?

Und sollte nicht deshalb alles Feuilleton sein? Es liegt eine Chance darin. Wir müssen nur ihre Schönheit erkennen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Kappes, Gunter Reus, Andreas Weiland.

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