Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch. Joschka Fischer

Die Gebührenverschwendungsmaschine

Der Skandal um die Gottschalk-Bezahlung erinnert uns daran, wie sorglos die Öffentlich-Rechtlichen mit unserem Geld umgehen.

Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Maybrit Illner, Frank Plasberg, Anne Will, Daniel Bröckerhoff. Ein Name in dieser Reihe passt nicht so recht. Dabei sollten Sie diesen Bröckerhoff kennen! Er ist das Gesicht (neben Eva-Maria Lemke) der neuen ZDF-Nachrichtensendung „heute+“. Mit – für öffentlich-rechtlich Verhältnisse – fast schon bescheidenen Mitteln versucht das ZDF, Fernsehnachrichten für Menschen diesseits der 60 wieder interessant zu machen. Sympathischer Typ, sympathische Sendung. Sollten Sie sich mal ansehen.

Und doch droht Bröckerhoff das gleiche Schicksal wie so vielen talentierten öffentlich-rechtlichen Journalisten zuvor: stinkreich zu werden (also zumindest für Journalistenverhältnisse). Denn wenn er – das Potenzial hat er – zu einem Gesicht der Öffentlich-Rechtlichen wird, gehört er schon bald zu dem „einen Prozent“ von ARD & ZDF. Also jenen Journalisten, für die Tarifverträge, befristete oder unbefristete Anstellungen und Tagessätze nicht mehr zählen, weil sie eine Produktionsfirma im Rücken haben.

Diese handelt dann eigene Verträge mit dem jeweiligen Sender aus und verkauft der ARD oder dem ZDF eine Sendung, die beliebig viel kosten kann. Günther Jauchs ARD-Talk zum Beispiel (Firma: i&u TV) wird für schlappe 4600 Euro produziert – pro Sendeminute wohlgemerkt. Plasberg (Firma: Ansager & Schnipselmann) mit 2800 Euro, Will (Firma: Will Media GmbH) mit 2400 Euro oder Illner (Firma: Doc.station Medienproduktion) mit 1800 Euro sind nicht so weit davon entfernt.

Vom einfachen Journalisten zum Star

Das ist insofern interessant, weil alle bisher erwähnten Journalisten mehr oder weniger Eigengewächse der Öffentlich-Rechtlichen sind, ausgebildet oder die ersten Karriereschritte dort gemacht haben und dort vom einfachen Journalisten zum Star aufgestiegen sind. Wie genau so eine öffentlich-rechtliche Karriere abläuft, kann man derzeit sehr gut an der Karriere von Jan Böhmermann (Firma: Bildundtonfabrik) beobachten. Die ersten Sporen werden im Frühstücksfernsehen, in Spartenkanälen oder im Radio gesammelt, nach mehreren Stationen mit immer größerer Reichweite kommt die Sendung, bei der sich das Potenzial fürs Hauptprogramm andeutet (bei Böhmermann spätestens „Roche & Böhmermann“). Ab dann wird der Protagonist langsam an die große Öffentlichkeit herangeführt. Seit Februar trägt Böhmermanns „Neo Magazin“ den Beisatz „Royale“ und wird zusätzlich samstagnachts im ZDF versendet, dafür gab es ein neues Studio und ein größeres Budget. Besser ist die Sendung dadurch nicht geworden. Nur teurer.

Was das alles mit Thomas Gottschalk zu tun hat? Auch Gottschalk ist in den Öffentlich-Rechtlichen groß geworden, für „Gottschalk Live“ war natürlich auch eine Produktionsfirma (Grundy LE) verantwortlich. Und die konnte dann eben Gottschalk-Preise aufrufen. Die Verantwortlichen bei der ARD und dem WDR hätten damals vielleicht schon beim Konzept der Sendung stutzig werden können. Ich zitiere kurz aus meinem Experiment, eine Woche „Gottschalk Live“ zu sehen:

Nicht die miserablen Quoten von „Gottschalk Live“ sollten Grund für die ARD sein, die Sendung einzustellen. Sondern, dass sie einfach unfassbar schlecht ist.

Der HSV des Öffentlich-Rechtlichen

Der Skandal ist aber weniger – wie die „Bild“ insistiert –, dass Gottschalk Geld für Sendungen bekommen hat, die er nicht gemacht hat. Das war in Anbetracht der von Gottschalk und dem Team abgelieferten Sendung die beste Lösung. Und wenn man Fernsehen macht, gehört auch daneben liegen mal dazu. Der Skandal ist es, dass riesige Millionenbeträge für einzelne Sendungen wie im vorliegenden Fall zum System gehören. Dass für „Gottschalk Live“ keine Gebührengelder ausgegeben worden seien, wie ein WDR-Sprecher verlauten ließ, ist natürlich hanebüchener Unsinn. Der leicht zu durchblickende rhetorische Kniff, die Sendung sei „werbefinanziert“ gewesen sei, fällt ja allerspätestens da in sich zusammen, wo für die Hälfte der gezahlten Sendungen keine Werbung möglich war. Einfach, weil sie nicht ausgestrahlt wurden.

Der Skandal um „Gottschalk Live“ ist also das perfekte Beispiel dafür, wie verwerflich dieser Teil des öffentlich-rechtlichen Journalismus geworden ist. Bekannte Journalisten, selbst wenn sie im eigenen Haus groß geworden sind, kann man offenbar nur zu Unsummen halten. Dass Gottschalk da herausfällt, liegt an seiner glorreichen Vergangenheit, wenn Jauch, Plasberg & Co. die erste Liga der Öffentlich-Rechtlichen darstellen, dann ist Gottschalk der HSV: Alle wissen, dass die guten Zeiten des Dinos schon lange vorbei sind. Und doch findet sich immer noch irgendwer, der noch mal Geld für ein Projekt gibt.

Die Affäre um Gottschalk ist das symptomatische Beispiel eines in die Schieflage geratenen Systems. Und so muss ich mich bei Thomas Gottschalk eigentlich bedanken: Denn fast wäre ich auf den Trick mit dem Bröckerhoff reingefallen.

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