Das Christentum kann nicht mit erhobenem Zeigefinger von oben herabschauen. Margot Käßmann

Immer für eine Überraschung gut

Viel zu selten schreiben Journalisten nette Sachen. Eine ganz persönliche Meinung zum Rauswurf von „Stern“-Chefredakteur Dominik Wichmann.

Was für eine Überraschung. Und zwar in jeglicher Hinsicht. Gruner und Jahr setzt Dominik Wichmann vor die Tür und macht dabei alles falsch, was man so falsch machen kann. Wichmann kriegt die Info von außen, nicht vom Arbeitgeber, erst wird dementiert, dann plötzlich doch bestätigt. Also alles der beste Stoff für eine klassische Mediengeschichte.

Einfach mal aufschreiben, wie doof, dreist und defätistisch sich die Verlagsnasen mal wieder angestellt haben. Das geht schnell, ist unterhaltsam und in diesem Fall auch mehr als gerechtfertigt. Wie in den allermeisten Fällen ist es aber auch Gratismut. Hinzu kommt: Das haben die Kollegen von meedia in fast jeder erdenklichen Art und Weise schon gemacht.

Deswegen wende mich heute einer äußerst seltenen Medien-Gattung zu, man könnte fast schon vom Dodo des Journalismus sprechen: dem Lob. Es kommt im Medien-Journalismus nur äußerst selten vor, noch seltener ist nur das Lob unter Kollegen. Journalisten heben ihresgleichen erst dann in den Himmel, wenn sie schon auf den Weg dorthin sind. Nun ist Dominik Wichmann Gott sei Dank nicht gestorben. Und dennoch möchte ich meine persönliche Verbindung zu einer Person aufzeigen, der ich in meinem Leben noch nie begegnet bin. Mit der ich nicht im beruflichen Austausch stand oder stehe. Die meine journalistische Laufbahn trotzdem geprägt hat.

Eine ganz spezielle Aura

Ich erinnere mich noch genau, wann Dominik Wichmann auf meinem Radar auftauchte. 2007, im ersten Semester meines Studiums, abonnierte ich die „Süddeutsche Zeitung“ und war schon nach wenigen Wochen vollkommen fasziniert. Weniger von der Zeitung (trotz des genialen Sportteils) als von dem freitags beiliegenden Magazin. Obwohl ich damals noch keinen ernsthaften Gedanken auf eine journalistische Karriere verschwendete, warf ich recht bald einen Blick ins Impressum und prägte mir den Namen des Chefredakteurs ein.

Als ich dann in meiner Zeit beim „Cicero“ ab 2008 zunächst feststellen musste, dass Wichmann nicht so viel älter ist als ich (also im Vergleich zu sonstigen Chefredakteuren) und dann auch noch sympathische Geschichten von älteren „Cicero“-Kollegen hörte, die ihn als Jungjournalisten erlebt hatten, war er vollends in meinem journalistischen Kosmos angekommen. Für lange Zeit sollte das „SZ-Magazin“ der Grund bleiben, der mich davon abhielt, mein Abo zu kündigen, wenn ich mich mal wieder über die erschreckend einseitige Berichterstattung der „SZ“ ärgerte.

Ich kann mich an keinen einzigen Text erinnern, den Wichmann verfasst hat, kein Interview, das er geführt hat. Wenn ich an die damalige, wöchentliche Lektüre des „SZ-Magazins“ zurückdenke, ist es viel mehr die Aura, die das Magazin für mich anziehend machte. Hätte ich das am Anfang meiner Leserschaft beschreiben müssen, ich hätte es wohl nicht in Worte fassen können. Denn gute Geschichten, schöne Bilder und nette Kategorien (Wie: „Sagen Sie jetzt nichts“, „Gemischtes Doppel“ oder „die Gewissensfrage“) haben und hatten auch andere Magazine.

Erst heute weiß ich, was Wichmanns größte Stärke als Blattmacher ist: Es ist die Fähigkeit zu überraschen. Diese kurzen Glücksmomente, die jeder Leser liebt, in denen man aus seiner Leselethargie herausgerissen wird – dieser schreckliche Lesemodus, bei dem man den Texten nur 75 Prozent seiner Aufmerksamkeit schenkt. Ob das die geniale Titelgeschichte, eine witzige Heftidee, die gelunge Provokation oder ein Doppelinterview mit zwei ganz unterschiedlichen deutschen Juden war: Alle Geschichten, die mir in Erinnerung geblieben sind, haben etwas gemeinsam. Sie wirken so naheliegend und doch hat sie keiner gemacht. Man könnte jetzt eine witzige Analogie zwischen dem Ei des Kolumbus und Wichmanns … – aber das sollte ja einer netter Text sein, pardon.

Selbst viele der zunächst mal naheliegend und einfallslos wirkenden Geschichten waren großartig. Wie bitte kann es ernsthaft gut gehen, die halbe Kölner Stadtprominenz in ein Brauhaus zum Gespräch einzuladen und am Ende auch noch ein sehr vergnügliches Ergebnis zu erzielen? Mir ist erst vor Kurzem aufgefallen, dass es das ist, was ich am neuen „SZ-Magazin“ vermisse. Es ist immer noch unterhaltsam und intelligent gemacht, aber es überrascht nicht mehr so oft.

Beim Wechsel zum „Stern“ war ich skeptisch

Als ich 2011 in meiner medienabstinenten Zeit mitbekam, dass Wichmann zum „Stern“ wechseln würde, war ich skeptisch. Am Beispiel meines ehemaligen „Cicero“-Chefredakteurs Wolfram Weimer hatte ich gesehen, wie schwer es kreative Köpfe in großen, festgefahrenen, satten Redaktionen haben können (im selben Monat, in dem Wichmann begann, musste Weimer beim „Focus“ gehen). Und dennoch spürte ich so etwas wie Entdeckerstolz: „Den Wichmann, den hast du ja schon lange auf dem Radar, klar, dass der zu Höherem berufen ist.“

Seit jeher war meine Einstellung zum „Stern“ auch längst nicht so negativ wie die vieler Kollegen und Bekannter. Zum einen, weil der „Stern“ bei uns immer im Urlaub gelesen wurde, zum anderen, weil ich mich schon recht früh für die großartigen Fotografien begeistern konnte, die ihn lange Zeit ausmachten. Mit Freude denke ich immer wieder an das Gespräch mit „Stern“-Fotoreporter Harald Schmitt über dessen Arbeit in der DDR („Honecker war ein Poser“) zurück, das ich 2009 geführt habe.

In der Zeit, als Wichmann stellvertretender Chef (Juli 2011 bis Dezember 2012) des Blattes war, schenkte ich dem „Stern“ wenig Beachtung. Als ich im Februar 2013 dann im Zuge der Brüderle-Debatte eine „Stern“-Ausgabe rezensierte, fiel mein Urteil absolut gnadenlos aus. Schon damals aber schrieb ich zum Abschluss meines Verrisses (Gratismut s.o.):

Ein Hoffnungsschimmer bleibt: Für den baldigen Chefredakteur Dominik Wichmann habe ich größten Respekt. Das „SZ-Magazin“ war unter ihm stets eine große Lesefreude. Beim „Stern“ konnte er als stellv. bzw. Co-Chefredakteur noch keine Duftmarken setzen, die bis zu mir vorgedrungen sind. Vielleicht schafft er es ja, den „Stern“ aus der Bedeutungslosigkeit zu holen.

Der „Stern“ wurde tatsächlich besser

Und was soll ich sagen: In den eineinhalb Jahren darauf habe ich mir sicherlich zehn Mal den „Stern“ gekauft, und noch mal so oft irgendwo zu lesen bekommen. Mit jedem Mal wich die Skepsis ein bisschen mehr. Gut, die Titelbilder waren bis zuletzt nichtssagend und verkaufsoptimiert, aber im Heftinneren fand ich immer öfter gute, und vor allem überraschende Geschichten. Eine Ausgabe – das muss so vor drei Monaten gewesen sein – fand ich sogar so gut, dass ich mich traute, sie mit in die Redaktion zu bringen, wo sonst nur Titel von der Flughöhe „Economist“ oder „Wired“ zirkulieren.

Mehrfach dachte ich ernsthaft darüber nach, ein Abo abzuschließen, konnte mich aber noch nicht durchringen. Diese Entscheidung wurde mir jetzt abgenommen. Mit dem Chefredakteur in spe (der von der Klatschzeitung „Gala“ kommt) wird die neue Blattausrichtung angedroht. Schade, fast hätte es geklappt mit mir und dem „Stern“.

Natürlich muss ich noch schreiben, dass ich nicht weiß, ob Wichmann ein guter Chef war, ein guter Manager oder guter Verwalter des schleichenden Auflagenrückgangs – oder was Chefredakteure heute alles noch so machen müssen. Ich weiß nur das, was die IVW-Zahlen (Auflage rückläufig) verraten und die Mediendienste schreiben (wie immer miesepetrig). Aber: Aus der Außenperspektive ist der Rauswurf ein krasser Fehler und der Umgang mehr als unwürdig.

Was Letzteres anbelangt, kann ich Wichmann, der, so weit es Wikipedia verrät, einen äußerst makellosen Lebenslauf vorzuweisen hat, tatsächlich einen Rat geben. Als meine Zeit als „Cicero“-Online-Chef (Juni 2009 bis September 2010) ein abruptes und unwürdiges Ende nahm, verkroch ich mich erst mal und kehrte der Medienszene für eineinhalb Jahre den Rücken. Aus heutiger Sicht waren das eineinhalb Jahre zu viel. Ich hätte auf die Kollegen hören sollen, die mir gut zugesprochen haben, und nicht auf die Selbstzweifel.

Deswegen kann ich nur sagen: Lieber Herr Wichmann, ich warte schon dringend auf die nächste Überraschung.

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