The European: Auf der Suche nach kompetenter 3D-Lehre verweisen online die virtuellen Pfeile allesamt zur Filmakademie. Ist 3D heute schon ein starkes Thema in ihrem Haus?
Haegele: Wir lehren kein isoliertes 3D, sondern integrieren die Technik in die Filme, die wir für diverse Medien produzieren. Der neue Bild- und Abspielstandard 3D-Stereo breitet sich derzeit im Kino im Bereich Animation stark aus, andere Medien werden auf den Zug aufspringen. Sony und Panasonic haben auf der IFA verkündet, dass sie im kommenden Jahr das nötige Equipment auf den Markt bringen werden. 3D-Stereo wird nicht mehr nur für Kino und Fernsehen ein Abspielstandard sein, sondern auch für Games und Handys mit stereoskopischen Displays. Daher muss immer mehr Content produziert werden. Vereinzelt geschieht das sogar heute schon: Die Effektteile des aktuellen Michael-Jackson-Films sind bereits stereoskopisch. Wenn man den Film in 3D auf den Markt bringen möchte, müsste man nur noch die Realteile umarbeiten und eine stereoskopische Auswertung ist möglich. Mittlerweile gibt es bestehende und in der Entwicklung befindliche Techniken, die es ermöglichen, stereoskopische Bilder aus klassischen Filmbildern herauszurechnen. Teilweise funktioniert das schon automatisch, zum Teil muss es noch von Hand gemacht werden.
The European: Wie reagiert die Filmakademie auf die neuen technischen Entwicklungen?
Haegele: Natürlich spielt der Standard für die Filmakademie eine große Rolle. So richten wir derzeit unser eigenes stereofähiges digitales Kino ein. Selbstverständlich werden wir auch Stereokameras in unseren Kamerapool aufnehmen. Unsere Postproduktionssysteme sind zum Teil schon voll stereofähig, zum Teil arbeiten wir daran. Unsere technische Infrastruktur ist vorhanden und wir werden ein Produktionsstandort werden. Nun müssen wir uns darauf konzentrieren, dass wir auch die gestalterischen Mittel unterrichten. Denn natürlich habe ich bei 3D andere dramaturgische Möglichkeiten, um mit der Tiefe zu spielen. Das Geschehen – vor und hinter der Leinwand – muss man künstlerisch in den Griff kriegen und dramaturgisch in die Geschichte mit einbinden. Dass man die Bilder entsprechend anlegen muss, ist ebenfalls ein Teil des Unterrichts. Einen speziellen 3D-Unterricht wird es bei uns nicht geben, 3D muss viel mehr überall auftauchen und eine Rolle spielen.
The European: Gibt es denn schon erste stereoskopische Filme aus der Filmakademie, die den Weg ins Kino gefunden haben?
Haegele: Die Entwicklung ist noch sehr jung, von unseren Absolventen hat sich bisher noch niemand schwerpunktmäßig dafür interessiert. Vereinzelt haben wir aber schon immer stereoskopische Arbeiten gemacht, nur gab es dafür noch keinen Abspielmarkt. Das hat sich nun verändert, das Interesse der Produktionsfirmen wächst. Aktuell sind vier bis fünf Projekte mit stereoskopischen Einlagen in der Produktion. Ich selbst habe bereits in den 80er-Jahren Erfahrung auf dem Gebiet gemacht, allerdings in einem Bereich, in dem Stereoskopie schon immer eine Rolle gespielt hat: in Funkparks und im Ausstellungsbereich. Durch die neuen technischen Möglichkeiten der digitalen Projektion kann man eine stereotechnisch sehr gute Qualität relativ problemlos auf verschiedene Abspielformate kriegen: Das ist eine völlig neue Situation.
The European: Ist 3D ein Trend aus Amerika auf den Deutschland lediglich reagiert?
Haegele: Viele Phänomene im Medienbereich werden zuerst am Riesenmarkt USA sichtbar, das ist kein 3D-Stereo-Spezifikum. Manchmal funktioniert das auch umgekehrt. Fakt ist, dass es auch in Deutschland eine mindestens so lange 3D-Stereo-Tradition gibt wie in den USA. Aber eine Innovation im Kino ist natürlich durch die sehr starke Marktposition der amerikanischen Distributionsfirmen gerne an Amerika gekoppelt.
The European: Wie, denken Sie, wird sich das 3D-Kino vom jetzigen Boom aus weiterentwickeln?
Haegele: Die Umrüstung deutscher Kinos auf digitale Projektion geht derzeit voran, wie an einigen Standorten schon ersichtlich ist. So gibt es in Stuttgart mittlerweile drei Kinos, die stereoskopische Filme projizieren können. Vor einigen Tagen hat Staatsminister Neumann verkündet, dass die Koalitionsvereinbarung auch beinhaltet, dass die Umrüstung der Kinos auf digitale Projektion unterstützt werden soll. Es kann davon ausgegangen werden, dass in wenigen Jahren die meisten Kinos in Deutschland digitale Projektoren haben müssen, um konkurrenzfähig zu sein. Digitale Studios auf Stereo umzurüsten, das ist dann – auch in finanzieller Hinsicht – nur noch ein kleiner Schritt. Es werden sicher viele Kinos mitmachen, da das eine zusätzliche Attraktivität bietet. Fraglich, wie das Publikum die möglichen Mehrkosten aufnimmt, aber die technischen Möglichkeiten sind vorhanden. Wenn auch die Sender anfangen, stereoskopische Aufzeichnungen zu senden, wird das Interesse da sein. Ich habe eine stereoskopische Sportsendung über American Football gesehen und war beeindruckt. Denn es handelt sich um einen Sport, zu dem ich sehr schwer einen Zugang finde, in Stereo war das allerdings ganz anders: Plötzlich sah ich, was sich innerhalb des Menschenknäuels abspielt, das war viel eindringlicher und spannender als im klassischen Fernsehen. Der Nutzwert für den Zuschauer ist auf jeden Fall gegeben.
The European: Neben den ganzen technischen Details, was sagen Sie zum Lieblingsvorurteil mancher, dass die Technik nur vom fehlenden Inhalt ablenken soll?
Haegele: Es gab auch das Vorurteil von den Puristen, dass Farbe vom Inhalt ablenkt und dass Sprache im Film etwas ganz Schreckliches ist. Ich denke, das wird immer von einem neuen technischen Format gesagt.
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