Wir werden sehen, ob junge Leute wirklich besser sind, nur weil sie jung sind. Michel Friedman

Brandbeschleuniger

Der Auftakt zur neuen Sarrazin-Debatte bei Günther Jauch bestätigt die Befürchtungen: Auch diesmal hat Thilo Sarrazin nicht viel Neues zu erzählen und die Reflexe sind noch immer die alten.

Natürlich ist Sarrazin ein belesener und intelligenter Mann und beim Euro hat er als ehemaliger Finanzbeamter so einiges an Expertise vorzuweisen. Aber bei Sarrazins gestrigen Einlassungen über die europäische Integration möchte ich ihm doch gerne den Besuch eines politikwissenschaftlichen Proseminars empfehlen. Mal abgesehen davon, dass sein letztes Gespräch mit jungen Europäern offensichtlich sehr weit zurückliegt.

Keine Ahnung oder eiskaltes Kalkül

Das ist schade, denn im Gegensatz zu seinem letzten Buch bewegt sich Sarrazin in einem Bereich, in dem er sich qua Lebenslauf ziemlich gut auskennt. Wer aber in solch dilettantischer Art wie Sarrazin den Euro vom europäischen Projekt trennen möchte, hat entweder schlichtweg keine Ahnung oder betreibt eiskalt kalkulierte Provokation.

Denn natürlich weiß Sarrazin die richtigen Hebel zu bedienen, um einen Teil der Deutschen hinter sich zu bringen. Gerade die älteren Generationen betrachteten den Euro in den ersten Jahren vor allem mit Skepsis (wer sollte es ihnen auch verübeln). Und in Zeiten der Krise gibt es viele Anlässe, um diese Zweifel wieder hervorzuholen. Dennoch ist die gemeinsame europäische Währung neben Schengen das Greifbarste, in diesem großen fortlaufenden Prozess der europäischen Integration. Und die EU will Sarrazin ja auch gar nicht abgeschafft sehen.

So erreicht er den Höhepunkt der Peinlichkeiten, wenn er in bester Fußball-Trainer-Manier (hätte, könnte, wenn und aber) damit argumentiert, wo Deutschland ohne den Euro heute stehen würde („Viele der heutigen Problemen wären so nicht vorhanden“). Sarrazin stellt hier eine Frage, die keine ist. Der Euro ist eine Realität, mit der sich die Euro-Kritiker zumindest für den Moment abfinden müssen.

Die drängendste Frage ist nicht, wo Deutschland ohne gemeinsame europäische Währung stünde, sondern was passieren würde, wenn Länder wie Griechenland die Euro-Zone verlassen – und was das für Deutschlands Wirtschaft bedeuten würde. Darauf hat Sarrazin keine Antworten gegeben.

Drei Erkenntnisse für die anstehenden Debatten

Am Ende sind es natürlich aber nicht die direkten Fragen zur Sinnhaftigkeit der deutschen Euro-Beteiligung, die in den nächsten Wochen diskutiert werden. Die Debatte wird schnell Sarrazins Thesen hinter sich lassen und wieder auf die großen medialen Schlachtfelder ziehen. Jauchs Sendung lieferte drei Erkenntnisse, die den Verlauf der nächsten Wochen andeuten.

1. Die deutsche Linke kann es immer noch nicht

Da sind sie wieder, die alten Reflexe. Das hatte ja schon zu „Deutschland schafft sich ab“-Zeiten wunderbar nicht funktioniert. Und so werden wieder große Worte wie „Rassismus“ in den Mund genommen, beziehungsweise auf die Plakate gemalt, die auch stolz vor dem Berliner Gasometer hochgehalten wurden. Erneute Forderungen nach Bücherverbrennung oder einem Redeverbot für Sarrazin sind nur einen Steinwurf entfernt.

Diesen berechenbaren Reflex von Teilen der deutschen Linke werde ich nie verstehen. Wenn Sarrazin wirklich rassistische oder antidemokratische Ressentiments verbreitet (was ich so pauschal auf jeden Fall verneine), dann sind urdemokratische Forderungen wie Denk- oder Redeverbote natürlich genau das Richtige, um ihm zu widersprechen. Ich hatte und habe bei Reaktionen auf Sarrazin oft das Gefühl, dass auch unter Linken gerne mal öffentlich Ressentiments gepflegt und präsentiert werden wollen.

Denn um die ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem spröden Altpolitiker/-banker und seinen Meinungen ging und geht es nicht wirklich (zugegeben: auch nicht in dieser Kolumne). Bei den für unsere mediale Landschaft typischen Stellvertreter-Kriegen ist Sarrazin einer der Letzten, die sich noch aufs Schlachtfeld begeben. Und dort hält er es mit stoischer Ruhe und einem beeindruckenden Maß an Gelassenheit aus, wo die meisten schon längst in psychiatrischer Behandlung oder im Ausland zu finden wären.

Und so stehen uns sicherlich viele – aus meiner Sicht tragikomische – Forderungen und Vorwürfe an Sarrazin und die über ihn berichtenden Medien ins Haus, die am Ende vor allem eines sein werden: undemokratisch.

2. Die SPD hat Sarrazin immer noch nichts entgegenzusetzen

Peer Steinbrück, der einzige Sozialdemokrat mit Kanzlerpotenzial: Mies gelaunt und so wenig eloquent wie schon lange nicht mehr, saß er gestern bei Jauch und vermittelte von Anfang an deutlich, dass ihm Sarrazin zuwider ist. Natürlich ist Peer Steinbrück nicht die SPD, aber wenn schon der eigene Genosse nicht mal ein Mindestmaß an menschlichem Respekt aufbringen kann („Ich werde Herrn Sarrazin siezen“), dann zeigt das die sozialdemokratische Urangst vor Thilo Sarrazin.

So hölzern und floskelhaft wie Steinbrück auf Sarrazin reagierte, offenbart sich das große Problem der SPD. Wenn schon Peer Steinbrück scheitert, kann man sich vorstellen, wie die nächsten Wochen aussehen werden. So richtig angreifen will man ihn nicht, aber dass Sarrazins Positionen die der SPD sind, will man natürlich auch nicht. Ein Spagat, der nicht gelingen kann.

Und so kann sich die Kanzlerin trotz NRW und Röttgen einigermaßen entspannt zurücklehnen. Denn die SPD macht mal wieder das, was sie unter Sigmar Gabriel am besten kann: Sie steht sich selbst im Weg.

3. Der ganz große Shitstorm wird ausbleiben

Das war es also? Die Debatte startet, anders als die Integrationsdebatte, nicht mit einem großen Knall. In einer wirklich gut geführten Sendung (von wegen Jauch könne nur „Stern-TV“) wurde normal miteinander gesprochen. Wie niedrig die Ansprüche sind, zeigt schon, dass es gestern ein Novum für Diskussionen mit Sarrazin gab: Er durfte fast immer ausreden.

Das liegt zum einen natürlich daran, dass das Thema Integration mehr politische Sprengkraft besitzt. Zum anderen aber auch daran, dass Sarrazin nichts wirklich Neues zu erzählen hat. In das große Vakuum, das die gefühlt Tausenden Rettungsgipfel und -schirme produziert haben, weiß er nicht zu stoßen. Das wird die üblichen Verdächtigen nicht davon abhalten, in die gleichen Reflexe zu verfallen wie schon vor zwei Jahren.

Und so heißt es, wie auch schon nach dem „Bild“- und “Spiegel“-Vorabdruck: Mögen die Spiele beginnen.

Die vollständige Sendung können Sie hier in der ARD-Mediathek schauen.

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