Bildung ist hoffnungslos unterfinanziert. Harald Christ

Keine Frage der Glaubwürdigkeit

Ereignisreiche Tage wie heute zeigen: Der Journalismus hat kein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern ein Problem der Reichweite. Ein Einwurf.

Mit Ausnahme der wunderbaren Nachricht zur Öffnung der Ehe in den USA gab es heute nur Negativ-Schlagzeilen: Griechenland! Tunesien! Frankreich! Schon lange hatten die Redaktionen nicht mehr so viel zu tun wie an diesem Freitag-Nachmittag. Welcher Tag wäre also geeigneter, um über das arg ramponierte Image des Journalismus zu sprechen?

Die „Zeit“ titelt diese Woche: „Alles Lügen?“ und schreibt: „Viele Menschen glauben den Berichten der großen Medien nicht mehr. Wie kommt das?“

Ich bin der festen Überzeugung, dass die (nicht nur) von der „Zeit“ so geführte Debatte das Problem von der falschen Seite angeht. Sie lässt sich – wie so viele andere auch – von den Trollen blenden. Denn wer tatsächlich an Inside-Jobs, Chemtrails oder sonstige Verschwörungen glaubt, den wird man auch durch besseren Journalismus nicht vom Gegenteil überzeugen können. Die Spinner sind nicht das Problem, die gab es auch schon in den guten alten Zeiten.

Der Verlust der Glaubwürdigkeit wird nur deswegen ausführlich diskutiert, weil er eine scheinbar plausible Erklärung liefert. Medien verlieren erst Glaubwürdigkeit, dann Auflage, ergo muss nur die Glaubwürdigkeit wiederhergestellt werden und alles ist wieder gut. Dabei ist die Glaubwürdigkeit nicht das Entscheidende: denn schon früher lagen die Medien daneben, haben Fehler gemacht oder gar bewusst die Leute getäuscht. Dank des Internets fällt das heute nur deutlicher auf, und es ist auch deutlich einfacher, darauf hinzuweisen.

Einzige Aufgabe: weniger überfordert sein als der Rest

Das eigentliche Problem der Medien ist der Verlust der „normalen Menschen“. Jene Leser und Zuschauer, die sich leise und ohne Beschwerde verabschiedet haben. Viele werden einfach gar nicht mehr erreicht: Wenn Bauarbeiter auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr die „Bild“ lesen, sondern die Facebook-Posts von Ken Jebsen. Wenn Gymnasiasten morgens nicht mehr in die Zeitung der Eltern blicken, sondern sich lieber von Unge die Welt erklären lassen. Wenn das Zweite Deutsche Fernsehen nur noch von Zuschauern mit dritten Zähnen verfolgt wird.

Die bisherigen Versuche, diese Menschen zurückzugewinnen, mögen rein rechnerisch funktioniert haben. Denn: Homöopathie-Journalismus, wie ihn Buzzfeed oder die „Huffington Post“ liefern, wird geklickt und zwar heftig. Aber: „13 Dinge, die Sie jetzt über Ihren Urlaub in Tunesien wissen sollten“ reicht an Tagen wie heute dann doch nicht aus, um die Menschen zu informieren.

Noch immer sind die Einzigen, die schnell genug und einigermaßen verlässlich Antworten liefern, die alten Medien. Die Antworten sind vielleicht nicht perfekt, in manchen Fällen sogar unglaubwürdig, aber nirgendwo sonst bekommt man überhaupt eine Übersicht. Die Überforderung mit zu vielen Informationen, denen Journalisten schon immer ausgesetzt waren, mag durch die heute herrschende Gleichzeitigkeit noch zugenommen haben (Leseempfehlung in eigener Sache: Interview mit Rüdiger Safranski). Aber an Tagen wie heute müssen Journalisten eigentlich nur eines: weniger überfordert sein als der Rest der Republik.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Thore Barfuss: Ick bin kein Berliner

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