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Alters-Schwäche

Die Medienszene streitet über Kapuzenpullis und den Graben zwischen Online und Print. Dabei liegt das Problem ganz woanders: nämlich im Verhältnis von Alt zu Jung.

„Das hat mir Henri Nannen so erklärt.“ Diesem doppelten Totschlagargument hatte ich nichts entgegenzusetzen. Wie auch: Als Henri Nannen gestorben ist, bin ich noch zur Grundschule gegangen. Wer als junger Journalist einen solchen Satz vor den Latz geknallt bekommen hat, weiß: Journalismus in Deutschland hat ein Altersproblem.

Aktuell gibt es mal wieder einen Anlass, über das Alter im Journalismus zu sprechen. Seit Donnerstag diskutiert die Medienwelt über die Nichtberufung von Stefan Plöchinger in die Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“. Plöchinger, Jahrgang 1976, ist seit 2010 Chefredakteur von sueddeutsche.de. Und macht seinen Job, dem allgemeinen Empfinden nach, sehr gut. Wie kein anderer Online-Chefredakteur ist er Teil der Netzszene geworden.

Alte Hasen & junge Hüpfer

Die bisherigen Artikel zu Plöchinger beschäftigen sich hauptsächlich mit der Frage nach dem Graben zwischen Print und Online und lassen den Aspekt des Alters außen vor. Dabei geht all das miteinander einher: Plöchingers Alter; die Tatsache, dass er wohl der fähigste Online-Chefredakteur Deutschlands ist; und dass er trotzdem nicht in die Chefredaktion berufen wird.

Aus Sicht der alten Hasen gehört Plöchinger mit seinen 37 Jahren einfach noch zu den jungen Hüpfern. Für Print-Kollegen, die mit 50+ nicht über eine Redakteursstelle oder eine stellvertretende Ressortleitung hinausgekommen sind, ist es natürlich unfair: Da nimmt einer einfach die Abkürzung über die Datenautobahn. Und irgendwie kann man sie ja auch verstehen, denn anders als in vielen anderen Berufen ist 37 im Journalismus ja wirklich noch kein Alter (Hallo PSL!).

In der Diskussion um Plöchinger offenbart sich ein großes Problem des deutschen Journalismus: Es gibt eine ganze Generation von Journalisten, die nicht willens oder nicht in der Lage sind, sich mit dem Internet auseinanderzusetzen. Der Logik der guten, alten Papierzeit folgend, sind es aber genau diese Journalisten, die noch die nächsten 15 bis 20 Jahre die Chefposten in den Redaktionen besetzen.

Jetzt hat man in den Medienhäusern zwar schon das alte Problem hinter sich gelassen: Also dass die, die dürfen, nicht können. Und die, die können, nicht dürfen. Aber nur, weil die meisten großen Nachrichtenseiten heute von Leuten aus Plöchingers Kohorte (Julian Reichelt, bild.de; Anita Zielina stern.de, etc.) geleitet werden, hat noch längst kein Paradigmenwechsel stattgefunden. Noch immer rangieren Online-Chefredakteure in vielen Redaktionen auf dem Niveau von Ressortleitern.

Dabei dürfte es doch nicht so schwer sein, die folgende Schlussfolgerung zu verstehen: 1. Im Internet liegt die Zukunft des Journalismus. 2. Die Jungen verstehen das Internet besser. 3. Mit mehr von ihnen in den Chefetagen wappnet man sich besser für die Zukunft.

Ein Zusammenspiel beider Seiten ist nötig

Zweifelsfrei gibt es viele Ausnahmen, wie Matthias Müller von Blumencron, Jahrgang 1960, Wolfgang Blau, Jahrgang 1967, Jochen Wegner oder Thomas Knüwer, beide Jahrgang 1969. Ein Großteil der „paper natives“ ist aber nicht willens, es den digitalen Vordenkern gleichzutun. Sie halten an den Hierarchien einer längst vergangenen Zeit fest. Und das, obwohl jedes Jahr die Reichweite ihrer Print-Ressorts schrumpft, während die Webseiten immer wichtiger werden. Wenn es so weiter geht wie bisher, wird der deutsche Journalismus noch auf Jahre hinweg ein riesiges Problem haben. Wie sollen innovative Angebote entstehen, wenn an den entscheidenden Stellen Ewiggestrige sitzen?

Was die ganzen Online-Verweigerer nicht begreifen: Niemand verlangt von ihnen, das Medium komplett zu durchdringen. Ganz im Gegenteil, ein funktionierendes Zusammenspiel beider Seiten wäre nötig. Denn in all der Online-Verliebtheit, die netzaffine Journalisten gerne an den Tag legen, gehen auch Dinge verloren. Zum Beispiel die Chuzpe, nicht einfach nur der Masse hinterherzurennen, die nötige Zeit für Reflexionen und natürlich ganz viel Erfahrung.

Es kann funktionieren

Wie ein solches Zusammenspiel funktionieren kann, habe ich in meiner Zeit beim „Cicero“ miterlebt. Dort durfte ich die bemerkenswerten Versuche von Jürgen Busche, Jahrgang 1944, miterleben, sich doch noch mit dem Internet anzufreunden. Als Chefredakteur der „Badischen Zeitung“ war Busches Haltung zum Digitalen legendär. Dort weigerte er bis zum Schluss, einen Computer zu benutzen. Bei Cicero Online schrieb er in großer Regelmäßigkeit für die Webseite und rief mich immer zu sich, wenn er wieder aus Versehen das Word-Fenster geschlossen hatte oder ein Sonderzeichen eingefügt werden sollte.

Gleiches kann man über einen Joachim Kaiser, Jahrgang 1928, sagen, der über Jahrzehnte hinweg das Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ prägte und dann auf seine alten Tage einen großartigen Video-Blog startete (der inzwischen gesundheitsbedingt leider eingestellt wurde). Oder Michael Spreng, Jahrgang 1948, der mit seinem Sprengsatz den wohl wichtigsten deutschen Politikblog betreibt. Oder, oder, oder.

Das Internet: der gerechteste journalistische Kanal

Ich habe die Ablehnung des Internets nie nachvollziehen können, denn für mich ist es einfach ein weiterer Kanal (mit ganz vielen Unter-Kanälen), über den Journalisten publizieren können. Und von allen zur Verfügung stehenden Kanälen ist er vielleicht sogar der gerechteste. Schon immer galt im Journalismus, dass sich am Ende der Effektivste durchsetzt. Der, der besser informiert ist. Der, der das Interview oder die exklusive Stellungnahme beschafft hat. Der, der am schönsten schreiben kann. Oder der, der das beste Netzwerk hat. Ob Praktikant, Chefredakteur oder Fensterputzer war und ist egal. Am Ende steht das Ergebnis, da kann der Name noch so groß, die Recherche noch so lange oder die Arbeit noch so mühevoll gewesen sein.

Dieses Prinzip hat sich durch das Internet nicht verändert, sondern ist nur um zwei Komponenten erweitert worden. Die direkte Messbarkeit des Erfolges: Wer die meisten Klicks hat, gewinnt. Und der unbegrenzte Platz: Die Wahrscheinlichkeit, zu einem Thema schreiben zu dürfen, ist deutlich gestiegen. Das Internet hat neue Möglichkeiten geschaffen, in den Journalismus zu kommen. Und es hat viele Hierarchien abgeschafft, den Leitartikel oder die Meinungsspalte auf Seite eins gibt es im Netz nicht. Und bei alldem spielen Alter und Rang nur noch eine untergeordnete Rolle.

Das dürfte auch der Grund sein, warum Stefan Plöchinger so kritisch beäugt wird: Es ist der pure Neid der Print-Kollegen, dass ein jüngerer Kollege es geschafft hat, relevanter zu werden als sie. Ich hätte großes Verständnis, wenn Plöchinger nach der Entscheidung gegen ihn pikiert reagiert hätte. Hat er aber nicht. Und so habe ich zum Schluss sogar noch eine gute Nachricht für ihn: Der eingangs zitierte Journalist hielt alle Menschen unter 40 für mehr oder weniger unqualifiziert. Wer nicht Bundespräsident werden darf, kann im Leben ja noch nichts geleistet haben. Insofern sollte Plöchinger sich nicht alt fühlen, wie er vor Kurzem auf Twitter bekannte, sondern sich lieber freuen, dass er in ein paar Jahren endlich bei den Großen mitspielen darf.

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