Eine gute Idee ist überall einsetzbar. Michael Bloomberg

Darum war der Bundeskanzler so beliebt

Liest man heute Helmut Schmidts Plädoyer für den fernsehfreien Tag, dann liest sich das so, als klopfe der Bundeskanzler Tür für Tür bei den Bürgern an, um ihnen ins Gewissen zu reden. Man hört ihn förmlich sprechen mit seinem unverwechselbaren hanseatischen Zungenschlag.

Man stelle sich vor: Angela Merkel veröffentlicht in der „Zeit“ einen an das deutsche Volk gerichteten Artikel, in dem sie sich mit dem Freizeitverhalten der Bevölkerung befasst. Sie spricht zwar als Bundeskanzlerin, aber nicht von Politik. Und sie gibt Ratschläge. Etwa den, die Bürger – Kinder eingeschlossen – sollten im Interesse besserer Kommunikation untereinander etwas auf Distanz gehen zu ihren elektronischen Geräten. Wie wäre es, könnte sie fragen, wenn jede und jeder einen Tag in der Woche das iPhone, das Smartphone, das mobile Telefon ausgeschaltet lassen würde. Studien hätten gezeigt, so die Bundeskanzlerin, dass zu viel Umgang mit den elektronischen Geräten abhängig mache. Dass die virtuelle die reale Kommunikation von Mensch zu Mensch zurückzudrängen drohe und insbesondere die Jungen gar nicht mehr die Erfahrung machten, dass es auch ein Leben jenseits von Smartphone und Tablet gibt.

Ein solch schulmeisterlicher, ja gouvernantenhafter Auftritt einer deutschen Regierungschefin würde keine Nachdenklichkeit auslösen, sondern nur dies: Gelächter und Empörung. Es hieße dann, die Bundeskanzlerin mische sich in anmaßender Weise in die privaten Angelegenheiten der Bürger ein, versuche in alter Obrigkeitstradition zu gängeln und den Kleinen den Spaß an der Elektronik zu verderben, die doch das Fenster zur Welt sei. Was die Bürger in ihrer Freizeit tun, gehe Frau Merkel gar nichts an, sie solle ihren Job machen und die Menschen ansonsten nicht behelligen, schon gar nicht mit Appellen. Und andere würden nur lauthals loslachen: Wie kann eine Bundeskanzlerin so naiv sein und ernsthaft glauben, Argumente, gar volkspädagogische Argumente könnten gegenüber den digitalen Elementargewalten auch nur das Geringste ausrichten. Die Diskussion über Angela Merkels Anregung wäre beendet, bevor sie noch begonnen hätte. Und weil das so ist, würde die Bundeskanzlerin einen solchen Artikel nie schreiben.

Dass es sich so verhält, zeigt, wie fundamental sich Deutschland in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert hat. Denn genau das, was Angela Merkel nie tun würde, tat Bundeskanzler Helmut Schmidt im Mai 1978.

Schmidt las den Bundesbürgern die Leviten

Er veröffentlichte in der „Zeit“ einen langen Artikel mit der heute betulich wirkenden Überschrift: „Plädoyer für einen fernsehfreien Tag. Ein Anstoß für mehr Miteinander in der Gesellschaft“. Schmidt ist als ein nüchterner Politiker in Erinnerung geblieben. Als einer, der Pathos fast ganz vermied, Visionen für etwas Gesundheitsgefährdendes hielt und sich als pragmatischer Steuermann verstand. Doch er war mehr. Er mahnte gerne, verteilte häufig Zensuren und scheute sich nicht, wenn er es für nötig hielt, den Bundesbürgern die Leviten zu lesen. Und er gefiel sich in Ausflügen in die Volkspädagogik. Das hatte wohl mit seinem praktischen Sinn zu tun: Wenn dir auffällt, dass dein Nachbar etwas falsch macht, dann sag’ es ihm. Trotz und wegen seines autoritären Auftritts hatte Schmidt etwas sehr Direktes.
Liest man heute Helmut Schmidts Plädoyer für den fernsehfreien Tag, dann liest sich das so, als klopfe der Bundeskanzler Tür für Tür bei den Bürgern an, um ihnen ins Gewissen zu reden. Man hört ihn förmlich sprechen mit seinem unverwechselbaren hanseatischen Zungenschlag. Wohl gab es auch damals heftige Kritik an Schmidts Vorschlag, verlacht und karikiert wurde er auch. Aber es hieß nicht, der Bundeskanzler habe sich im Ton vergriffen. Dass der Kanzler auch ein Pauker sein kann: Das störte damals noch nicht. Auch nicht, dass er einen antiquierten Ton der Belehrung, ja fast der Erbauung anschlug. Schmidt schrieb diese Zeilen am Ende des Zeitalters der großen Worte: Mensch und Maschine, Optimismus versus Pessimismus, Sprache und technisches Zeitalter, Naturbeherrschung und Naturverlust. Kurz: Wo stehst du, Mensch? So arg treibt es Schmidt zwar nicht, aber er schaut schon ohne Scheu in die Wohnstuben der Bürger hinein und erteilt Ratschläge.

Der Bundeskanzler sprach als Familienvater

Früher sei zwar gewiss nicht alles besser gewesen, dennoch habe sich nicht alles zum Guten verändert. Schmidt: „In der letzten Zeit habe ich über die Distanz nachgedacht, mit der sich heute Einzelne und Gruppen in der Bundesrepublik gegenüberstehen. Bei mir wie bei vielen anderen verstärkt sich der Eindruck, die Menschen in unserem Land reden heute nicht genug miteinander, sie tun nicht oft genug etwas miteinander.“ Miteinander reden, gemeinsam etwas tun: Wie altertümlich, ja naiv das heute klingt! Fast wie in der Welt des Volkslieds: „Wohl unter Linden, wo wir uns finden zur Abendzeit.“ Dabei ist es so naiv gar nicht, was Schmidt vorträgt. Denn früh benennt er einen paradoxen Zusammenhang, der im Zeitalter der Digitalisierung in voller, überwältigender Schärfe zu beobachten ist: Die exponentielle Steigerung technischer Möglichkeiten führt gerade nicht zu besseren Ergebnissen. In Helmut Schmidts Worten von 1978: „Dabei ist etwas schwer zu begreifen: Dem Mangel an Kommunikation unter den Menschen steht ein ungemein gewachsenes Angebot an Kommunikationsmöglichkeiten gegenüber.“

Der Bundeskanzler spricht in der Sprache eines Familienberaters, der sich in der Lebenswelt der Bürger umsieht. Er beobachtet: „Das Gerät steht im Wohnzimmer, und es genügt ein Knopfdruck, um es einzuschalten.“ Also: eine niedrigschwellige Verlockung, der schon kleine Kinder erliegen. Das Fernsehen verführt, weil es keine Anstrengung abverlangt, weil es so etwas wie die Erlösung nach der Mühsal des Tages ist. Dabei drohen die Beziehungen der Familienmitglieder unpersönlicher zu werden: „Die Verständigung erfolgt nicht mehr direkt, sondern gewissermaßen in einem Dreieck, an dessen Spitze das Fernsehgerät steht. Häufig erhält es schon einen festen Platz am Abendbrottisch. Wenn dabei wenigstens über die Sendungen gesprochen würde.“ Das Fernsehen, das den Partner ersetzen soll, macht nicht unbedingt dumm, wohl aber stumm.

Sein Plädoyer für die Familie

Vor allem um die Kinder geht es Helmut Schmidt. Sie seien dem Fernsehen schutzlos ausgeliefert, oft habe es in den Familien die Rolle des Babysitters übernommen. Zappeligkeit und Konzentrationsschwäche seien die Folge von zu viel frühem Fernsehkonsum. Was aber tun? Helmut Schmidt beschwört im Grunde die bürgerliche Familie, wie sie sich die nicht-schwarzen Pädagogen der Aufklärung und des 19. Jahrhunderts ausgedacht hatten: die vernünftige, über sich selbst räsonierende und entscheidende Familie. Nicht mehr der pater familias, sondern alle Familienmitglieder sollen im demokratischen Musterstaat Bundesrepublik Deutschland das Sagen haben. So soll der fernsehfreie Tag zustande kommen: „Ich will meine Anregung für einen fernsehfreien Tag noch etwas verdeutlichen. So stelle ich mir vor, man setzt sich innerhalb der Familie zusammen und handelt einen bestimmten Tag in der Woche aus. Das wäre schon eine große Chance für ein besseres Miteinander in den Familien. Die soziale Bedeutung könnte noch größer werden, wenn man sich auch in einem weiteren Kreis, zum Beispiel mit Nachbarn und Freunden, auf einen gemeinsamen Tag einigt.“
Das klingt zwar sehr nach evangelischer Akademie, nach Jugendherberge und Wandervogel. Aber eigentlich ist es keine schlechte Idee, einen Versuch zu wagen: den Versuch, die Kontrolle über die Lebenswelt zurückzuholen oder überhaupt zu erobern. Viele Familien, viele Einzelne tun das sicher, fernsehlose Wohnungen sind keine Seltenheit mehr. Doch der galoppierende Strukturwandel der Öffentlichkeit scheint vorerst in eine andere Richtung zu weisen: weg von der argumentativen Vernünftigkeit der klassischen bürgerlichen Familie. 1999 veröffentlichte der damalige kirchenpolitische Sprecher der Grünen im baden-württembergischen Landtag, Winfried Kretschmann, einen Artikel, in dem er sich für die Erhaltung des arbeits- und weitgehend verkaufsfreien Sonntags, für den Erhalt dåer sonntäglichen Ruhe stark machte („Die Welt“, 21. August 1999). Darin zitierte er einen bekannten Satz des Philosophen Robert Spaemann: Der Sonntag oder Sabbat sei der „Baum, unter dem sich unsere Zivilisation seit Jahrtausenden ausruht“. Wie schön das klingt! Man will nur zustimmen.

Quelle: Die Welt

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Henryk Broder, Vera Lengsfeld, Christian Lindner.

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