Stolze Menschen verirren sich lieber, als nach dem Weg zu fragen. Winston Churchill

Am Altar der Mode

Er ist, was er trägt. Der Hipster gibt sich gerne leger, bärtig und zerzaust – sein Aussehen ist seine Religion.

Zuerst, liebe Dandys, lasst uns mit bestmöglicher wissenschaftlicher Präzision darüber nachdenken, was ein Dandy eigentlich ist. Ein Dandy ist ein Mensch der Kleidung, ein Mensch, dessen Beruf, Handwerk und Existenz aus dem Tragen von Kleidung besteht. Jeder Bereich ­seiner Seele, seines Geistes, seiner Person und seines­ Geldbeutels ist heroisch diesem einen Ziel ­gewidmet: Kleidung gut zu tragen. Andere kleiden­ sich, um zu leben – der Dandy dagegen lebt für die Kleidung. Diese überwiegende Wichtigkeit der Kleidung ist aus dem Geist des Dandys wie ein Geistesblitz entsprungen: Seine Inspiration ist das Textil, er ist ein Dichter der Textilien. […]

Wie jeder furchtlos-kreative Enthusiast lässt der­ Dandy die Idee des Textils zur Handlung werden: Er zeigt sich seinen Mitmenschen in besonderer Aufmachung, er wandelt auf dieser Erde als Zeuge und lebender Märtyrer des ewigen Wertes von Kleidung. Wir nennen ihn einen Poeten: Ist sein ­Körper nicht das Pergament, auf dem er mit kunstvollen­ Farbstoffen­ ein Sonnet für die Augen seiner Angebeteten schreibt? Ein Epos und Clotha­ Virumque Cano an die ganze Welt in lyrischen Versen.­ Ja, wenn wir uns angesichts dieser Beobachtungen eingestehen, dass der Dandy ein Prinzip­ des Denkens und einige Begriffe von Zeit und Raum verinnerlicht hat, liegt dann nicht in dieser seiner Lebenshingabe an die Kleidung, in dieser so freiwilligen Aufopferung des Unsterblichen für das Vergängliche eine Vermischung und Identifikation der Ewigkeit mit der Zeit – eine gar prophetische Qualität?

Und was verlangt der Dandy als Gegenleistung für sein Märtyrertum, für seine Poesie und sogar für seine Prophezeiungen? Er verlangt nur, dass du seine Existenz erkennst, er verlangt nach Anerkennung als lebendes Objekt oder, falls das nicht möglich ist, als visuelles Objekt, als ein Ding, an dem die Lichtstrahlen reflektiert werden. Er will weder Gold noch Silber, sondern lediglich die Aufmerksamkeit deiner Augen. Verstehe seine mystische Bedeutung oder verkenne und missdeute sie gänzlich – aber schau ihn an und er ist glücklich. Es wäre auch schändlich, wenn die undankbare Welt ihm selbst dies verweigern würde und sich lieber an den optischen Kuriositäten getrockneter Krokodile und siamesischer Zwillinge ergötzt und den Dandy, dieses Wunder des Alltags, mit flüchtiger Gleichgültigkeit und kaum verborgener Verachtung straft. Kein Zoologe und kein Mediziner seziert ihn, in keinem Museum wird er ausgestellt! Er kann sich den besten Anzug, das beste Hemd und die besten Schuhe anziehen – die uneinsichtige Öffentlichkeit beschäftigt sich mit anderen Dingen und läuft an ihm vorbei.

Die Dandy-Tempel der Hauptstadt

Das Zeitalter der Neugier ist wahrlich vorüber. Oder vielleicht schläft es nur? Denn hier tritt die Philosophie der Kleidung in Erscheinung, die Neugier­ erneut zu erwecken. Sollten die Einsichten­ dieser Wissenschaft sich durchsetzen, so werden die essenzielle Natur des Dandys und seine mystische Bedeutung nicht länger verborgen bleiben. Die folgende Passage des deutschen Professors Teufelsdröckh bringt Klarheit in die Sache:

„In dieser verwirrten Zeit“, schreibt er, „sind die Prinzipien der Religion aus den meisten ­Kirchen vertrieben worden und liegen entweder auf dem Herzensgrund des guten Menschen ­begraben, Ausschau haltend und in sehnsuchtsvoller ­Erwartung einer neuen Offenbarung, oder wandern obdachlos­ durch die Welt wie Seelen, die ihres Körpers ­beraubt worden sind […] Es ­erscheint mir daher, dass diese neue Sekte der Dandys lediglich eine Neuauflage des mittelalterlichen Aberglaubens ist, eine Form der Selbstverehrung. Wenn ­jemand sie also als Dämonenverehrung bezeichnen mag, so habe ich keine Einwände. Die Anhänger dieser Sekte zeichnen sich aus durch großen Mut und Ausdauer. Sie grenzen sich ab durch ihre besonderen Kostüme und auch durch ihre Sprache. Sie haben ihre eigenen Tempel, und genauso wie ­Jerusalem als Ort der höchsten­ Tempel auserwählt worden war, so sind auch die höchsten Tempel der Dandys auch heute in der Hauptstadt zu finden.“

Teufelsdröckh weiter: „In einer der Prophezeiungen der Sekte habe ich eine Passage entdeckt, die anscheinend eine Art Glaubensbekenntnis darstellt, eine Auflistung der Pflichten der Gläubigen. Ich schicke mich an, sie hier in gekürzter Form in ­sieben Punkten wiederzugeben und dabei zur Vermeidung von Fehlern nach Möglichkeit aus dem Original­ zu zitieren:

  • Ein Mantel darf keine Dreiecksform haben; gleichzeitig sollten Falten sorgfältig vermieden werden.
  • Der Kragen ist ein wichtiger Punkt: Er sollte hinten niedrig und leicht gerollt sein.
  • Für einen Menschen des guten Geschmacks lässt sich körperliche Fülle durch keine Zügel­losigkeit der Mode entschuldigen.
  • Ein Frack ist immer eine sichere Option.
  • Der gute Geschmack eines Mannes ist nirgends offensichtlicher als in seinen Fingerringen.
  • Unter bestimmten Bedingungen ist es der Menschheit erlaubt, weiße Westen zu tragen.
  • Die Hosen müssen an der Hüfte überaus eng sitzen.

Gegenwärtig erlaube ich mir, all diese Sätze mit Bescheidenheit aber unwiderrufbar zu verneinen.“

Historischer Textauszug aus „Sartor Resartus“ (1836)

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Clemens Schneider, Gunter Weißgerber, Oscar Wilde.

Cover_macht

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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