Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden. Josef Ackermann

Auseinandergenommen

Whiskysaufend, Leidensmiene, grauer Fünftagebart: Der neue James Bond mutet seinen Fans einiges zu – denn er ist verletzlich und nur allzu menschlich. Doch Freunde der alten Gangart dürfen hoffen.

„Ist da überhaupt irgendetwas vom alten Bond übrig geblieben?“ Nach über der Hälfte des Films fragt schließlich auch der Schurke Silva (als Mischung von Hannibal Lecter und Western-Mörder Chigurh einfach großartig: Javier Bardem), was wohl fast alle Kinozuschauer seit dem Start des 23. Agentenabenteuers wissen wollen: Wer ist dieser gequälte, schwächliche Kerl, der doch früher so verlässlich für Unfehlbarkeit stand?

Im 50. Jahr der Reihe sieht man Daniel Craig mit ständig blutunterlaufenen Augen, pillenschluckend, whiskysaufend, Leidensmiene, grauer Fünftagebart, Schmerzen, selbst ein paar Klimmzüge schafft er nicht mehr, mit der Walther PPK verfehlt er das Ziel. Die Auszeit, die er sich sonst erst nach getaner Arbeit, also geretteter Welt gegönnt hat, nimmt sich dieser James Bond gleich zu Beginn. Er habe den Tod genossen, sagt er, als er zum Einsatz auftaucht.

Craig: Der Mann für die Zeit nach 9/11

Für viele Fans, darunter vor allem die älteren, ist dieser neue Bond nur schwer zu ertragen. In einem Interview mit der „Zeit“ hat Produzentin Barbara Broccoli die neue Verletzlichkeit und den Wandel des Rollenbildes mit dem Zeitgeist erklärt. Sean Connery – für viele noch immer die Idealbesetzung – sei der „Ur-Bond“ gewesen, „roh, sexy, raubtierhaft, aber auch sophisticated und elegant“. Töten, Champagner trinken und heiße Mädchen ins Bett kriegen, das habe der einfach zu verbinden gewusst. Das One-Hit-Wonder George Lazenby (Hit?) sei eine Übergangsfigur gewesen, vom Kalten Krieg zu den Seventies. Der ironische Hedonist Roger Moore habe so richtig Party gemacht, Timothy Dalton es im Zeitalter von Aids schwer gehabt, deswegen sei er „härterer, physischerer, kälterer“ (sic!) geworden. Pierce Brosnan, sagt sie, habe der Figur nach dem Fall der Mauer eine neue Balance gegeben, und sei dann an der Effektverliebtheit und Fantasterei der Produktionen gescheitert. Tatsächlich erinnern sich viele, wenn überhaupt, nur mit Graus an einen von einem Riesenlaser abgeschmolzenen Gletscher oder Identitätswechsel durch Gentransplantation in den späteren Brosnan-Filmen. Das war Science-Fiction-Mumpitz.

Dann also Daniel Craig, der anfangs stark angefeindete blonde Bond, der Mann für die Zeit nach 9/11. Ernster und kühler, vor allem: ein Mensch sollte er sein, die Drehbücher und die Figur wieder glaubwürdiger werden.

In Sam Mendes haben die Produzenten den richtigen Regisseur gefunden, um dieses Prinzip des Gebrochenen auf die Spitze zu treiben. Schließlich hatte der Brite für „American Beauty“ den Oscar gewonnen, einen Film über einen amerikanischen Familienvater, der die Liebe zum Kiffen und zu der besten Freundin seiner Tochter entdeckt und schließlich von seinem schwulen Nachbarn erschossen wird. Das klingt so gar nicht nach Bond. Und im düsteren Gangster-Film „Road to Perdition“ hatte er Daniel Craig schon einmal als instabilen, verletzten Charakter gezeigt. Er wusste, wie man ihn schlecht aussehen lässt.

Den Fans wird einiges zugemutet

Sicher, ein paar Mal schießt Mendes über das Ziel hinaus: James Bond, der sich Rambo-mäßig selbst operiert. M, die ein Gedicht von Lord Alfred Tennyson rezitiert, während Silva und seine Gang sich durch Londons Regierungsviertel schießen. Das Endszenario auf dem schottischen Bond-Gut (die Geister der Vergangenheit!), eine Schlacht als Mix aus „Jason Bourne“ und „Kevin allein zu Haus“. Mit so viel Düster-, Menschlich- und Verletzlichkeit mutet Sam Mendes den Fans einiges zu.

Aber „Skyfall“ ist eben auch das Jubiläum, 50 Jahre, etwas Besonderes, Grund genug, den Super-Agenten einmal kräftig auseinanderzunehmen. Der Schlusssatz verrät, dass in der nächsten Folge wohl wieder mit mehr Altem zu rechnen ist. Bei seinem neuen Vorgesetzten meldet sich James Bond lächelnd, glatt rasiert und gestriegelt zum Dienst: „Mit Vergnügen.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Julia Korbik, Sebastian Handke, Birgit Kelle.

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