Wenn man länger als eineinhalb Stunden über Bürokratie-Abbau spricht, ist das dann Bürokratie? Franz Müntefering

Mausklick-Aktionismus

Wer meint, durch das Teilen von Videos auf Facebook oder das Aufhängen von Plakaten einen Teil zur Gefangennahme von Jospeh Kony beizutragen, hat nicht nur wenig Ahnung von internationaler Politik. Sondern ist oft gleichzeitig auch ein Heuchler.

internet youtube protest joseph-kony

Cover The Night: Heute Nacht soll KONY 2012 seinen Höhepunkt finden., wenn überall auf der Welt die „Nacht verdunkelt werden soll“ (Plakate gehängt werden).

Schon in der Bibel steht bei Matthäus: „Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit deine Almosen verborgen bleiben.“ Menschen und Organisationen, die ständig von ihren Wohltaten berichten, hinterlassen bei mir grundsätzlich einen eher fragwürdigen Eindruck.

„Sprich darüber und tue Gutes“

Wenn aber selbst das deutsche Sprichwort „Tue Gutes und sprich darüber“ umgekehrt wird, dann braucht es nicht viel gesunden Menschenverstand, um zu erkennen: Hier läuft etwas ganz gewaltig in die falsche Richtung. Oft wird nach dem Sprechen über Probleme dann nämlich einfach vergessen, irgendetwas zu tun.

Denn wer ernsthaft glaubt, das Sharen eines Videos oder selbst das Kaufen einer 30-US-Dollar-Box mit Armbändchen und Plakaten hätte einen Einfluss, hat schlichtweg keine Ahnung von internationaler Politik.

Und trotzdem hat natürlich die Weiterverbreitung des Videos – mal abgesehen davon, dass bei einer solchen Menge der jeweils einzelne Tweet/Post aufgrund der Gesetze der großen Zahlen unbedeutend ist – einen maßgeblichen Effekt gehabt: Es hat für die Bekanntheit von Joseph Kony gesorgt.

Den Machern des KONY-Videos kann man dabei kaum einen Vorwurf machen, sie haben genau das erreicht, was sie wollten: maximale Aufmerksamkeit und das Einschreiten des Militärs. Und auch wenn die Inhalte ihrer beiden Videos inhaltlich mindestens fragwürdig sind, so sind sie doch nur Produkt ihres großen und eigentlich hehren Zieles, nämlich Kony zur Strecke zu bringen. Das Problem ist hier tatsächlich die leicht manipulierbare Masse.

Ablasshandel 2.0

Die Macher bedienen sich bei einem ganz typischen und menschlichen Reflex, die Kampagnen wie KONY 2012 immer auszulösen versuchen. Nämlich der Eigenschaft, mit Aktionismus etwas gegen das eigene schlechte Gewissen zu tun. Das hat man ganz automatisch, wenn man wie wir in einem Land lebt, wo Leib und Seele nicht grundsätzlich bedroht sind.

Mitmachen bei solchen Aktionen kommt dabei einem modernen Ablasshandel gleich: „Verbreite nur unsere Botschaft weiter und du hast etwas Gutes getan.“ Schon dieser Glaube zeugt von mangelnder Abstraktionsfähigkeit. Heuchlerisch wird es dann, wenn versucht wird, andere zu bekehren. Nicht selten höre und lese ich Sätze wie: „Das kostet ja nichts, ihr müsst da mitmachen. Es geht schließlich um die gute Sache.“

Das Problem ist dabei nicht mal die Weiterverbreitung der (vermeintlich) eigenen politischen Meinung. Schwierig finde ich den moralischen Standpunkt, der oft solcher Argumentation zugrunde liegt. Trotz nicht vorhandener moralischer Fallhöhe wird man zum Zyniker abgestempelt, wenn man nicht alles unterstützt, was „zumindest niemandem schadet und ein lobenswertes Ziel hat“.

Viel Arbeit und Engagement, statt ein paar Mausklicks

Nicht falsch verstehen: Natürlich berühren auch mich die schrecklichen Bilder aus den KONY-Filmen. Trotzdem weiß ich, dass ich hier an meinem Computer nur sehr begrenzt bin in den Möglichkeiten der politischen Einflussnahme. Wenn ich mich ernsthaft für etwas einsetzen will, ist das mit viel aufreibender Arbeit und Engagement verbunden. Und nicht mit zwei Mausklicks.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Thore Barfuss: Die Bild der Springerhasser

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