Nein, natürlich hat der alte Mann nicht recht, wenn er die deutsche Presselandschaft als gleichgeschaltet bezeichnet. Das ist bestenfalls ungeschickt, lässt aber eher tief in die Grass’sche Seele blicken.
Und doch gibt es gerade im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt einen Trend in den deutschen Medien, den man mit gleichgeschaltet bezeichnen könnte – wenn dieser Begriff nicht durch die Nazis vollkommen unverwendbar geworden wäre.
Heikle Fragen, festgefahrene Positionen
In Zeiten, in denen die Rechts-links-Grenze immer mehr verwischt, wird Sinn über andere Fraktionen gestiftet. Und egal ob Israel, SED oder PID: die Fronten sind so verhärtet, dass Diskussionen eigentlich überflüssig sind.
Im Fall von Israel spiegelt sich im deutschen Diskurs auch die verfahrene politische Situation vor Ort wider. Neue Entwicklungen dienen nur noch als Stichwörter, um die immer gleichen Argumente anzubringen. Von Austausch kann da keine Rede sein.
Das ist bei negativen Schlagzeilen durchaus verständlich, bei allem, was über die leider alltäglichen Schreckensmeldungen hinausgeht, ärgerlich. Im vorauseilenden Gehorsam sind die jeweiligen Diskutanten oft schneller als die politischen Entwicklungen selbst.
Zwar ist es immer sehr leicht, wenn man so wie ich nicht direkt tangiert ist, Zynismus zu unterstellen. Aber ich bekomme den Eindruck nicht los, dass gerade, wenn es um Israel geht, die Texte schon vorgeschrieben in der Schublade liegen.
Schallplatten-Journalismus
In der aktuellen Diskussion um Grass nehmen sich da weder die Israel-Freunde um Springer & Co. noch die meist israel-kritische deutsche Linke viel. Hier geht es nicht so sehr um die Sache (denn das Grass danebenliegt, bezweifelt außer ein paar Spinnern kaum jemand), sondern mehr um den Duktus der Debatte.
Über die in Teilen unfaire und anmaßende Kritik darf Grass sich nicht beschweren, denn er hat sie selbst provoziert. Trotzdem ist sie wenig hilfreich. Und wenn dann im Gegenzug Jakob Augstein Deutschland absprechen will, für Israels Staatsräson verantwortlich zu sein, muss die Frage erlaubt sein, ob Augstein sich wirklich für das Gedicht interessiert. Oder ob er einfach mal wieder die alte Schallplatte aufgelegt hat, bei der Israel tendenziell immer ein bisschen zu schlecht wegkommt.
Natürlich darf und muss man Israel kritisieren, es muss nur fundierter sein als Grass’ Gedicht oder Augsteins berechnete Attacken.
Berühmtheiten jeglicher Art bekommen in so hochkomplexen Fragen auch ohne Fachwissen viel zu viel Aufmerksamkeit. Seien es Käßmanns Afghanistan-Ausschweifungen oder eben Grass.
In dubio pro Israel
Was am Ende, nur so viel zur aktuellen Situation, verwundert, ist das allzu negative Bild, was von Israel vorherrscht. Während sehr viele Fragen unklar sind, ist die Ausgangslage nämlich recht überschaubar.
Auf der einen Seite haben wir einen Gottesstaat, der bestenfalls von einem geltungssüchtigen aber harmlosen Irren beherrscht wird, schlimmstenfalls aber brandgefährlich ist. Und auf der anderen Seite einen jahrzehntelangen Verbündeten, der, was Menschenrechte und Demokratie anbelangt, einen Status hat, den der Iran nie erreichen wird. Und zu dem Deutschland eine ganz besondere Beziehung hat.
Für die große Masse an Journalisten (mich eingeschlossen) und öffentlichen Personen, die sich zu dem Thema äußern, aber zu wenig Ahnung von der Materie haben, sollte häufiger gelten: im Zweifel für Israel.
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