Ohne Europa gibt es keine Träume auf dem Balkan. Edi Rama

Sommerpause an, Hirn aus

Länger noch als unsere Schüler machen die Medien Sommerurlaub. Jedes Jahr schicken die Redaktionen ihre Gehirne für den ganzen Juli & August in den Urlaub und stellen auf Autopilot um.

Ich sehe sie jetzt schon wieder vor mir: die Geschichten über die entlaufenen Tiere und die verzweifelten Hinterbänkler, die mit ihren beknackten Vorschlägen endlich mal bundesweiten Ruhm genießen wollen. Vor allem aber sehe ich schon die große Leere, die mich beim täglichen Betrachten der Tageszeitung und Nachrichtenseiten überkommt. In einem Satz: Das Sommerloch is back. Und es ist mal wieder gekommen, um zwei Monate zu bleiben.

Deutsche Medien im Sommerschlaf

Oft habe ich in der Sommerpause das Gefühl, dass im deutschen Medienbetrieb nichts anderes mehr geht außer copy/paste. Das fängt bei den Nachrichtenagenturen an, geht weiter zu den Print-Redaktionen und greift aufs Netz über. Irgendwo kommt dann ein verzweifelter Redakteur/Freier Mitarbeiter/Praktikant auf die Idee, es könne furchtbar relevant sein, dass ein verwirrter Bauer im Dorftümpel glaubt, das deutsche Nessie gesichtet zu haben. Von der ersten Quelle aufgegriffen, macht die Geschichte dann die Runde und wird zwei Wochen lang kommentiert, als ob die Bundesregierung entschieden hätte, die DM wieder einzuführen.

Scheinbar hat sich in den Redaktionen etabliert, dass die jährlich Pause des Bundestages auch gleichzeitig die Berechtigung beinhaltet, sich nur noch Geschichten zu zuwenden, die verdächtig viel mit umkippenden Reissäcken in China zu tun haben. Das mag zu der Zeit noch angemessen gewesen sein, als sich die deutschen Familien (und mit ihnen die Journalisten samt ihrer Familien) im Wohmobil und Käfer in großen Scharen über ganz Europa verteilten. Und es wirklich fast niemanden interessierte.

Im beschleunigten Medienzeitalter, wo ich beim Besteigen des Mount Everst im Basecamp nochmal schnell SPON checke, sind zwei Monate mit News auf Sparflamme einfach nur noch peinlich. Natürlich werden immer noch im Sommer die wenigsten Nachrichten konsumiert und natürlich ist es schwieriger, Politiker und andere Personen für Interviews und Hintergrundgespräche zu finden (ein Phänomen, das auch wir bei The European nur zu gut kennen). Aber bloß weil der Bundestag nicht tagt, dreht sich doch die Erde weiter. Und da braucht man nicht mal ins Ausland zu schauen, um genügend Stoff für Geschichten zu finden, die interessanter sind, als die typische Sommerloch-Ödnis.

Es geht schon los

Und wenn der kritische Leser jetzt denkt, dass sei eine vollkommen überzeichnete Meinung, kann er sich gerne einmal die am Montag losgetretene Debatte zur Nationalhymne vor Augen führen. Da fordert der hessische Ministerpäsident Volker Bouffier allen Ernstes eine Singpflicht bei den Spielen der Deutschen. Und die Medien stürzen sich vollkommen unreflektiert und unkritisch drauf. Eine Aussage, die sonst bestenfalls als skurille Randmeinung abgetan worden wäre, schafft es so überall hin. Sogar in die Öffentlich-Rechtlichen.

Einen Königsweg aus dem Sommerloch gibt es nicht, gerade für uns als Meinungsmagazin ist es schwierig, weil bei uns die Nachrichten kommentiert werden. Wenn da aber nichts passiert, geht auch uns der Stoff aus. Oft hilft dann nur noch der Blick ins Ausland. Denn auch das sollte klar sein: das alljährliche Sommerloch zeigt ein ums andere Mal, wie gut es uns in Deutschland doch eigentlich geht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thore Barfuss: Ick bin kein Berliner

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