Die Leute denken ich sei eine Figur aus der Fernsehserie Die Simpsons. Stephen Hawking

Titten gehen immer

Den Stern wegen der Politik zu kaufen, ist wie den Playboy wegen der Interviews. Was passiert, wenn man es trotzdem macht. Eine Rezension.

Wie groß war die Versuchung beim „Stern“, die aktuelle Ausgabe zur Sexismus-Debatte mit Titten zu bebildern? Die „Stern“-Verantwortlichen lieben prominent platzierte Brüste – und die letzte nackte Brust liegt doch schon sehr lange zurück. Gut, das Cover vom 10.1.2013 zeigt eine nackte Frau – allerdings nur ihre Silhouette. Auch die gezeichneten Brüste vom 13.12.2012 (Thema: Gesundheitsatlas Deutschland) will ich nicht so recht gelten lassen.

Für das letzte klassische „Stern“-Cover muss man sich in die Untiefen des „Stern“-Archivs begeben. So weit, dass sie auf der „Stern“-Webseite nicht mehr zu finden sind. Im März 2010 findet sich dafür ein echter „Stern“-Klassiker: „Vorsorge und Früherkennung: Welche Untersuchungen sinnvoll sind.“ Vollkommen logisch, dass hier eine nackte Frau mit Stethoskop am meisten Sinn hat. Gemacht hat man es trotzdem.

Die Titten sind dem „Stern“, was Nazis dem „Spiegel“ sind

Auch ohne Brüste auf dem Cover verfällt das Hamburger Magazin aber viel zu oft der Sexoptimierung seiner Cover. Das mag bei einigen Titeln noch Sinn ergeben: Z.B. „Mach mit mir was ich will“ (zum Thema „Shades of Grey“). Bei „Selig ohne Gott“ oder „Entspannt abnehmen“ ergibt es keinen inhaltlichen Sinn.

Was dem „Spiegel“ die Nazi-Titel und dem „Focus“ die Service-Titel sind, hat der „Stern“ mit seinen „sexy Covern“. Wenn gar nichts mehr geht, dann geht immer noch Sex. Am besten: Titten, verdeckt oder entblößt. Hauptsache, viel nackte Haut. Nun könnte man einwenden, Titten sei ein ziemlich sexistischer Begriff und man solle ihn doch bitte nicht benutzen. Nun, zum einen bin ich großer Anhänger der Euphemismus-Tretmühle. Und solange man Frau mittels Darstellung ihrer sekundären Geschlechtsteile zum Sexobjekt degradieren kann, ist es egal, ob die Bezeichnung Brüste, Titten, Hupen oder was auch immer lautet. Zum anderen erscheint mir Titten im Zusammenhang der geeignetste Begriff, ganz einfach, weil er der negativste ist.

Nun hat der „Stern“ in der vorigen Woche eine Sexismus-Debatte ausgelöst, zu der alles und noch viel mehr gesagt worden ist. Dass diese Debatte ausgerechnet vom „Stern“ provoziert wurde, entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie. Trotzdem muss man neidlos anerkennen: Die wichtigste Debatte 2013 haben nicht „Süddeutsche“, „Zeit“, „Spiegel“ oder einer der anderen üblichen Verdächtigen ausgelöst, sondern das „politische“ Magazin mit den wohl meisten Titten auf dem Cover.

Die aktuelle Ausgabe

Und so kam es, wie es kommen musste, in einem schwachen Moment habe ich das erste Mal aus politischem Interesse den „Stern“ gekauft (schon in meiner Kindheit war das immer die Zeitschrift, die im Urlaub gekauft wurde, wenn es mal wieder was Seichtes sein sollte). Wo ich sonst durch schöne Bilder (immer einen Kauf wert: der „Stern“-Ableger „View“) und mal seichte, mal ernsthaftere Geschichten blätterte, stand nun das knallharte Interesse am Titelthema. Der Ball lag beim „Stern“, er musste ihn nur noch reinschießen.

Aber dann die erste Enttäuschung: das Editorial von „Stern“-Chef Petzold. Statt die Debatte weiterzudrehen, den Titel zu kommentieren – eine Verteidigungsschrift in bester Beleidigte-Leberwurst-Manier. Die Vorwürfe der FDP seien „Blödsinn“, merkwürdig gestelzte Sätze werden formuliert: „Kampagnen gehören nicht zum Aufgabenbereich eines Journalisten“. Warum steht da nicht: „Der Stern führt keine Kampagne gegen die FDP.“? Wer von seiner Arbeit überzeugt ist, reagiert anders.

Auch der Blick ins Inhaltsverzeichnis lässt Böses ahnen. Ein einziger Artikel findet sich da unter der Rubrik Politik – die wöchentliche Kolumne von Hans-Ulrich Jörges. Nun gut, dann muss es also die Titelgeschichte retten. Aber auch da stellt sich beim ersten Blick Ernüchterung ein: Anscheinend hat sich in der Redaktion niemand Gedanken zum Unterschied zwischen Sexismus und sexueller Gewalt gemacht. Anders lässt sich der Aufmacher zum Titel nicht erklären. Das anonyme Opfer Christina T. beschreibt, wie ihr Büroleiter seinen Fuß an ihren Beinen gerieben hat. Natürlich ist das sexistisch, aber noch viel mehr ist es sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Wie das ein gutes Beispiel für den „täglichen Sexismus“ sein soll, ist mir schleierhaft. Hier liegt keine Handlung im Grenzbereich vor, sondern ganz offensichtlich eine Straftat.

Mit diesem Fehler ist der „Stern“ gewiss nicht allein, ein Blick auf Twitter: #aufschrei reicht, um allerlei schreckliche Geschichten zu lesen. Von einem Magazin erwarte ich aber mehr als von den Bürgern. Klar, dass bei ihnen eine Vermischung stattfindet, wer will es einem Opfer von sexueller Gewalt auch verübeln, wenn ihm endlich mal eine Bühne zur Anklage geboten wird. Dennoch: Diese Vermischung, die der „Stern“ mit betreibt, ist hochgefährlich. Sie bietet den Gegnern der Debatte Argumentationsfläche: Wo ein sexueller Übergriff als Sexismus bezeichnet wird, kann doch ein „harmloser“ Spruch nicht so dramatisch sein.

Ein kleiner Lichtblick & die typische Flickschusterei

Dann aber ein Lichtblick: Neben den Artikeln sind zahlreiche Stimmen von Politikerinnen und Journalistinnen gesammelt. Hier findet tatsächlich so etwas wie eine Fortsetzung der Debatte statt. Von persönlichen Erfahrungen (Claudia Roth, Silvana Koch-Mehrin, Bascha Mika) über politische Einordnungen (Katrin Göring-Eckardt, Caren Lay) bis hin zu Aufrufen (Katrin Albsteiger, Anne Wizorek, Elke Ferner) ergibt sich ein vielschichtiges Stimmungsbild. Warum nur Frauen sich äußern, verstehe ich nicht. Eine männliche Perspektive, gerade aus der Brüderle-Generation, hätte dem Ganzen sicherlich noch mehr Relevanz verliehen.

Die Titelgeschichte selbst dagegen: das typische Flickwerk einer Magazin-Titelgeschichten, wie sie „Spiegel“ & Co. jede Woche abliefern. Wie immer von einer Vielzahl Menschen (hier: elf) recherchiert und im Zweifel auch in Teilen geschrieben, mag sich bei der Geschichte von Franziska Reich nicht so recht ein roter Faden finden. Am Anfang ein bisschen szenisch, in der Mitte Ausflüge ins Politische und Psychologische. Ganz okay, aber wie immer bei so vielen Co-Autoren mit starken (vor allem die persönlichen Schilderungen von Opfern) und schwachen Momenten (wen interessiert die Nacherzählung eines Interviews aus dem vergangenen Jahr). Meinem politischen Interesse ist damit nicht Genüge getan.

Das nachgestellte Interview mit „Berufs-Coach“ (was für eine Bezeichnung übrigens, coacht er Berufe?) Peter Modler – nur schmückendes Beiwerk. Ein paar interessante und erschreckende Anekdoten aus dem beruflichen Alltag, mehr aber nicht. Großartig unterscheidet sich das nicht von den einzelnen Geschichten, die schon in der Titelgeschichte erzählt wurden.

Die letzte (politische) Hoffnung liegt in der Kolumne von Hans-Ulrich Jörges. Und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Nur so viel: Herr Jörges scheint den Klappentext von Hanna Rosins „Das Ende der Männer“ und die letzte Kolumne von Jakob Augstein gelesen zu haben. Denn, oh Wunder: Er prophezeit das Jahrhundert der Frauen und ruft die Krise des weißen Mannes aus. Gähn.

Eine Zukunft ohne Titten?

Der Rest des Magazins ist dann der „Stern“, wie ich ihn immer im Urlaub oder in der Arztpraxis lese. Ein paar interessante Geschichten (z.B. das Mädchen, das die Tollwut überlebte oder der hartnäckige Kommissar, der einen Selbstmord als Mord identifizierte). Service-Artikel (Stress im Alltag), die ich sofort überblättere, schöne Bilder. So schnell kaufe ich das Magazin sicherlich nicht noch mal.

Aber ein Hoffnungsschimmer bleibt: Für den baldigen Chefredakteur Dominik Wichmann (ab Mai 2013) habe ich größten Respekt. Das „SZ-Magazin“ war unter ihm (wie unter seinem Nachfolger) stets eine große Lesefreude. Beim „Stern“ konnte er als stellv. bzw. Co-Chefredakteur noch keine Duftmarken setzen, die bis zu mir vorgedrungen sind. Vielleicht schafft er es ja, den „Stern“ aus der Bedeutungslosigkeit zu holen. Ansonsten gilt weiter: Titten gehen immer.

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