Das ist keine Kampfkandidatur. Das ist Demokratie, wenn man Auswahl hat. Renate Künast

Keiner ist ein Künstler

Kreativität finden alle toll. Solange man sie als hübsche Spielerei disqualifizieren kann. Wenn wir Individuen weiter systematisch daran hindern, ihr kreatives Potenzial auszuleben, werden wir als Gemeinschaft scheitern.

Unter Designern kreist seit Jahren eine hübsche Anekdote von Gordon MacKenzie, lange Zeit Senior Creative Director bei Hallmark Cards und engagierter US-Bürger. MacKenzie spricht oft in Grundschulen über seinen Beruf, um den Nachwuchs für Gestaltung zu begeistern. Zu Beginn seiner Auftritte stellt er immer dieselbe Frage: “Wie viele Künstler haben wir hier im Raum?” In der ersten Klasse reißen alle Kinder begeistert die Arme in die Luft. In der zweiten Klasse sind es noch drei Viertel. In der dritten Klasse gehen noch ein paar Hände hoch und in der sechsten meist keine mehr. Die Elf- bis Zwölfjährigen schauen misstrauisch in die Runde. Sie prüfen, ob ein Mitschüler sich traut zu zeigen: Ich bin einer von denen, die keine berufliche Zukunft haben.

“Die Fähigkeit, das Neue ins System zu bringen”

Es ist schwer vorstellbar, dass in Deutschland das Experiment zu einem grundsätzlich anderen Ergebnis käme. Deutschland ist ein Land, das sich nach wie vor als “führende Industrienation” versteht. Industrienationen brauchen traditionell Ingenieure und heutzutage auch Programmierer. Sie brauchen qualifizierte Facharbeiter für den Teil der Produktion, der sich nicht automatisieren lässt. Sie brauchen Betriebswirte für die Prozesse und Juristen für die Verträge und gute Vertriebsleute natürlich auch, damit wir unsere Industriegüter in aller Welt loswerden. Die meisten Unternehmer, Geschäftsführer und Vertriebsvorstände produzierender Industrien haben ebenfalls gemerkt, dass Design verkaufsfördernd sein kann. Die gesellschaftlichen Schlussfolgerungen haben wir daraus leider noch nicht gezogen. Das Design, die Fähigkeit der Formgebung, ist hier nur ein Platzhalter für Kreativität insgesamt, also die Fähigkeit, das Neue ins System zu bringen.

Die Kreativität hat es schwer, denn sie ist wahnsinnig beliebt. In Sonntagsreden – ob auf politischer Bühne, im Unternehmenskontext oder im Kindergarten – wird “das schöpferische Denken als wichtige Ressource des 21. Jahrhunderts” umgarnt, geherzt und gedrückt. Richard Floridas “kreative Klasse” – getrieben von Talent, Toleranz und Technik – ist in diesen Sonntagsreden ein gedanklicher Allgemeinplatz geworden. Die Europäische Union feiert das “Jahr der Kreativität” und es soll Bundesländer geben, die den Förderetat für musische Vorschulbildung ein bisschen erhöht haben. Aber wehe, jemand meint es in der Politik, im Unternehmen oder in der Bildung mal ernst mit radikal neuen oder quer liegenden Ansätzen. Die Außenseiterposition ist ihm so sicher wie dem Elfjährigen, der sagt: “Ich bin ein Künstler.”

“Die Flause ausreden”

Ein guter Bekannter, Patenonkel eines blitzgescheiten 17-Jährigen, erzählte mir kürzlich folgende, ebenfalls sehr hübsche Anekdote: Der Junge spielt mit großer Leidenschaft Saxofon und will Musik studieren. Der Vater, promovierter Physiker, bat den Patenonkel, dem Nachwuchskreativen diese Flause auszureden. Das ist gelungen. Er will jetzt Philosophie studieren. Der Patenonkel, er selbst sehr erfolgreicher Unternehmer, fragt sich, ob man damit Unternehmensberater werden kann. Das geht vermutlich. Zumindest wenn der Junge hinter seinen kreativen Möglichkeiten zurückbleiben möchte. In den USA ist die Zahl der Berufsmusiker – Komponisten eingerechnet – in den letzten drei Jahrzehnten um 50 Prozent gestiegen. Ihr Einkommen liegt deutlich über dem Durchschnitt.

Buchtipp:

Wolf Lotter: Die kreative Revolution. Was kommt nach dem Industriekapitalismus, Murrmann 2009.

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