Wenn Staaten vor großen Schwierigkeiten stehen, liegt es meistens an einem Versagen der Eliten. Wolfgang Schäuble

Die Bild der Springerhasser

Zehn Jahre nach Gründung ist der BILDblog zu dem geworden, was er selbst am meisten hasst: Boulevard für Medienkritische.

Niemand hat die Grenze zwischen Besserwissen und besser wissen häufiger übertreten als der BILDblog. Doch so unangenehm die besserwisserische Art von Stefan Niggemeier auch sein mag, unter seiner Ägide (2004-2010) hatte der BILDblog seine beste Zeit. Immer wieder wurde auf haarsträubende Verfehlungen, zunächst bei der „Bild-Zeitung“, dann „für alle“ hingewiesen. Unter den beiden Niggemeier-Nachfolgern (er ist immer noch als unregelmäßiger Autor dabei) Lukas Heinser (2010-2014) und Mats Schönauer (seit 2014) hat der Blog aber eine Entwicklung genommen, bei der die Besserwisserei nur noch Mittel ist – und der Zweck entfallen.

Die Anzahl der relevanten Geschichten beschränkt sich auf eine Handvoll pro Monat, meistens wird nur noch die hyperkritische Leserschaft bedient. Da werden dann Artikel über Zahlendreher oder sonstige Petitessen gebracht, nur um die alten Vorurteile zu bestätigen: Journalisten sind doof und die „Bild“ am dööfsten. Beim oberflächlichen Blick auf den BILDblog kann man zu dem Urteil kommen, dass er einfach nicht mehr so viel zu erzählen hat. Denn wie ideenlos sie dort inzwischen geworden sind, zeigt das Video, das anlässlich des zehnjährigen Jubiläums veröffentlicht wurde: spannend wie Toastbrot.

Beim genaueren Hinblicken stellt man aber fest, dass Ideenlosigkeit nicht das größte Problem des Blogs ist. Vielmehr ist aus Veröffentlichungsdruck gemischt mit Gesinnungsjournalismus eine Mischung entstanden, die zu einer echten Blase geführt hat: Der typische BILDblog-Leser fühlt sich in seinem Weltbild bestätigt, diejenigen, die die Kritik erreichen soll, lesen schon lange nicht mehr mit, weil so viel Blödsinn auf dem Blog geschrieben wird. Die Macher selbst sind natürlich nach wie vor vom Produkt überzeugt, der aktuelle Chef Mats Schönauer schreibt im Artikel zu 10 Jahren BILDblog:

Und keine Sorge: Innerlich bleiben wir ganz die alten. Das „für alle“ ist zwar wieder aus dem Namen verschwunden, aber wir kümmern uns natürlich auch weiterhin „um alle“. Wir können ja nicht tatenlos zusehen, bei so vielen merkwürdigen und schlimmen Dingen, die täglich im deutschen Journalismus passieren, und zwar überall, nicht nur bei „Bild“.

Schauen wir doch mal auf diese „schlimmen Dinge“, die da täglich in den Medien passieren sollen und über die der BILDblog berichtet.

Albernes

Das fängt ganz harmlos mit Albernem an: Die erste Kategorie sind jene Artikel, die so albern sind, dass schon über sie zu schreiben albern ist. Sie sind auch einer der Gründe, warum ich den BILDblog nicht mehr ernst nehmen kann. Wenn man zum dritten Mal eine Meldung liest, dass der „Böblinger Bote“ beim Heimspiel der C-Jugend ein falsches Halbzeitergebnis angegeben hat, überlegt man sich, wofür man seine Lesezeit verwenden möchte.

Im vergangenen Monat gab es von dieser Kategorie einige Artikel. In „Verfluchter dentaler Frikativ!“ wird aufgedeckt, dass bild.de – und jetzt kommt es wirklich hart – einen falschen Songtitel zitiert hat: „Hook in mouse“ statt „Hook in mouth“. Haha, die können ja nicht mal Englisch bei Springer. In „Charlize von Monaco“ wird darauf hingewiesen, dass die weltberühmte „Eßlinger Zeitung“ in einer kleinen Panorama-Meldung Charlene von Monaco und Charlize Theron durcheinandergebracht hat. Sapperlot! Weitere Skandale sind, dass der „Berliner Kurier“ Wikipedia und den Google Knowlegde Graph nicht auseinanderhalten kann oder, dass das neue Flugzeug von Kim Jong Un gar nicht so aussieht wie die Air Force One: „Bild.de hat einen Super-Vogel“!

Füllwerk

Die zweite Kategorie ist das Füllwerk. Zu erwartbar, zu langweilig, zu irrelevant. Das gilt im letzten Monat für die „Ablehnung der Gratis-Bild“, genau wie für die Wiedergabe von Pressemeldungen des Deutschen Presserats (Artikel vs. Pressemeldung). Wenn Stefan Niggemeier auf die Presskonferenz zum Wulff-Buch geht und der Artikel fast nur aus PK- und Buch-Zitaten besteht, ist das ebenso uninteressant wie der Artikel zu einem misslungenen Info-Kasten in der „Bild“.

Und noch immer gibt es die Artikel, die nach dem folgenden Schema ablaufen: Irgendwo auf der Welt wird eine Ente produziert und die deutschen Medien übernehmen die Geschichte ungeprüft. Von diesen Geschichten war der BILDblog schon immer besessen. Aber das wissen sie dort auch selbst:

Es ist die goldene Regel des Onlinejournalismus: Wenn die Konkurrenz über irgendwas Spektakuläres berichtet — erst mal abschreiben. Überprüfen kann man das ja später noch. Irgendwann. Vielleicht. Hauptsache, man hat die Geschichte auch.

Was der BILDblog nicht schreibt, ist, dass es auch die goldene Regel gibt, dass garantiert irgendeiner seiner Leser einen Hinweis gibt, z.B. dass der spanische Super-Fan Manuel Cáceres kein Koks in seiner Trommel geschmuggelt hat. So ärgerlich dieser „Journalismus“ auch sein mag, mehr als ein Fleißsternchen gibt es dafür nicht: Wer so was gerne liest, sammelt auch Briefmarkenkataloge.

Gute Geschichten sind selten geworden

Viel zu selten macht der BILDblog noch das, was man von ihm erwarten würde: Skandale aufdecken oder zumindest zur Debatte um die Rolle der Medien beitragen. Innerhalb des letzten Monats fallen in diese Kategorie gerade mal zwei Artikel: In „Rechtes für die Frau“ wird aufgedeckt, wie eine nationalkonservative Anzeige in der „aktuell für die Frau“ landen konnte. Und dann noch das erst vor ein paar Tagen erschienene Gespräch mit einem Fotografen, der die blutige Messerattacke auf einen Mann in Hamburg dokumentierte und die Fotos dann an die „Bild“-Zeitung verkaufte. Hier wird die richtige Frage gestellt: Welche Verantwortung trägt eigentlich der Fotograf?

Wenn man jetzt einen Strich drunter machen würde, wäre die aktuelle Verfasstheit des Blogs noch kein riesiges Problem, gerade, wenn man an das nach wie vor großartige 6 vor 9 denkt, das immer wieder schöne Geschichten (Disclaimer: auch von mir und meinen Kollegen) empfiehlt. Aber leider gibt es noch eine vierte Kategorie an Texten und die hat es in sich: Gesinnungsartikel.

Der Springer-Verlag: Die Pleitegriechen des BILDblogs

Der BILDblog hatte schon immer eine (medien)politische Agenda. Hinter den Gesinnungsartikeln standen früher jedoch meist Fakten, heute reicht ein x-beliebiger Anlass, um Springer eins mitzugeben. Die „Welt-Kompakt“ hat ein Eis auf ihrer Titel-Seite? „Die sind doch von Langnese gekauft!“ Beweise für diesen Vorwurf? Kein einziger. „Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters schrieb bei Facebook vollkommen zu Recht: „Bildblog würde ich mit einem Cornetto bebildern – die haben was an der Waffel.“

Ob es jetzt eine im Sand verlaufene Petition, eine falsche Übersetzung, der „Bild“-Illustrator oder ein Foto von Kate Middletons Hinterteil ist: Sobald man der „Bild“ eines mitgeben kann, wird das auch gemacht. Tiefgang? Überflüssig! Übertitelt sind solche Artikel mit martialischen Zeilen wie „Journalismus? Am Arsch“, oder „Alles für’n Arsch“. Dahinter steckt oft nicht mehr als Meinungsmache gegen Springer. Es sind immer häufiger die Nicht-Anlässe, die den BILDblog zur Kritik veranlassen. Ein wenig erinnert das an den Vorwurf, der immer gerne der „Bild“ gemacht wurde: So wie sie keine Möglichkeit ausgelassen hat, die „Pleitegriechen“ zu kritisieren, lässt auch der BILDblog keine Möglichkeit aus, die „Bild“ zu bashen.

Ein besonders eindrückliches Beispiel ist eine Meldung von Mitte Mai. Dort wird nichts weiter als eine Gegendarstellung von Corinna Drews-Behrendt gezeigt: Ein Zitat von Drews zum Thema Schamhaar in der „Bild“ sei falsch und frei erfunden. Die „Bild-Zeitung“ selbst schreibt im Anschluss an die Gegendarstellung, dass sie bei ihrer Version bleibt (man kann von einem Gericht dazu verpflichtet werden, eine Gegendarstellung abzudrucken, unabhängig ob sie wahr oder unwahr ist). Wer von beiden Seiten hat recht? Ich weiß es nicht, es steht Aussage gegen Aussage. Beim BILDblog gilt aber offensichtlich: in dubio contra „Bild-Zeitung“.

Eine „ahnungslose“ Familie

Mein negatives Highlight des vorigen Monats aber war ein Text über „Bild“-Reporter Mark Pittelkau. „Pittelkaus Pinkelkontrolle bei Honecker“ erzählt zunächst die Geschichte, wie sich Pittelkau in den 1990er-Jahren beim nach Chile ausgewanderten Erich Honecker einschleimt, ihn dann besucht, um Details aus dem Privatleben von Honecker zu veröffentlichen – natürlich ohne, dass der dies wusste. Nun kann man solche Reporter-Methoden hinterfragen, und dass die „Bild-Zeitung“ den Eindruck erweckte, sie sei eingeladen worden, ist sicherlich fragwürdig. Aber was Autor Mats Schönauer im letzten Absatz schreibt, hat mir die Sprache verschlagen:

Mich ekelt das an. Dass Pittelkau dermaßen schamlos in die Privatsphäre einer ahnungslosen Familie eingedrungen ist. Und dass er heute immer noch so stolz, ja fast schon amüsiert davon erzählt. Als ginge es um einen Streich oder gar eine journalistische Heldentat – und nicht darum, zur bloßen Befriedigung der Leserneugier, zur Gewinnmaximierung der „Bild-Zeitung“ und zum Antrieb der eigenen Karriere das Vertrauen eines alten Mannes zu missbrauchen und sein gesamtes Privatleben bis ins kleinste Detail an die Öffentlichkeit zu zerren.

In diesem einen Absatz zeigt sich vieles von dem, was beim BILDblog schiefläuft. Die Honeckers als „ahnungslose Familie“ darzustellen, zeugt bestenfalls von Unwissen, im schlimmsten Fall von Geschichtsrevisionismus. Erich Honecker ist nicht nur eine der Personen der Zeitgeschichte, sondern auch ein verurteilter Verbrecher, war 28 Jahre Generalsekretär des ZK der SED und damit verantwortlich für alle Menschenrechtsverletzungen der DDR. Und als Sicherheitssekretär des ZK war er hauptverantwortlich für den Mauerbau und damit auch den Schießbefehl, der zu mindestens 138 Toten geführt hat. Um es mit Schönauers Worten zu sagen: Mich ekelt das an, wenn er von einer ahnungslosen Familie schreibt.

Die Sprache im Absatz zeigt aber auch, wie weit fortgeschritten der Hass auf Springer inzwischen ist. Ein aufgeblasener Duktus nah an der Hetze: Da geht es um „die bloße Befriedigung der Leserneugier“, die „Gewinnmaximierung der Bild“, um angebliche „journalistische Heldentaten“ und das „gesamte Privatleben bis ins kleinste Detail“. Der BILDblog hat nicht nur an publizistischer Relevanz verloren, er hat sich auch noch in einer Ecke verschanzt. Er macht zu oft Boulevard-Journalismus für Medienkritische. Damit ist er nicht schlechter als die „Bild-Zeitung“, aber viel besser auch nicht mehr.

Disclaimer: Ich verfasse unregelmäßig Nachtkritiken für Welt Online.

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