Obwohl die blutigen Ereignisse in Libyen und Syrien die Aufmerksamkeit seit Monaten binden, darf der Blick nicht auf die kriegerischen Ereignisse verkürzt bleiben, die im Kern mehr einer Implosion strukturmaroder und politisch isolierter Staaten gleichkommen, als einem Export von Instabilität bedeuten.
Aus geostrategischer Perspektive unterscheiden sich die Anrainer des westlichen Mittelmeerbeckens (mit den Maghreb-Staaten) gegenüber dem Konfliktgeschehen des östlichen Mittelmeerbeckens (mit den Maschrek-Staaten) schon allein durch den arabisch-israelischen, den trilateral-kurdischen und sunnitisch-schiitischen Gegensatz ganz erheblich.
In Kairo entscheidet sich das Schicksal der Region
Während das östliche Mittelmeerbecken – mit der Ausnahme Israels – nur schwache ökonomische Perspektiven liefert, wartet mit den nordafrikanischen Staaten ein Markt mit rund 90 Millionen Einwohnern. Nordafrika bietet die Brücke zur logistischen Erschließung der Ressourcen des gesamten afrikanischen Kontinents, seine Küsten die Perspektive für eine gigantische energetische Zukunftsregion. Während Nordafrika, befeuert durch die mittlerweile demokratisch motivierten Transformationsprozesse, zu einer perspektivreichen politischen Gestaltungs- und Partnerschaftsregion der europäischen Nachbarschaft aufsteigt, verlängert der Maschrek einmal mehr, durch seine Substanz verzehrenden Generationenkonflikte, sein Profil als traditionelle Problemregion.
Obwohl der epochebildende politische Wandel am 13. Januar 2011 in Tunesien seine visionäre Kraft in die arabische Welt getragen hat, bleiben dennoch die politischen Folgeentwicklungen in Ägypten für den gesamten geopolitischen Großraum strukturbestimmend. In Kairo entscheiden sich das Schicksal der sunnitischen Welt, die freie Passage für den Euro-Asienhandel sowie der sich anbahnende außenpolitische Konflikt um die künftige arabische Führungsrolle zwischen Ägypten und Saudi-Arabien.
Stürzt die reformresistente saudische Autokratie, die ihren demokratischen Frühling mit rund 120 Mrd. USD schlichtweg aufgekauft hat, fallen die Golfstaaten zu einer strategischen Pufferzone zwischen der schiitischen Vormacht Iran und Ägypten zurück. Den beiden Flügelstaaten im Nordosten (Syrien) und Südwesten (Jemen) kommt im Rahmen der sich abzeichnenden strategischen Rochade nur noch eine Flankenrolle zu. Beide Staaten haben schon jetzt ihr strategisches Zukunftspotenzial über Jahrzehnte absorbiert. Während Syrien als einer der am meisten überschätzten Staaten im Sinne einer doppelten Sandwichlage zwischen der Türkei und Israel (strategisch) und zwischen Iran und Libanon (ethno-religiös) retardiert, steht der Jemen in einer ernsten Erosionsphase.
Stabilisierung der morgenländischen Demokratie
Da jede Region der Welt bislang ihren eigenen demokratischen Weg, gewissermaßen als Brückenschlag von der Vormoderne in die Globalisierung, finden muss, kommt der kulturpolitischen Leitfunktion Kairos die Aufgabe zu, arabisch-demokratische Prinzipien zu implementieren, die in vielen anderen nahöstlichen Transformationsstaaten als Orientierung politische und gesellschaftliche Akzeptanz finden. Gelingt das Experiment des Brückenschlags, wofür viele gute Gründe sprechen, geraten Saudi-Arabien und ebenso der Iran in eine kulturelle und gesellschaftliche Defensive von strategischer Dimension.
Im Ergebnis führt die Stabilisierung Ägyptens damit direkt zur indirekten Stabilisierung der Demokratie im Morgenland. Auf den Punkt gebracht gilt für die weitere Entwicklung im Nahen Osten folgende Kurzformel: Israel avanciert (Leviathan-Erdgasfeld), Ägypten reüssiert, Syrien retardiert, Saudi-Arabien stagniert, der Jemen erodiert und der Iran bleibt isoliert.
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