Generalisierungen sind weder hilfreich, noch angebracht. Ali Kizilkaya

Neologismen, die die Welt nicht braucht

Mein Unwort des Jahres: Unwort! Denn Unwörter sind entweder fürchterlich banal und kurzlebig oder, noch schlimmer, etablieren ein diskriminierendes Wort in der Sprache. Sie machen aus Modeerscheinungen Begriffe, die in den kollektiven Sprachgebrauch übergehen und damit zur dauerhaften Diskriminierung beitragen.

Sollten Sie noch einen besitzen, dann schauen Sie doch mal eben schnell im „Duden“ unter dem Buchstaben „H“ nach. H wie Herdprämie. Oder H wie Humankapital. Dort zeigt sich ziemlich schnell, dass die Vorgaben der Gesellschaft der deutschen Sprache für die Unwortwahl nicht funktionieren: Das „Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung“ solle durch das Unwort geschärft, der Blick auf „sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen“ gelenkt und zur „sprachkritischen Reflexion“ aufgefordert werden.

Sprache kann Veränderungen anstoßen

Was auf den ersten Blick wie ein ehernes Anliegen klingt, bewirkt in Wirklichkeit genau das Gegenteil: Begriffe wie „Rentnerschwemme“ oder „Herdprämie“ wurden erst durch ihre Wahl zum Unwort zu Neologismen, sprich neuen Wörtern, die irgendwann gänzlich in den Sprachgebrauch übergehen.

Sprache ist ein mächtiges Instrument, schon Friedrich Hölderlin schrieb: „Und darum ist […] der Güter Gefährlichstes, die Sprache, dem Menschen gegeben, damit er schaffend, zerstörend, und untergehend […]“. Mit Sprache können strukturelle Formen der Unterdrückung und Diskriminierung, ja letztlich der Gewalt geschaffen werden.

Nicht ohne Grund gibt es in Deutschland so viele Wörter, die in fast schon grotesker Art und Weise politisch unkorrekt gebrandmarkt sind. Und nicht ohne Grund bedienen sich soziale Bewegungen wie der Feminismus der Sprache, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Auch wenn viele sich an der Ungelenkigkeit und Hässlichkeit von den „Bürgerinnen und Bürgern“ oder inzwischen „Bürger_Innen“ stören, so haben diese sprachlichen Veränderungen doch ihren Teil zur zunehmenden Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau beigetragen.

Und genauso bewirken Unwörter das Gegenteil von dem, was sie eigentlich sollten: Sie etablieren die Ungleichheit mittels der Sprache. Man kann ja fast schon von Glück sprechen, dass es in den vergangenen Jahren mit „alternativlos“ oder „notleidenden Banken“ nur für banale und langweilige Kapitalismuskritik gereicht hat, die zudem bald vergessen ist. Aber gerade zum Beispiel der letztjährige Kandidat, „Integrationsverweigerer“ (wohl etwas zu ungelenk, um wirklich gewählt zu werden), oder einer der diesjährigen Favoriten, „Döner-Morde“, zeigen doch, wie gefährlich solche Wahlen sein können.

Unworte sind ein roter Teppich

Durch mediale Verbreitung der Unworte (und Unwortkandidaten) werden Kampfbegriffe und Schimpfwörter geschaffen, die dazu beitragen, Ungleichheit sprachlich zu etablieren und zu vergrößern. Kein vernunftbegabter Mensch glaubt daran, dass Begriffe wie „Bombenholocaust“, „Langlebigkeitsrisiko“ oder „Menschenmaterial“ einen sinnvollen Beitrag zur deutschen Sprache geleistet haben. Und doch kennt sie heute fast jeder.

Unwort-Wahlen rollen Begriffen wie diesen einen roten Teppich aus und bieten ihnen ein Podium, das sie bestenfalls in den Olymp der deutschen Sprache, den „Duden“, hebt. Wahlen zu Unwörtern sind längst zum Selbstzweck verkommen und nur noch da, um den medialen Reflex zu bedienen. Schade, dass auch wir diesem folgen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sören Musyal, Alexandra Schade, Florian Guckelsberger.

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