Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Miosga nach Athen tragen

Während der EM haben Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein bisher mit Leichtigkeit die peinlichsten Einlagen dargeboten. Gestern ist ein neuer Anwärter auf den Thron aufgetaucht: die Tagesthemen.

Was findet in den Öffentlich-Rechtlichen statt, kostet Unsummen an Gebühren und ist noch peinlicher als Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein auf einer schwimmenden Bühne vor Usedom? Bis gestern wäre mir beim allerbesten Willen nichts dergleichen eingefallen. Dann aber kam die Halbzeitpause im Deutschland-Spiel.

Öffentlich-rechtliche Verschwendungssucht für peinliche Inszenierungen

Mit Leichtigkeit schaffte es die ARD, das vom ZDF dargebotene Ausmaß an öffentlich-rechtlicher Verschwendungssucht für peinliche Inszenierungen um ein Vielfaches zu überbieten. Caren Miosga moderierte die Tagesthemen statt wie üblich im Hamburger Studio live aus Athen vor der Akropolis.

Auch wenn die Wahlen in Griechenland natürlich ein wichtiges Thema sind, so ergibt es einfach überhaupt keinen Sinn, die Tagesthemen von dort aus zu präsentieren. Also außer für Frau Miosga natürlich, die sicherlich ein paar schöne Tage in Griechenland verbracht hat (hoffentlich nicht auf Gebührenzahlerkosten). Bei den Tagesthemen hat sie sich in letzter Zeit jedenfalls nicht blicken lassen.

Ich kann mich an keine Bundestagswahl, keine Wahl des US-Präsidenten oder andere wesentlich relevantere Ereignisse erinnern, die dazu führten, dass die Tagesthemen von Berlin, Washington oder Castrop-Rauxel aus moderiert wurden. Warum auch, es geht um den Transport relevanter Information. Was hilft es da, dass Caren Miosga beim Vortragen der Nachrichten die Haare vom griechischen Sommerwind weggeweht werden? Verstehe ich als Zuschauer mehr von den griechischen Verhältnissen, wenn die Moderatorin live vor einem Postkartenmotiv steht?

Die nüchterne Herangehensweise ist Alleinstellungs- und Qualitätsmerkmal

Die ARD hat sich im Gegensatz zum ZDF noch nicht zu einem albernen und vor allem unglaublich teuren Digitalstudio hinreißen lassen (welches gerne auch durch Nicht-Funktionieren auffällt). Die nüchterne Herangehensweise der Tagesschau und Tagesthemen ist immer noch das Alleinstellungs- und Qualitätsmerkmal im Wettstreit der Nachrichtensendungen.

Es sei denn natürlich, Tom Buhrow und das Tagesthemen-Team sehen das seit Neuestem so wie Oliver Kahn. Im unglaublich peinlichen „BAMS“-Interview entgegnete der Titan auf die Kritik an der Bühne in Usedom: „Glauben Sie, dass aus irgendeinem Ministudio in einem Stadion mehr Stimmung transportiert werden könnte als von hier?“. Einfache Frage, noch einfachere Antwort: „Mit anderen Moderatoren: Ja.“

Es geht noch peinlicher

Und gerade als ich dachte, es könnte nicht noch schlimmer werden, wurde der Gipfel der Peinlichkeit erklommen. Caren Miosga schaltete live zu Peter Dalheimer. Dieser stand einen Kilometer entfernt vor dem griechischen Parlament und sollte eine Einschätzung der Lage liefern.

Nun kann man schon trefflich über den Sinn von Korrespondenten-Berichten direkt nach Wahlen streiten. Glänzen diese, wie sollte es auch anders sein, durch Allgemeinplätze und Informationen, die jeder bessere Praktikant aus den Nachrichtenagenturen zusammentragen könnte. Wenn aber Korrespondent und Moderator nur einen Steinwurf voneinander entfernt sind, dann wird das Korrespondenten-Prinzip komplett ad absurdum geführt. Ich freue mich schon darauf, wenn Hamburg-„Korrespondentin“ Judith Rakers von der Eröffnung der Elbphilharmonie berichten wird.

Umgang mit Gebührengeldern muss neu geregelt werden

7,5 Milliarden Euro zahlen wir Deutschen, auch ich, für die Öffentlich-Rechtlichen jährlich. Bald soll mit der Haushaltsabgabe auch noch der Letzte zum Geldbeutel gebeten werden. Brauchen wir fünf politische Talks, mit ihren „Star“-Moderatoren und ihren astronomischen Gehältern? Brauchen wir 80 öffentlich-rechtliche Radiosender? Brauchen wir grandiose TV-Sendungen, die dann aus Bilanzgründen zu Unzeiten weggesendet werden?

Diese Liste ließe sich ewig weiterführen: Sinn macht sie derzeit trotzdem nicht. Denn entscheiden dürfen wir Gebührenzahler ja so oder so nicht. Nur durch eine komplette Neuregelung kann die Diktatur der Sendeanstalten gebrochen werden. Eine Möglichkeit dafür wäre ein Zuschauerparlament.

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