Wir werden sehen, ob junge Leute wirklich besser sind, nur weil sie jung sind. Michel Friedman

Gewollte Ungleichheit

Die Exzellenzinitiative bricht mit der deutschen akademischen Tradition. Doch ihr eigentlicher Fehler liegt in der gewollten Produktion von Ungleichheit: Wenn die reichen Unis zu Lasten des Rests gefördert werden, sinkt das Bildungsniveau allgemein. Der Verlierer ist am Ende das deutsche Universitätssystem.

Mit der Exzellenzinitiative (EI) hat eine neue Logik der Wissenschaftsförderung und -finanzierung Einzug gehalten. Die Institutionen, welche die zentrale Entscheidung über die Verteilung der Mittel und auch die mediale Definitionshoheit über die EI haben, der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), stellen diese ausdrücklich in den Dienst einer gewollten stärkeren hierarchischen Differenzierung der Universitätslandschaft.

Das Ende der deutschen Hochschultradition

Dies bedeutet zweifelsfrei einen Bruch mit der deutschen Hochschultradition. Im Unterschied zum angelsächsischen System kennt das deutsche Hochschulsystem den Sondertypus „Eliteuniversität“ nicht. Im Grunde schon seit der preußischen Universitätsreform von 1810 galten alle Universitäten als grundsätzlich gleichwertig, sowohl in der Bewertung ihrer Leistungsfähigkeit als auch in der staatlichen Finanzzuteilung. Die wesentliche akademische Konkurrenz vollzog sich zwischen den einzelnen Lehrstühlen/Professuren.

Der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der EI wird im Kern um die Frage geführt, ob diese lediglich die institutionelle Konsequenz einer ohnehin bestehenden ungleichen Leistungsfähigkeit von Hochschuleinrichtungen sei oder ob die EI im Wesentlichen eine verteilungspolitische Entscheidung sei mit dem Ziel, auf politisch-administrative Weise und durch massive Finanzzuteilung eine „Elite“ synthetisch zu konstruieren. Eine genaue Analyse der Finanzströme der EI spricht eher für die zweite Annahme. Die Grundfinanzierung der deutschen Hochschulen ist bekanntermaßen seit drei Jahrzehnten eingefroren. Erhebliche finanzielle Zuwächse konnten allerdings im Rahmen der sogenannten Drittmittelförderung erwirtschaftet werden. Das Gros davon konzentrierte sich allerdings auf 20 top-gerankte Universitäten und TUs. Diese 20er-Champions-League teilte wiederum 70 Prozent der im Rahmen der EI verteilten Gelder unter sich auf.

Daher ist es müßig, sich von den EI-Verfechtern eine „Leistungsdebatte“ aufnötigen zu lassen. Denn: Was sich mit Gewissheit sagen lässt, ist, dass die von der EI profitierenden Hochschulen vor dem Hintergrund eines strukturell unterfinanzierten Gesamtsystems die relativ reichsten Einrichtungen sind, d.h. über die relativ besten materiellen Leistungsbedingungen verfügen, sodass sich nach den Kriterien betriebswirtschaftlicher Zähl- und Messbarkeit auch eine Mehrleistung erwarten lässt; allerdings im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Das wiederum spricht für den außer-wissenschaftlichen politischen Dezisionismus der ganzen Inszenierung, dem die Annahme zugrunde liegt, man könne nur mit einer Handvoll Hochschulen im globalen akademischen Wettbewerb antreten.

Die Reichen werden reicher

Nun ist es allerdings keineswegs so, dass der restliche Hochschulbetrieb diesseits der Exzellenz im (finanziellen) Status quo verharrt. Verschiedene Zwischenauswertungen der EI haben harte Indizien zutage gefördert, dass die Exzellenzbereiche auch auf Lehrkapazität und weitere Ressourcen des Restbetriebes zugreifen oder dass Landesregierungen (Schleswig Holstein) die Bewerbungschancen einzelner Unis in der EI durch Zusatzfinanzen stärken, welche durch Schließung anderer Hochschuleinrichtungen erwirtschaftet werden. Die symbolische Aufwertung einer Elite wird folglich durch eine Verschlechterung von Studien- und wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen in der Breite des Hochschulsystems erkauft, dessen Leistungsfähigkeit dadurch – ungeachtet des die EI begleitenden Leistungsgetöses – geschwächt wird.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Gerda F. – 17.07.2011 - 00:20

    Sehr geehrter Herr Bultmann,
    Deutschland ist ein “kleines” Land und man kann von jedem Studenten erwarten, dass er auch andere Studien-Standorte in Betracht zieht. Gerade Elite-Unis (TU9) haben einen elitären Anspruch, was sie einzigartig in Deutschland machen und das Interesse der Personaler hervorruft. Daher ist nichts gegen diese Spitzenförderung einzuwenden. Wer es finaniell im Leben weit bringen möchte, muss ständig Opfer bringen. Der Ortswechsel zum Studium gehört auch dazu. Dass die Elite-Unis nur den “Reichen” vorbehalten sind, ist nicht korrekt. Gerade Karlsruhe und Aachen sind bekannt für ihre studentische Atmosphäre und die gemäßigten Preise. Daher können alle leistungsbereiten Personen profitieren.

  • Theeuropean-placeholder
    Andreas W – 22.07.2011 - 13:48

    Ein guter, fundierter und überaus notwendiger Artikel, der die fortschreitende Zerstörung des deutschen Hochschulsystems dokumentiert.

    Dass Elite per Proklamation unmöglich, und das angestrebte/erträumte Gleichziehen mit den akademisch Besten wie Harvard oder Oxbridge v.a. mit der jetzigen Finanzierung auch auf Jahrzehnte hinaus unmöglich ist (man möge sich dazu einmal das Budget einer Universität wie Harvard vergegenwärtigen und vergleichen), wird von Politikern wie Unterstützern der “Exzellenzinitiative” gerne verdrängt und Gegenteiliges suggeriert.

    Die Initiative produziert im Grunde vor allem Provinzexzellenz im geschützten Raum Deutschland und dies geschieht auf Kosten der praktisch zu “Restuniversitäten” degradierten Institute und und -Fachbereiche. Es handelt sich größtenteils schlicht um eine Mittelverschiebung, bzw. -Konzentration zugunsten ausgewählter Sparten. Das kann man gutheißen, oder auch nicht (ich bevorzuge Letzteres, weil mir in einem demokratischen Rechtsstaat wichtig ist, dass alle Fachbereiche und staatlichen Universitäten gleichermaßen gute Voraussetzungen für die Bildung bieten, zumal freie Plätze nicht unbeschränkt vorhanden sind, bereits aufgrund physischer Kapazitäten). Utilitaristisches, ökonomistisches Denken dürfte dabei auf jeden Fall eine große Rolle spielen und auch das ist ja seit geraumer Zeit populär.

    Leider fallen unbedarftere Gemüter dem scheinbaren Glanz und Gloria der Werbekampagne zum Opfer. Die Folgen werden nicht bedacht, und Schlagwörter ersetzen die Reflektion. (Dies kann man auch gut am ersten Kommentar erkennen: “leistungsbereit”, “Elite”, “Interesse der Personaler”, “einzigartig”, “elitärer Anspruch” – hier wird einzig aus Verwerter-, bzw. Konsumentenperspektive gedacht; die prozessinhärenten Verwerfungen der akademischen Landschaft hingegen nicht einmal ansatzweise gestreift).

    Ich wünsche mir noch deutlich mehr dieser Artikel, auch wenn die Hoffnung, dass dies für ein Umdenken in der Legislative sorgt, gering ist. Dass gezielt Ungleichheit konstruiert wird, hat ja seit längerer Zeit traurigerweise Hochkonjunktur und gerade Schavan hat sich hier bereits des Öfteren in traurigster Weise profiliert (man denke nur an ihren Vorstoß zur BaföG-Abschaffung zugunsten studentischer Verschuldung durch “Bildungskredite”).

    Die Exzellenzinitiative ist im Grunde eine Kannibalisierung der Universitäten – Mittelverschiebungen und einige wenige, symbolpolitische Boni ersetzen als Feigenblatt die seit Jahrzehnten essentielle Mittelaufstockung für den akademischen Bereich – auf dass die “Leuchttürme” so sehr blenden, dass die Not in der universitären Breite nicht mehr zu sehen ist.

    Dass ein nicht geringer Anteil der ausgebildeten Wissenschaftler anschließend, so überhaupt noch eine wissenschaftliche Karriere angestrebt wird, ins Ausland geht, weil sich das Unterfinanzierungs- und Planungselend im Mittelbau fortsetzt, wenn nicht gar potenziert (kurze bis kürzeste Kettenfristverträge, 6-Jahresfrist im HRG, Diskrepanz zw. bezahlten und tatsächlichen Arbeitsstunden, Lehrauftragsmissbrauch, etc.) komplettiert das Bild dann leider in negativer Hinsicht.
    Was nutzen wenige sogenannte Leuchttürme, wenn die Breite nur noch vor sich hin vegetiert?

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