Die EU war in ihren besten Zeiten eine Art aufgeklärter Absolutismus. Alan Sked

Kassensturz: Vollgeld für eine bessere Welt

Mit Vollgeld könnten die Euro-Staaten bis zu 60 Prozent ihrer Schulden tilgen – und der Finanzwirtschaft so ein Schnippchen schlagen.

In den letzten Jahren versuchte die EZB mit diversen Mitteln, die Wirtschaft im Euro-Raum anzukurbeln. Vieles verpuffte, da zusätzliches Geld die Realwirtschaft kaum erreichte. Stattdessen wurden die Finanzmärkte angefeuert. Mit der Vollgeld-Reform bekäme die EZB Instrumente in die Hand, um die Realwirtschaft besser erreichen zu können. In der Schweiz läuft derzeit die Unterschriftensammlung, um eine Volksabstimmung über die Vollgeld-Initiative einzuleiten.

Eine der letzten aufsehenerregenden Maßnahmen der EZB ist die Einführung eines Negativzinses auf EZB-Guthaben der Banken. In welchem Umfang brauchen Banken überhaupt Guthaben bei der EZB?

Banken im Euro-Raum müssen eine „Mindestreserve“ von einem Prozent ihrer Kundenguthaben als Guthaben bei der EZB halten und sie benötigen etwas EZB-Guthaben für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Es handelt sich also nur um kleine Summen im Verhältnis zur gesamten Geldmenge. Die Banken werden durch den Negativzins kaum belastet und sie müssen deshalb auch keinen Negativzins an ihre Kunden weitergeben – sie können es aber als Argument nutzen, um ihre Zinszahlungen zu reduzieren.

Der Euro im Sinkflug

Anders ist es beim Devisenhandel. Um ausländische Währungen in Euro zu wechseln, werden nicht ein Prozent, sondern 100 Prozent EZB-Guthaben benötigt. Wenn jemand US-Dollar in Euro bei einer Bank umtauscht, leitet die Bank die US-Dollar an die EZB weiter und bekommt ein entsprechendes Euro-Guthaben, für das sie Negativzins bezahlen muss. Diese Kosten muss die Bank an ihre ausländischen Kunden weitergeben, weshalb der Euro unattraktiv wird. Das wirkt! Seit der Einführung des Negativzinses im Juni 2014 ist der Euro gegenüber anderen Währungen im Sinkflug. Der Negativzins belastet also vor allem ausländische Anleger und schwächt den Euro, womit die Euro-Länder billiger exportieren können.

Der Negativzins führt aber auch dazu, dass die Zinshöhe insgesamt sehr niedrig und Kredite sehr billig werden. Das hat Nebenwirkungen, denn die kreditfinanzierten Finanz-, Aktien- und Immobilienmärkte können heiß laufen und sich zu gefährlichen Finanzblasen entwickeln.
Warum will die EZB den Euro schwächen? Um die Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu senken. Diese Ziele könnten mit der Vollgeld-Reform zielgerichteter erreicht werden.

Im heutigen Geldsystem wird 90 Prozent unseres Geldes von den Banken hergestellt, nämlich alles elektronische Geld auf den Girokonten. Nur 10 Prozent des Geldes sind Münzen und Banknoten der Zentralbank. Vollgeld-Reform heißt, dass den Banken verboten wird, Buchgeld zu erzeugen. Das darf dann nur noch die Zentralbank. Das bestehende Banknotenmonopol soll vom Papiergeld auf das Buchgeld ausgeweitet werden. Außerdem soll neues Geld nicht nur durch Bankkredite in Umlauf kommen, sondern auch durch schuldfreie Auszahlung an die Staaten oder direkt an die Bürgerinnen und Bürger.

Vollgeld stärkt auf vier Arten die Realwirtschaft

1) Schuldfrei in Umlauf gebrachtes Geld kommt über Staats- oder Bürgerausgaben in der Realwirtschaft an und unterstützt diese. Dagegen bedient das heute über Bankkredite in Umlauf gebrachte Geld mehr die Finanzspekulation. Denn kreditwürdig sind reiche Menschen, die zusätzliches Geld nicht für den Konsum brauchen. Dagegen bekommen ärmere Menschen kaum Kredite, deren Ausgaben gehen aber meist voll in die Realwirtschaft. Aus diesem Grund bringen niedere Leitzinsen der Zentralbanken meist nur wenig für die Realwirtschaft, sondern füttern Spekulationsblasen. Dieses Problem wird durch die schuldfreie Inumlaufbringung von Geld gelöst.

2) Mit der Vollgeld-Reform könnten die Euro-Staaten mittelfristig bis zu 60 Prozent ihrer Staatsschulden tilgen und entsprechende Zinszahlungen einsparen – für Deutschland handelt es sich um etwa 40 Milliarden Euro Jahr für Jahr! Weniger Zinszahlungen für Staatsschulden heißt weniger Abfluss von Geld in die Finanzwirtschaft. Diese Zinsen auf Kosten der Steuerzahler gehen im Wesentlichen an die Reicheren. Diese kontinuierliche Umverteilung wird durch die Vollgeld-Reform beendet.

3) Mit Vollgeld können Banken ihre Spekulationen nicht mehr selbst finanzieren: Banken brauchen im Vollgeld-System „richtige“ Einlagen, also Spargelder oder Investoren, und können nicht aus Profitinteressen einfach Geld aus der Hosentasche zaubern und für den Eigenhandel oder Spekulationskredite verwenden. Damit entfällt eine wichtige Quelle von Finanzblasen. Nur wenn zum Beispiel die Sparer zustimmen (und somit ein größeres Risiko eingehen), können noch Gelder in die „Spekulation“ fließen. Es ist wieder Eigenverantwortung und Mitbestimmung gefragt: Nicht mehr die Allgemeinheit haftet für geplatzte Blasen, sondern nur die Menschen, welche bereit waren, das Risiko einzugehen.

4) Wenn die Zentralbank Kredite an das Bankensystem gibt, so kann sie das mit Auflagen versehen, zum Beispiel, dass diese Gelder nur für Investitionen in der Realwirtschaft bestimmt sind. Das wäre nichts prinzipiell Neues. Am 5.6.2014 beschloss die EZB bis zu 400 Milliarden Euro Zentralbankkredite, die nur zur Finanzierung von Krediten an Unternehmen verwendet werden dürfen.
Ein Vollgeld-System sorgt viel mehr als unser heutiges Bankengeld-System dafür, dass Geld in die Realwirtschaft fließt und nicht in die Finanzspekulation.

Buchhinweis:
Thomas Mayer / Roman Huber: Vollgeld – Das Geldsystem der Zukunft, Tectum-Verlag

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Groß, Joseph Huber, Alexander Schumann.

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