Es gab und gibt nur die Musik. Die Idee des Scheiterns kam mir nie. St. Vincent

Kreuzberg soll hässlich bleiben

Linke Proteste gegen Projekte wie das BMW Guggenheim Lab wollen Mieterhöhungen verhindern – letztlich erreichen sie das Gegenteil.

„Urbaner Think Tank, Gemeindezentrum und öffentlicher Versammlungsort“ – das alles will das BMW Guggenheim Laboratory sei. Ein temporäres Labor für Stadtentwicklungsdiskussion also, das nach seinem Start in New York im Mai nun in Berlin Halt machen soll, bevor es in weiteren sieben Weltstädten Station macht.

Dass Berlin noch immer fremdelt mit dem Status als globale Metropole, beweist die Diskussion, die sich in der vergangenen Woche eben an dem Labor und seinem Standort entzündet hat.

Kapitulation vor Kreuzberg

Die Stiftung musste nämlich bekannt geben, dass die halb offene Metallkonstruktion, unter der ein paar Bürger, Wissenschaftler, Aktivisten über unsere urbane Zukunft beratschlagen sollen, nicht am ausgesuchten Standort auf einer Brache am Spreeufer an der Kreuzberger Cuvrystraße aufgebaut werden kann. Aus Sicherheitsgründen. Bei einer Vorstellungsrunde hatte es pöbelnden Protest („Verarsche!“) gegeben, und im Internet wurde unter dem typisch links-imperativen Schlachtruf „BMW Lab verhindern“ mit Sachbeschädigungen gedroht. Das Landeskriminalamt empfahl einen Wachschutz für den offenen Container. Die Guggenheim-Stiftung fahndet nun also nach Alternativen, etwa in Prenzlauer Berg und Lichtenberg. Vor Kreuzberg hat man kapituliert.

Die Diskussion fügt sich ein in den Ärger um die Bebauung der Spreeuferbrachen zwischen Jannowitzbrücke und Elsenstraße. Auch hier poltern Autonome und sogenannte Gentrifizierungsgegner seit Jahren imperativ: „Mediaspree versenken“. Statt einzelner Großbauten und einem langen, frei zugänglichen Uferweg wollen sie Brache und Techno-Clubs, die freilich nur einigen wenigen offenstehen.

Der Feind, gegen den man die Reihen schließen kann, ist dabei stets die Industrie, es sind die großen Marken, Coca-Cola, O2 oder Mercedes. Wie praktisch also, dass die Guggenheim-Veranstaltung von BMW gesponsert wird.

Doch von der Panikmache gegen das Kulturevent des Autokonzerns und einer internationalen (jüdischen) Stiftung ist es nicht mehr weit zu weiteren Aktionen gegen andere ausländische Störer. Dass in Kreuzberg die Ressentiments gegen Touristen und Expats blühen, zeigten schon die Bezirksgrünen, die bei einer Veranstaltung unter dem Motto „Hilfe, die Touristen kommen“ im Vorwahlkampf viel Jubel ernteten. Ins Bild passen auch die Schilder an manchen Nord-Neuköllner Kneipen, die vor einer „Überdosis“ bestimmter Volksgruppen warnen.

Die Beispiele häufen sich und werfen immer deutlicher die Frage auf, ob einzelne über das Aussehen und das Kulturprogramm in einem Stadtteil bestimmen dürfen. Der für seine strammen Anti-Gentrifizierungsargumente bekannte Stadtsoziologe Andrej Holm von der Humboldt-Universität erklärt im Interview mit der „Berliner Zeitung“ sympathisierend: „Worauf die Kritiker des Labs hingewiesen haben, ist, dass das Kulturereignis, das Spektakel, natürlich zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und zu einem positiven Image des Kreuzberger Stadtteils beigetragen hätte. Solche Prozesse haben in den vergangenen Jahren auch zu einer immobilienwirtschaftlichen Attraktivitätssteigerung beigetragen. Ich habe die Initiativen gegen das Lab so interpretiert, dass sie diesen Mechanismus durchbrechen wollten.“

Wachschutz für Kreuzberg

Immobilienwirtschaftliche Attraktivitätssteigerung durch positives Image also, das bedeutet übersetzt: Mietensteigerungen und auch Verdrängung. Doch dieses Problem wird nicht durch Angriffe auf Kulturprojekte gelöst oder gemindert, sondern durch eine vorausschauende Mietenpolitik, die der rot-rote Senat in den vergangenen Jahren vollkommen vergessen hat.

Heute das Guggenheim-Lab, morgen der Karneval der Kulturen? Auch die Kneipen in der Oranienstraße, die Clubs am Schlesischen Tor oder der Wochenmarkt am Maybachufer ziehen Touristen an – und sorgen also für ein positives Image und eine immobilienwirtschaftliche Attraktivitätssteigerung. Hoffentlich brauchen sie nicht auch bald einen Wachschutz.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thore Schröder: Die gute Integrations-Stube

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