Begehren soll sich durch Konsum ausdrücken. Susie Orbach

Ich, Wahrheit sprechender Lügenjournalist

Nun wurde „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres gewählt. Ist damit wieder sicher, dass der Journalismus die Wahrheit spricht? Ja und nein. Glauben Sie mir.

Ich als Journalist behaupte: „Alle Journalisten sagen die Wahrheit.“ Da ich aber – wie alle anderen „Systemjournalisten“ – zur „Lügenpresse“ gehöre, ist das gelogen. Nun, da ich als Lügner überführt bin, muss aber auch das eine Lüge sein. Und dann habe ich am Anfang doch wieder die Wahrheit gesagt.

Dieses schon seit der Antike bekannte Lügner-Paradoxon fand durch den Philosophen Bertrand Russell Anfang des 20. Jahrhundert neue Aufmerksamkeit. Russells Lösung war – stark verkürzt – wie folgt: Er verbot auf sich selbst bezogene Aussagen, sodass es nicht mehr möglich war, über eine Gruppe – von der man selbst Teil ist – eine gelogene/wahre Aussage zu treffen.

Ich widersetze mich Russells Ansatz und werde trotzdem über den Begriff der „Lügenpresse“ schreiben, obwohl ich als Journalist dadurch natürlich Gefahr laufe, als lügender Wahrheitsjournalist oder Wahrheit sprechender Lügenjournalist ein Paradoxon zu erzeugen.

Was ist Wahrheit?

Die sprachlichen Spielereien in den ersten Absätzen haben durchaus einen Zweck. Denn im Lügenparadoxon versteckt sich eine Erkenntnis, die in der bisherigen Debatte um die „Lügenpresse“ zu kurz gekommen ist: Es zeigt auf, wie absolut unsere Sprache sein kann und wie wenig sinnvoll das ist. Denn das Problem von Wörtern wie „alle“, „Wahrheit“ oder eben „Lügenpresse“ ist, dass sie keine Ausnahmen zulassen.

Dass ist auch der Grund, warum die Reaktionen auf „Lügenpresse“ so hart und emotional sind. Das Wort insinuiert, dass die Presse lügt. Jeder Mainstream-Journalist in Deutschland kann sich davon angesprochen und angegriffen fühlen. Und da die meisten Journalisten – mich eingeschlossen – sehr von ihrer Arbeit überzeugt sind, greift sie diese pauschale Unterstellung an ihrem Ego und ihrer Ehre. Und es ist für jeden Einzelnen so leicht zu widerlegen: Wenn man nur einen Journalisten kennt, der nicht lügt, ist das Wort schon als Kampfbegriff verbrannt.

Aber da hören die Probleme noch längst nicht auf: Spätestens durch die Erkenntnisse des Konstruktivismus sollten wir alle wissen, dass der Begriff der Wahrheit ein ziemlich problematischer ist. Und wenn nicht klar ist, was wahr ist, wird es auch schwer, eine Lüge als eine solche zu identifizieren. Nun hat sich die Wissenschaft auf den Begriff der Intersubjektiven Objektivität verständigt, um sich auf das zu einigen, was man im Journalismus wohl am ehesten als Fakten bezeichnen würde. Also zum Beispiel der Fakt, dass das Wort „Lügenpresse“ im Nationalsozialismus genutzt wurde, um Gegner der Nazis zu diffamieren.

Ich denke, dass man sich der Problematik „Lügenpresse“ am besten über den Aspekt der Intersubjektivität nähern kann. So gibt es komplett widersprüchliche intersubjektive Übereinkünfte auf beiden Seiten: Wenn die einen alle Anhänger einer Bewegung als Nazis abstempeln und die anderen jede Aussage der Medien als Lüge schelten, kann es gar nicht zu einem Austausch kommen. Die jeweilige „Faktenlage“ ist einfach eine komplett andere.

Als Journalist bin ich natürlich der Überzeugung, dass ein großer Teil der Kritik an denen, die uns als Lügner bezeichnen, gerechtfertigt ist. Aber ganz so einfach, wie viele es sich machen, ist es eben auch nicht. Dazu reicht es schon, sich ein bisschen intensiver mit Pegida auseinanderzusetzen.

Viele Journalisten sind empfindlich geworden

Das aus meiner Sicht entscheidende Problem ist, wie Journalisten mit Kritik umgehen. Ich beobachte seit Längerem schon, dass viele Kollegen empfindlich geworden sind. Statt sich aber selbst zu hinterfragen und gegebenenfalls auch Selbstkritik zu üben, reagieren sie beleidigt oder arrogant auf Kritik an ihrer Arbeit – auch ich bin nicht frei von solchen Problemen.

Aktuellstes Beispiel ist der Umgang von „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke im hauseigenen Blog mit der Kritik von „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl. Diese hatte berechtigterweise kritisiert, wie die „Tagesschau“ über den Trauermarsch von Paris berichtet hat: „Leider belegt der Umgang mit den Bildern des Pariser Marsches der Mächtigen, dass das Wort ‚Lügenpresse‘ nicht nur ein Hirngespinst ist.“ Statt Einsicht zu zeigen, gab es von Gniffke eine kleinkarierte und beleidigte Reaktion sowie ein paar halbseidene Ausreden.

Nun muss man zur Verteidigung von Gniffke sagen, dass er sich regelmäßig mit Kritik auseinandersetzt und das normalerweise auch deutlich sachlicher macht (zuletzt zum Beispiel bei der Aufregung um Katja Sudings Beine).

Wir machen es uns zu einfach

Der Medienblogger Stefan Niggemeier beschrieb in einem Blog-Beitrag im November die Haltung der Medien treffend:

„Nicht beirren lassen, das ist eine Reaktion auf den spürbaren Gegenwind, den die Mainstream-Medien derzeit erfahren. Was mich, je nach persönlicher Stimmung, wütend macht oder besorgt, ist diese Selbstgewissheit, die aus manchen Reaktionen etablierter Medien auf die Kritik spricht (und natürlich vor allem auch den Nicht-Reaktionen); die Überzeugung, dass man sich nichts oder jedenfalls nichts Gravierendes vorzuwerfen hat; die Diffamierung der Kritik als von Russland gesteuert.“

Und hier liegt mein Problem mit dem Wort „Lügenpresse“ als Unwort des Jahres: Es ist eine wunderbare Ausrede, um es sich auch weiterhin leicht zu machen. So schlimm das Wort auch sein mag: Nicht jeder, der „Lügenpresse“ ruft, muss mit all seiner Kritik danebenliegen. Durch das Internet sind die Medien fehleranfälliger geworden, können aber auch nachträglich Fehler ausbessern. Noch immer aber sträuben sich viele dagegen, das transparent und nachvollziehbar zu tun und in den Dialog mit den Lesern zu treten.

Ob das Internet unsere Situation besser oder schlechter macht? Ich weiß es nicht, aber was der Umgang mit den neuen Medien anbelangt, bin ich ganz bei meinem Kolumnisten-Kollegen Gunnar Sohn, der gestern bei uns schrieb:

„Wir sollten uns an den neuen Zustand einer unsicheren Unwirklichkeit gewöhnen und offen sein für einen neuen Journalismus, der nie vollständig abgeschlossen sein wird und stärker denn je auf die Wirkmächtigkeit der Korrektur setzen muss.“

Nur ein Problem werden wir so auch nicht lösen können: Wenn diejenigen, die „Lügenpresse“ rufen, selbst Lügner sind … Ach, lassen wir das.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thore Barfuss: Ick bin kein Berliner

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